Rezension

„Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor

„Schlaflose Nacht“, Margriet de Moor, Carl Hanser Verlag München 2016

Diese Novelle wurde neu bearbeitet. Sie erschien erstmalig 1989 in den Niederlanden und 1994 auf Deutsch unter dem Titel „Auf den ersten Blick“.

Das der Novelle zugrunde liegende Ereignis fand vor über dreizehn Jahre statt. Damals beging Ton, der Ehemann der Ich-Erzählerin, nach nur anderthalbjähriger Ehe ohne ersichtlichen Grund Selbstmord. Seit damals ist die Lehrerin Witwe und hat sich ihr Leben zwischen ihrer Arbeit als Grundschullehrerin, dem nächtlichen Backen und Denken und sporadischen One-Day-and-One-Night-Stands eingerichtet. Mit diesen Männern gibt sie nicht nur den Bedürfnissen ihres Körpers nach. Sie sind auch Anlass, um wieder und wieder die Fakten ihres Lebens wie Puzzlestücke auf den Tisch zu legen, sie zu erzählen, sie zu überdenken und nach Strukturen und Erklärungen für das Geschehene zu suchen.

Die „Schlaflose Nacht“ spielt tatsächlich in genau einer Nacht. Wieder einmal liegt ein Mann nach einem angenehmen Tag oben im Schlafzimmer und schläft, während sie in der Küche Kuchen backt dem Leser die Puzzlestücke präsentiert.

In schnellem Wechsel springt die Novelle zwischen den verschiedenen Zeitebenen, setzt so die einzelnen Bausteinchen in loser Reihenfolge hintereinander, orientiert  am Gedankenfluss der Protagonistin. Den Rahmen für die Rückblicke in die Zeit vor der Ehe, während der Ehe, zum Todestag des Mannes, zur Trauerzeit und zur Zeit der obsessiven Grundsuche bildet  die nächtliche Küche der Erzählgegenwart.

Selbst nachdem der „Wahnsinn“ im Laufe der Zeit nachgelassen hat, will sie nach wie vor  verstehen,  was das war zwischen Ton und ihr. Trägt sie eine Schuld? Was wusste sie von Ton? Was haben sie sich gegenseitig bedeutet? Um die fehlenden Antworten, um die Lücken im Wissen und Erinnern kreist ihr Dasein und lässt sie nicht zur Ruhe kommen.

 „Ich habe es versäumt, meinen Mann, während er mit dieser Arbeit beschäftigt war, wahrzunehmen.“

De Moor nimmt uns mit in die gepeinigte Seele, in die Selbstanklage, die Selbstauslotung der Witwe, die „vorwurfsvolle“ Blicke spürt, die selber keine Geheimnisse hat und dieses eine nicht enträtseln kann.

 „Dieser beschämende Tod verlieh meinem Status keinerlei Glanz, keinen Schimmer trauriger Glorie“.

Und die Strafe, die sie sich auferlegt ist die Aufnahme und Pflege der Stille in ihrem Haus.

„Bereits an jenem Samstag begann ich zu begreifen, dass ich mich dieser Stille nach eigenem Ermessen würde nähern, dass ich sie würde zähmen und aufziehen müssen.“.

Ich muss zugeben, dass mich die Novelle zunächst ein wenig ratlos zurückließ. Es blieb das Gefühl, die Komplexität der Protagonistin nicht durchschaut zu haben, das Verhalten der Witwe am Ende noch weniger als zu Beginn nachvollziehen zu können.

Der Sog entfaltet sich beim zweiten Nachdenken über verschiedene Zwischentöne und Andeutungen: Kann sie nur körperliche Beziehungen zu Männern pflegen solange sie das Rätsel um Ton nicht gelöst hat? Welche Rolle spielt Lucia, die Schwägerin? Warum spielt für andere das Warum des Selbstmord kaum eine Rolle? Wie raffiniert ist es, dass der Leser nicht unbedingt wissen will, warum Ton sich selbst tötete- vielmehr fasziniert, wie die Witwe reagiert, ihr Leben gestaltet und wie man sich als Leser oft schwer tut,  Handeln und Gedanken der Witwe nachzuvollziehen.  Diese Fragen führen den Leser dahin, sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn ein Mensch in Sekundenbruchteilen aus der „heilen“ Welt und aus allen Lebensplänen herauskatapultiert wird.

Und schließlich,  der letzte Kuchen ist fast fertig, kehrt ein Stück innerer Ruhe zurück. Sie ist nicht sicher,  ob sie „nach diesem Mal“  weiter den Fakten nachjagen will. Daran hat der schlafende Mann seinen Anteil:

„Jeder ging lieber einen anderen Weg als meinen. (..) Jetzt war da jemand, der mir Recht gab. (..) In vollkommener Gemütsruhe wandte er sich in die Richtung, die ich vorgeschlagen hatte.“

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