Fingerübung, Schreibübung

Die Sinne schärfen

Eine sehr gute Übung  um sich in Schreibstimmung zu bringen, ist die Schärfung der Sinne anhand eines Gegenstandes.  Diesen Gegenstand mit allen Sinnen zu erfassen,  auf die inneren Bilder zu achten, die entstehen, die Stimmungen, die wachgerufen werden- all das bereitet den Geist darauf vor, aus den Tiefen zu schöpfen, neue Bilder zu entwickeln, sich auf Beobachtungs- und Formulierungsterrain zu begeben.

Diese Übung ist inspiriert von einem tollen VHS-Schreibkurs der Roman- und Sachbuchautorin Ines Witka.

Suche Dir ein Gemüse (wahlweise natürlich Obst, Getränk wie Tee oder Kaffee, Brot, Gewürze, Pflanzen, Tiere- was immer Du gerade in Reichweite hast).

Nehme das Gemüse bewusst in die Hand, schließe die Augen, fühle, rieche, reibe, lecke dran, schüttle es, wiege es in der Hand, ist es kalt, warm, weich, rau, groß… öffne die Augen, betrachte es genau, erforsche Farbe, Form, Oberfläche,  esse ein Stück davon, taste mit der Zunge, spüre über die Zähne, kaue langsam, wie fühlt es sich an, woran denkst Du.

Im Anschluss kannst Du zum Beispiel ein Elfchen aus Deinen Empfindungen/Erfahrungen mit dem Gemüse machen.

Elfchen sind kleine Gedichte mit insgesamt 11 Wörtern in 5 Zeilen und eine wunderbare kreative Einstiegsübung ins Schreiben,  um  Hand und Geist zu lockern.

  • Zeile 1: Ein Wort              Thema, Idee, Stimmung, (oft ein Adjektiv oder Substantiv)
  • Zeile 2: Zwei Wörter       verdeutlicht das Thema, die Idee
  • Zeile 3:  Drei Wörter       was tut sich, wo geschieht etwas…
  • Zeile 4:  Vier Wörter       häufig ein Bezug zum Schreiber, beginnt dann ggf. mit „Ich“
  • Zeile 5:   Ein Wort            Schlusswort oder überraschende Wendung

Die Zeilen müssen sich nicht reimen, können es aber natürlich.

Wer ein bisschen üben mag: hier gibt es einen Elfchenhelfer im Internet (nach einigen Beispielen geht es los).

Unser Elfchen soll als Rätsel geschrieben werden – also  umschreibe das Gemüse so, dass der Hörer des Elfchens raten kann, worum es geht.Hier ein Beispiel aus meiner Feder:

Faserig,
voll Saft,
du scharfes Gelb,
kommst in meinen Tee.
Plopp.

Im Anschluss kannst Du Deine Empfindungen, Assoziationen, Wahrnehmungen auch auf einem Blatt Papier clustern.

Schreibe dabei  alles,  was Dir beim Tasten, Schmecken, Fühlen, Sehen eingefallen ist um Dein zentrales Wort und versuche dabei logische  Gruppen zu bilden, also zu „clustern“. Lass Deinem Gedankenstrom freien Lauf. Das kann dann- in meinem Fall des Ingwers – so aussehen:

cluster-ingwer

Nun mach Dir einen Spaß und verkaufe Dein Gemüse wie ein Markverkäufer. Dazu suche Dir die Begriffe/Cluster  heraus, die dich am Meisten anspringen und schreibe mit diesen Begriffen.

Das sieht bei mir dann so aus:

Frisch aus den Anden eingetroffen, die köstlichsten Ingwerknollen der Welt-
meine Damen und Herren, für wenig Geld,
aus biologischem Anbau, für jedes Wehwehchen,
machen Sie sich ein Ingwerteechen.
In der Küche kaum zu vermeiden,
gehobelt, gepulvert, am Stück und in Scheiben.
Den gelben Gesellen als Sirup in Sekt,
Kandiert und schokoliert zum  Nachtisch: das schmeckt!

Diese Methode kann Dir ganz konkret dabei helfen, eine knifflige Stelle in Deinem aktuellen Schreibprojekt zu gestalten, wenn Du zum Beispiel merkst, dass eine Szene mit zu wenig oder unscharfen Sinneseindrücken gestaltet ist, dass sie nicht „lebt“ und für den Leser nicht erfahrbar ist.

Viel Spaß beim Sinneschärfen wünscht Dir Anja

 

 

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s