Fingerübung, Schreibübung

Wörtlich genommen

Die Schriftstellerin Herta Müller arbeitet sehr intensiv mit Collagen aus Worten, die sie aus Zeitungen ausschneidet, neu ordnet, in ungewohnte Zusammenhänge bringt. Damit regt sie sich selbst und ihre Leser an, ungewohnte Assoziationen zuzulassen und auf den Grund von Wortbedeutungen zu tauchen.

Heute biete ich euch auch an, mit einzelnen Wörtern zu arbeiten. Dazu bedienen wir uns der  in der deutschen Sprache allgegenwärtigen zusammengesetzten Substantive (substantivische Komposition), mit denen sich wunderbar arbeiten lässt.

Wir nehmen die beiden Teile des Substantives wörtlich, lassen unsere Fantasie sich an dem Wort entzünden und setzen unsere Gedanken aus beiden Teilen wieder zusammen. Dadurch entstehen ungeahnte Assoziationen, die in unserem Inneren vielleicht etwas anstoßen und als Schreibidee weiter verarbeitet werden können.

Wie gehen wir vor:

  1. Suche Dir ein anspruchsvolles Kompositum aus zwei Substantiven.
    • Hier eine nette Seite, die jede Menge zusammengesetzte Nomen liefert, falls euch Ideen fehlen:Medienwerkstatt online
  1. Schreibe zu jedem der beiden Substantive ca. 10 lyrische Zeilen, die sich NICHT reimen sollen.
  2. Schiebe nun die beiden Gedichte zusammen- die Reihenfolge der Zeilen kann beliebig gestaltet werden. Schiebe solange hin und her, bis das Gedicht einen guten Rhythmus, einen für Dich stimmigen Inhalt, einen Reiz hat.

Diese Fingerübung lässt sich sehr gut zu zweit gestalten und bedarf ca. 20 Minuten: jeder schreibt über eines der beiden Substantive, zu zweit erfolgt dann die Montage zu einem gemeinsamen Gedicht. Größere Gruppen arbeiten in Zweierteams- jedes Team sucht sich sein eigenes Kompositum. Am Ende liest jedes Team sein Gesamtgedicht vor und die anderen raten, um welches zusammengesetzte Substantiv es geht.

Beispiel aus meiner Feder- also bitte Nachsicht- ihr dürft es gerne besser machen 😉 –

Gewächshaus

Gewächs Haus
Kraut und Blatt Ein Hort für meine Liebe
Keim und Stiel und Blüte – Ein Ort für meine Wut
In meinem Garten Welcher Kobold wohnt
wuchert es Unter diesen Dielen
es treibt und sprosst Hinter jener Wand
und wächst Wirst du wieder kommen
derweil ich längst gegangen bin Wenn lang genug ich ruf
ein Teil von Torf und Erde bin. Wirst du kannst du magst du?

.. und ineinandergeschoben sieht das so aus:

Keim und Stil und Blüte.
Ein Hort für meine Liebe.
In meinem Garten
wuchert es.
Wirst du wiederkommen –
derweil ich längst gegangen bin?
Welcher Kobold wohnt
hinter jener Wand,
Kraut und Blatt
unter diesen  Dielen.
Es treibt und sprosst
und wächst
ein Ort für meine Wut.
Wirst du kannst du magst du
wenn lang genug ich ruf,
ein Teil von Torf und Erde bin?

Das schöne Wort „Gewächshaus“ hat mich – wohl ein wenig inspiriert von Margriet de Moors „Schlaflose Nacht“ – zu einem Gedicht geführt, das das Heimatlosigkeitsgefühl eines verlassenen Menschen verbindet mit dem unentwegten Weiterleben und Fruchtbarsein der Natur und dem Gefühl, der Dinge des Lebens nicht mehr Herr zu werden. Das wäre vielleicht ein guter Gedanke für eine Geschichte, wer weiß.

(Angeregt durch „Schreibwerkstatt“ von Joachim Fritzsche, Ernst Klett Verlag, 2. Auflage 2009)

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