Fingerübung, Schreibübung

Schreiben: Orte als Seelenspiegel für die Figuren

Ort und Person in Novelle, Kurzgeschichte oder Roman sind nicht unabhängig voneinander. Wäre der Ort einfach ein Ort, würde man ein wichtiges Potenzial vergeuden. Orte sind nämlich in der Lage, die Stimmung zu verdichten, lebendig zu machen und Spannung zu erzeugen.

Werfen wir zu diesem Thema einen Blick in Bodo Kirchoffs Novelle „Widerfahrnis“:

Reither und seine neue Bekannte Leonie fahren Hals über Kopf von ihrem Apartmenthaus im Weissachtal mit dem Cabrio nach Sizilien- ohne Gepäck, ohne Vorbereitung, ohne genaues Ziel.

„Dort, wo vormittags der Markt war, auf dem abgespritzten, noch dunkelfeuchten und mit Fischblut vollgesogenen Stein standen die Tische von Lokalen, jedes mit verlockendem Namen (..) und kaum saßen sie an einem der Tische mit Papierdecke und drei einfachen Holzstühlen, wurde auch schon das duftende Brot gebracht, und für den offenen Wein, da reichte ein Wink.

Sie saßen sich gegenüber, zwischen ihren Händen nur das Brot und der Krug (..)ein schöner Moment, einer von denen, die sich still an einen heften. Reither hob das Glas an den Mund, feierlich geradezu, oder wann hatte er zuletzt so an einem Tisch gesessen, zu zweit, bis auf weiteres unsterblich;“

Und dann drängt sich ein Flüchtlingsmädchen zäh in ihr Leben. In die sonnige, luftige Freiheitszweisamkeit schiebt sich etwas beklemmend Gefährdetes, Gefährdendes und Fremdes.

„Der Boden schien unter Reither zu wanken, als er an Leonies Arm die ansteigende Gasse, an der das Lokal lag, hinaufging, über rutschige Obst- und Gemüseabfälle, über Fleischfetzen und durch rötlich schimmernde Lachen, immer noch die Nässe nach dem Reinigen des Marktes;“

Diese sehr andere Wahrnehmung der Altstadt wird dann noch gesteigert:

 „…und eine Ecke weiter wurde Karten gespielt neben gestapeltem Altholz, mit Muscheln besät, Balken, über die sich schemenhaft ein Tier schleppte, erst auf den zweiten Blick erkennbar als Kätzchen. Es vermochte sich kaum auf den Beinen zu halten, immer wieder knickte es ein und kroch mehr über die Muschelsplitter, als dass es tappte, und fiel schließlich zwischen die Hölzer, so lautlos, als gäbe es bei Katzen, wenn sie klein und schwach sind, eine Schlichtheit des Sterbens.“

Das Bild der Katze hatte Leonie beim Essen heraufbeschworen, als sie das Mädchen an den Tisch gewunken hatte:

„ Sie klopfte mit der flachen Hand (auf den Stuhl), wie man Katzen ermuntert, auf ein Sofa zu springen, …“

Hier kann man gut sehen, wie das Umfeld der Figuren zum Spiegel der Gefühle und Gedanken wird und wie der Leser in den Sog dieser Stimmung gerät- viel intensiver als würde nur beschrieben werden, was Reither empfindet. Als Leser schauen wir mit seinen Augen auf die Straße und auch unsere Augen sehen nun Blut und Sterben, spüren das Ende der sonnigen Unbeschwertheit und das Bedauern darüber, fühlen die Gefahr und das Befremden, erleben das Unheimischsein an diesem Ort.

So wird der Leser nicht nur mit dem Stimmungsumschwung Reithers bekannt gemacht, sondern wird auch mit der Sicht des Mädchens auf diese  Stadt und ihre Straßen konfrontiert.

Um Orte so zu beschreiben, ist es notwendig, sich sehr genau in die Figur einzufühlen, genau zu wissen, was in ihr vor sich geht, welchen inneren Kampf die Figur kämpft und inwieweit die Szene typisch für deren Leben ist oder inwieweit die Szene eventuell auf das kommende Geschehen verweist.

Hierzu nun eine kleine Fingerübung:

Hole Dir einen vertrauten Ort vor Dein inneres Auge. Stelle dir einen Mensch an diesem Ort vor, der nach harter Arbeit in Urlaubsstimmung ist.Verbinde Ort und Seelenzustand zu einer Einheit.

Nun schreibe eine neue Szene am selben Ort, diesmal ist der Protagonist ein alter, einsamer Mensch.

Mein Beispiel- wie immer durchaus kein Musterbeispiel: Die Zahnradbahn in Stuttgart

zacke

Ricarda

Sie muss über die Jungs lachen, die einen Lehrer nachahmen und klettert über die Schulranzen. Vorne beim Fahrer findet sie einen Fensterplatz. Gleich geht es durch Gärten, an Häusern vorbei, so nah, dass man in die Fenster sehen kann. Sie lächelt, streckt die Beine aus und lehnt den Kopf an die Panoramascheibe. Schön ist das: aus geborgenem Innen neugierig auf das Draußen zu schauen. So ist das mit Jörg: gemeinsam in sich geborgen und dabei mit aller Courage Lust auf die Welt und das Leben haben. Das Anrucken der Zahnradbahn drückt sie fest in den Sitz. Sie spürt den Widerstand der Lehne angenehm im Rücken, die Heizung gibt ihr Bestes, verströmt Schlummerwärme. Es riecht nach geröstetem Staub, wie früher, wenn sie in Jörgs Studentenbude die Heizung andrehten. Dieses tröstliche Ruckeln, und mit jeder Zacke ein Stück näher bei Jörg und dem langen Wochenende.

Frau S.

Sie sitzt immer direkt hinter dem Fahrer und immer mit dem Rücken zu ihm. So hat sie den ganzen Wagen im Blick, kann sehen, ob da wer einsteigt, den sie kennt. Es ruckt und knirscht im Fahrgestell, die Heizung schiebt stickige Luft ins Abteil. Regenschlieren an den Fenstern. Um ihren Mund liegt ein kleines Lächeln, so, als wüsste sie nicht genau, was sie erwarten darf auf dieser Fahrt. Aals könne es eine kleine Überraschung geben, wandern ihre Augen, bleiben nirgends lange stehen, wünschen sich herbei was nie passiert: dass sie jemanden kennen. Schüler steigen ein, es beginnt nach Döner und feuchtem Stoff zu riechen. Eine Station später steigt ein Pulk Schüler aus, zurück bleibt das Echo ihres johlenden Abschieds. Einmal, an der nächsten Station, fährt sie zusammen, steht im Sitz ein wenig auf, eine kurze Aufregung, ein Öffnen der Lippen, ein kleines Zittern, das sich bis in die feinen Haare überträgt, eine Hand lässt die Tasche los, bereit zu winken- aber dann war es doch nur eine Ähnlichkeit und sie sinkt wieder in ihr zu dünnes Mäntelchen. Jetzt ist es im Wagen still, alle starren in Smartphones. Der Regen klopft. Fast schon Endstation.

 

Diese Übertragung von Seelenbild auf Ort kann man übrigens sehr schön üben beim Bahnfahren. Blick weg vom Smartphone- da sitzen so viele spannende Typen in der Bahn- und jeder von denen hat eine Geschichte. Viel Spaß beim Üben!

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