Rezension

Das Wesen einer Figur – „Sommer ohne Männer“

Gedanken zur Figur der Mia, Ich –Erzählerin in „Sommer ohne Männer“ von Siri Hustvedt (dt. Fassung 2011)

Der „Sommer ohne Männer“ findet in der überschaubaren Heimatstadt Bonden der Ich-Erzählerin Mia statt, nachdem ihr Mann Boris sich nach 30 Ehejahren eine „Pause“ mit einer jungen Wissenschaftlerin gönnt und Mia daraufhin für kurze Zeit in der Psychiatrie landet.

Die Welt dieses Sommers ist klein: Neben Mias in Zwischenmiete bezogenem Haus, in dem sie ihre Wut und Trauer durch Schreiben auszudrücken versucht, gibt es die Nachbarin Lola, zu der sich eine Freundschaft entwickelt, sowie Mias Mutter, die unweit im Altenheim wohnt und dort zusammen mit vier weiteren alten, agilen und nicht alltäglichen Damen die „fünf Schwäne“ bildet.

Dann ist da noch der Creative-Writing-Sommerkurs, den Mia, Poetin und Literaturlehrerin, einer siebenköpfigen Schar pubertierender Mädchen gibt.

Als Mail- und Telefonkontakte treten auf: ihre Tochter Daisy, Boris, ein Mr. Nobody, der ihr erst freche und dann philosophische Mails schreibt und ihre Psychoanalytikerin Doktor. S.

Altenheim, Nachbarn, Poetikklasse, alte Frauen, junge Mutter, pubertierende Mädchen – das ist das unaufgeregte aber heterogene Setting, das den Lebensbetrachtungen von Mia Nahrung und Spiegel bietet.

Das Buch liest sich flüssig, ist wunderbar angereichert mit Wissenswertem und klugen Betrachtungen zu den Beziehungen von Mann und Frau, Sex und Liebe, zu Jung- und Altsein, zu Leben und Tod – und dennoch  fühlte ich mich beim Lesen immer wieder genervt von Mias Selbstreflexionen. Warum das?

Ein Erklärungsversuch: Mia geht es materiell gut. Sie kann sich in Bonden vollständig auf sich selbst konzentrieren und kann es nicht nur, sondern tut es. Wo immer sie auftritt begegnen ihr Wärme, Wertschätzung, Lob, Bestätigung und Verständnis. Die Beziehungen zur Familie, zu Mutter, Tochter, Mann, Schwager, Schwester: tadellos. Ihre Poetikklasse gelingt, die Freundschaft zur Nachbarin gedeiht.

Mia lebt in einer wunderbaren Blase verletzter Seelenschönheit. Sie hat keine dunklen Seiten, keine offenen Rechnungen, sie ist arglos, hypersensibel, war als Kind schon Mobbingopfer, hat bei Vater und Mann Rollen gespielt, sich geopfert in mancherlei Hinsicht, gehörte selten „dazu“. Sie arbeitet sich ab an diesen Verletzungen, versucht die Gründe zu beleuchten und tut das überaus vielschichtig und spannend.

Hinter all dem aber spüre ich Eitelkeit, eine Hybris, eine vielleicht typisch amerikanische psychoanalytische Deutung des eigenen Lebens mit fortwährender Selbstbestätigung der eigenen Lebensweise und des eigenen Wesens. Da ist kaum ein Blick auf die dunkleren Seiten des eigenen Charakters zu lesen – echte Selbstreflexion geht anders.

Mia und ihre Ausführungen sind immer dann interessant, wenn sie kantig werden, wenn sie so fein beobachtet beschreibt, wie das Mädchen Ashley seine grausame Seite zeigt, wenn sie versucht zu erklären, warum sie Lola oder die Altersklugheit ihrer Mutterbewundert.

Mia selbst ist ein gutes, zartes, noch immer schönes, rothaariges, bemühtes und intelligentes Wesen, Poetin, liebevolle Mutter, Tochter, Schwester, Lehrerin und Ehefrau, oft zu kurz gekommen, oft gekränkt, immer ein bisschen psychotisch aber tapfer mit den Füßen auf den Boden zurück.

Solche eindimensionalen Gutmenschen machen mich misstrauisch. Mag sein, es gibt mehr von ihnen als ich glauben mag. Ich denke aber, dass die Mehrheit der Frauen deutlich facettenreicher ist als Mia und deutlich stärkere Reibungsflächen mit Menschen und Umfeld haben.

Ich hätte mir gut vorstellen können, dass sich Mia hinter einen personalen Erzähler zurückzöge, aufhören würde mit der eigenliebezarten Selbstbespiegelung und sich stattdessen ein wenig scharfkantiger von außen betrachten lassen würde. Sie könnte zu einer spannenden Frau mutieren.

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