Lesung

„Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman -Lesung am 17.01.2017

Aus dem Gespräch im Literaturhaus habe ich spannende Impulse dieses Schriftstellers mitgenommen, die ich mit euch teilen möchte.

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Form und Inhalt des Buches

Nach Vollendung seines Trauerarbeit-Romans „Aus der Zeit fallen“, (Hanser 2012) hatte Grossmans Bekannte Anat Feinberg ihn gefragt, ob er an einem neuen Roman schreibe. Ja, sagte er, „aber Du wirst Dich wundern- er ist ganz anders“.

David Grossman, geboren 1954 in Jerusalem, ausgezeichnet 2008 mit dem Geschwister-Scholl-Preis und 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen. Buchhandels,  hat in seinem jüngsten Buch eine Geschichte verarbeitet, die ihm ein junger Mann vor vielen Jahren erzählt hat, die ihn berührt und begleitet hat, für die er aber lange nicht die richtige Form fand.

Es ist die Geschichte eines israelischen Jungen, der gerade in einem der obligatorischen Militärcamps trainiert wird, als er abgeholt wird, weil ein Elternteil umgekommen ist. Er erfährt nicht, ob es Vater oder Mutter ist. Während der langen Autofahrt versucht der Junge, als ob er es noch in der Hand hätte, Gründe zu finden, warum es die Mutter oder doch den Vater getroffen haben könnte- und damit bringt er sich in höchste Gewissensnöte. Dieser Moment des Alleingelassenseins mit der mörderischen Ungewissheit ist der Wendepunkt in seinem Leben. Dieses Ereignis befördert den Jungen, wie Grossman es in der Lesung nannte, in ein „Parallel-Leben“.

Und dann war da plötzlich die richtige Idee, wie diese verstörende Geschichte richtig in Szene gesetzt werden könnte, so, dass die Form den Inhalt stärkt und eine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung erhält. Grossman erklärte, dass diese Momente zu seinen schönsten Erfahrungen als Autors gehören: wenn Form und Inhalt zueinander finden. Es kommt dann darauf an, dass der Autor sich von sich selbst befreit und die Geschichte sich selbst erzählen lässt.

Grossman nimmt einen Stand-up-Comedian namens Dovele als Hauptperson, der auf der Bühne eines Abends seine Lebensgeschichte erzählt. Der Comedian Dovele ist ein rauer, oft vulgärer Typ, dessen Zuschauer sicher nichts weniger interessiert, als seine Lebensgeschichte. Er soll einfach lustig sein, die Leute wollen sich an dem Abend den Kopf durchpusten lassen und lachen. Und doch kommt es anders.

Grossmans Protagonisten

Grossman erklärte am  Beispiel des Mädchens Tamar aus „Wohin Du mich führst“ (Jugendbuch, Hanser Verlag 2001) wie er vorgeht, um sich eine Figur anzueignen: er muss wissen wie sie spricht, wie sie sich bewegt und wie sie aussieht. Er fühle sich während der Zeit der Figurenschärfung wie ein Jäger und sei unterwegs, um nach Gesten, Mimik, Aussehen, Gangarten zu suchen, die ihm für seine Figur passend erscheinen. Bei Tamar hatte er schon eine klare Vorstellung ihrer Stimme, aber noch kein klares Gefühl für ihr Aussehen. Fündig wurde er in einem Computerladen. Er sah ein Mädchen von schräg hinten, mit einem harten und dennoch verletzlich wirkenden Profil, gekleidet in einen löchrigen Jeansoverall, irgendwie wirkte sie bereit zum Kampf- und bevor er sich durch ihre Stimme irritieren lassen konnte, verließ er schnell den Laden und wusste, er hatte seine Tamar gefunden: „get a feeling oft the body-that makes the story“.

Rhythmus und Textmelodie

Wenn er die Physiognomie kennt, dann lebt er sich in die Bewegungen der Personen ein, prüft, wie das, was da passiert mit dem Text zusammenpasst.

Grossman definiert die Aufgabe des Autors sehr schlicht mit: „eine gute Geschichte schreiben“. Dazu gehören für ihn unbedingt gute, stimmige Dialoge. Er sagte: „Jemand erzählt jemandem seine Geschichte- das ist die Basis von Texten.“

Die letzte Version, und er schreibt manchmal bis zu zwanzig, liest er immer laut und lauscht in die Melodie des Textes: „literature is also about music“. Wenn die Melodie stimmt, nimmt der Leser den Rhythmus war, „reads in a more tuned way“.

Das schätzt Grossman auch an guten Übersetzern, wie Anne Birkenhauer es für diesen Roman war: das Einfühlen in das Geschehen, das regelrechte Mitgehen, Miterleben und dabei nach dem richtigen Wortklang suchen.

Bedeutung des Humors

Die monströsen Ereignisse seines Lebens schildert nun dieser Dovele, dieser Stand-up-Comedian. Warum ein Comedian, warum fühlte sich das richtig an für Grossman?

Grossmann erwähnt, dass dieser Dovele sich nicht aus der Komfortzone heraus schreiben ließ- er war für Grossman eine große Herausforderung- auch wegen der Besonderheit, dass er ein Comedian ist, ein lauter Typ, ein Zotenreißer, zumindest vordergründig.

Grossman sagte, er stelle immer wieder fest, dass Menschen, die in verzweifelten Situationen Humor haben, autark sind, sich über die Situation hinwegheben und eine innere Freiheit erlangen. Diese Freiheit  zu haben bedeutet, kein Opfer zu sein. „if you have inner liberty you are not a victim“.

Dovele erreicht bei seinem denkwürdigen Auftritt genau diese innere Freiheit und mit ihr schafft er es, an sein ihm eigentlich bestimmtes Leben anzuknüpfen und aus der Parallelwelt, die er seit damals lebt und an die er sich gewöhnt hat, hinauszutreten.

Das parallele Leben

Grossman glaubt, dass jeder Mensch Menschen kennt, die nicht in ihrem authentischen Leben sind, sondern in einem Parallelleben, in einem „fake life“. Sie sind gefangen im falschen Beruf, im falschen Geschlecht, in der falschen Ehe. Nur wenige haben das Privileg oder die Chance, in ihr „real life“  zurückzukehren.

Hier findet sich nun eine Parallele zur Gesamtsituation Israels: Auch Israel lebt ein Parallel-Leben und nicht das, das es leben sollte.

Das Ereignis, das Dovele aus seinem Leben gestoßen hat, und ihn zu einem anderen gemacht hat, gibt es tausendfach jeden Tag für tausenden Menschen- Grossman verweist hier auf die Flüchtlinge dieser Welt. Gültigkeit hat das aber auch für die Opfer von Naturkatastrophen, Unfällen, Gewalt etc. Sie alle leben von jetzt auf nachher nicht mehr ihr Leben, sondern ein Parallel-Leben. Grossman meinte, dass es darauf ankommt, nur für eine Sekunde zu versuchen, sich in den Mensch, der da vor einem steht, hineinzuversetzen, und zwar in den Mensch, der er vorher war, der Mensch mit dem intakten, authentischen Leben, der Mensch, der in Syrien Lehrer war oder Bauarbeiter, der eine Familie hatte, heiraten wollte, eine Ausbildung machte, ein Haus baute, eine Zukunft plante. Sich für einen Augenblick so in einen Menschen hineinzuversetzen und ihn so zu betrachten, sei ein einfacher, wirkungsvoller und hochmoralischer Akt. Desinteresse und Ignoranz dagegen seien ein „cunning way of cruelty“, also eine abgefeimte Art der Grausamkeit.

David Grossman hat gut gelaunt und interessant über den Schreibprozess, die Übersetzungsarbeit, seine inneren Überzeugungen und Wahrnehmungen im Großen wie im Kleinen gesprochen. Er tat das auf Englisch. Für alle Schreibenden unbedingt bereichernd sind seine Ausführungen zum Figurenfindungsprozess, zum Beobachten und zur Aufgabe eines Autors im Ganzen.

Wenn euch diese Denkanregungen gefallen haben, steht ja vielleicht die Lektüre des Buches an. Dann jedenfalls viel Freude beim Lesen.

Anja

P.S:

Veranstaltungsort war das Literaturhaus Stuttgart
Zu Besuch: der Autor: David Grossman
Moderation und Übersetzung: Anat Feinberg
Lesung: Andreas Klaue
Das Buch: „Kommt ein Pferd in die Bar“
Roman, Hanser Verlag 2016, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer

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