Rezension

Das Wesen einer Figur- „Nora Webster“

mit einer Figurenanalyse aus dem Roman „Nora Webster“ von Colm Toibin (Carl Hanser Verlag 2016)

Handlung entwickelt sich aus den Figuren, aus deren Handeln, Nicht-Handeln, Denken, Fühlen und  Sein, aus ihrer Sprache, ihrer Erziehung, Herkunft und ihren Werten. Je präziser das Wesen einer Figur herausgearbeitet ist, umso nachvollziehbarer und lebendiger sind die entstehenden Handlungsstränge, umso klarer wird die Beziehung zwischen Figur und Handlung.

In Nora Webster erzählt uns Toibin die Geschichte einer Frau, die sich nach dem viel zu frühen  Tod ihres Mannes in einer  irischen Kleinstadtgesellschaft der 60-er Jahre behaupten muss.  Toibin entscheidet sich für eine starke, unangepasste Frauenfigur, die sich in ihren Beziehungen zu Familie,  Freunden, Nachbarn und Arbeitgebern neu erfinden muss und dazu aus dem Schatten ihres Mannes heraustritt, ihre eigene Stimme ausprobiert, Entscheidungen trifft, Fehler macht, kämpft, aneckt und sich Freiräume erarbeitet.

Wir erfahren wenig über Noras Äußeres, aber wir lernen ihre Art zu denken und zu handeln kennen. Einen der ersten Einblicke in Noras Wesen bekommen wir auf Seite 10, als zu später Stunde noch eine alte Bekannte vorbei kommt um zu kondolieren.

„Nora ging nach oben und vergewisserte sich, dass die Jungs schliefen. Sie lächelte in sich hinein, als sie sich vorstellte, sie würde sich jetzt ebenfalls ins Bett legen und einschlafen, während May Lacey unten, sich selbst überlassen, ins Feuer starrte und vergeblich auf sie wartete.“

Nora hat anfangs  immer wieder diese Vorstellungen „was wäre wenn“. Sie probiert gedanklich neue Verhaltensweisen aus, die von der Konvention abweichen, oft im Spaß, dann aber auch sehr real:

„Die meisten Leute, nahm sie an, brauchten Zeit zum Nachdenken, bevor sie eine Entscheidung trafen. Wahrscheinlich hatte jeder in diesem Saal Wochen Zeit gehabt, sich zu überlegen, ob er wirklich in die Gewerkschaft eintreten wollte. Sie hingegen hatte sich einer Sekunde dazu entschlossen, und jetzt kam es ihr vor, wie ein Akt purer Dummheit. Einen Moment lang fragte sie sich, wie sie das Maurice erklären sollte, und stellte sich vor, wie verblüfft er durch das, was sie getan hatte, sein würde. Und als ihr dann blitzartig einfiel, dass es niemanden gab, vor dem sie sich hätte rechtfertigen müssen , war sie erleichtert.“ (S. 185)

Auf Seite 7 erfahren wir, welcher Grundmotor Nora antreiben wird:

„<Die Leute meinen es gut>, wiederholte sie, aber diesmal machte es sie traurig, das zu sagen, sie musste sich auf die Lippe beißen, um die Tränen zurückzuhalten. Als sie Tom O´Connors Blick sah, begriff sie, dass sie niedergeschlagen, ja besiegt gewirkt haben musste. Sie ging ins Haus.“

Nora ist sehr sensibel dafür, wie Menschen ihr begegnen und sie spürt, dass der Tod ihres Mannes sie schutzlos macht, angreifbar. „Besiegt“- so reflektiert sie ihre Aussenwirkung. Die Aufmerksamkeit des Lesers wird dafür geschärft, was Nora ändern wird, um den Eindruck des Besiegtseins abzustreifen. Besiegtsein hat mit Freund und Feind zu tun, mit Kampf und Waffen. Welche Waffen hat Nora in der kleinbürgerlichen Gesellschaft um sich zu behaupten, auf welchen Gebieten kann sie sich Terrain erobern…

Eine gute Übung ist es, Ihre Lieblingsbücher auf die Erstvorstellung der Hauptfigur hin zu untersuchen. Diese ersten Eindrücke vermitteln prägnante Wesenszüge, die bedeutsam sind für die Handlung. Die Einführung einer Figur beinhaltet oft die wesentliche Essenz des Charakters.

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