Rezension

„Winternovellen“ von Ingvild H.Rishoi

„Winternovellen“ von Ingvild H. RISHØI, Open House Verlag Leipzig, 1. Auflage 2016

Über Neujahr habe ich ein wunderbares Büchlein der Norwegerin Ingvild Rishoi gelesen- drei Novellen enthält es, alle von einem Zauber getragen, der darin gründet, dass Rishoi ihre Ich-Erzähler liebt, ihnen unter die Haut gekrochen ist, bevor sie sie erzählen lässt.

Allen drei Geschichten ist eigen, dass es neben dem die Novelle begründenden unerhörten Ereignis noch ein zweites Ereignis am Ende der Geschichte gibt. Diese beiden Geschehnisse umrahmen die jeweilige Lebensepisode der Protagonisten.

Die Anlässe der Geschichten sind solche, die uns bei genauem Hinsehen jeden Tag, überall begegnen können: die Weltuntauglichkeit eines Exknackis beim Einkauf eines Kopfkissens für den Sohn, die nasse Hose der kleinen Tochter einer alleinerziehenden Mutter in Geldnot, die drohende Zwangseinweisung einer überforderten Jugendlichen, die sich um die Geschwister sorgt.

Der Leser taucht für einen Moment in das Leben dieser Menschen ein, ein zentraler, kleiner Moment, der das Ganze beleuchtet.

Rishoi stellt ihre Ich-Erzähler nie bloß, lässt sie nie selbstmitleidig sein. Sie hat, was sie schreibt, genau beobachtet, genau gefühlt und schreibt mit großer Zärtlichkeit und Intensität:  Wir frieren mit Rebecca, schwitzen mit der jungen Mutter im Kaufhaus, ringen mit Thomas zusammen um die richtige Reaktion. Rishoi gelingt es, mit wenigen Worten eine dichte Figur zu schaffen, mit tiefen Einblicken in deren Vergangenheit, Gedankenwelt und Selbstwahrnehmung. Wir treffen die Protagonisten in ihren schwierigen Lebenssituationen, in ihrer – im wahrsten Sinne – unerhörten Not. Aber sie sind auch die Helden ihrer Leben, kämpfen ihren täglichen Kampf darum, ein guter, besser Mensch zu sein, ihrer Aufgabe gerecht zu werden und geben sich Mühe mit dem Leben und den ihnen gestellten Aufgaben und Schicksalen. Sie verlieren nicht die Hoffnung: „Alles kann gut werden.“ (aus: Wir können nicht allen helfen“)

Und diese Hoffnung ist berechtigt- denn da gibt es am Ende der Novellen diese Menschen, die aufmerksam sind, die im Rauschen der Welt diese eine Stimme, dieses eine Wort hören, das nach ihnen ruft. Und dann ist es da, das Doch-Gehört-Werden.

Zum Neuen Jahr ist das vielleicht einer der schönsten Vorsätze, die man nach der Lektüre für sich ziehen mag: dieser Mensch zu sein, der aufmerksam ist, hinhört und handelt. Wie wenig es manchmal bedarf, um Unerhörtes zu Erhörtem zu machen.

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