Rezension

Bodo Kirchhoff „Widerfahrnis“

Da geht ein Mann auf die Reise, nicht, weil er das möchte, sondern weil eine Frau ihn dazu bringt, eine, die mit ihm im selben anonymen Rentner-Appartementblock im Weissachtal lebt. Leonie Palm und Reither brechen also zu einem Spontantrip auf, der sie bis hinunter nach Sizilien führt. Lässig sind die beiden unterwegs, Kleidung und Essen werden unterwegs gekauft, übernachtet wird im Auto. So fahren sie, erfahren das eine oder andere voneinander und erreichen Catania 124 Seiten und dutzende Zigarettenpackungen später. Für den Leser gepflegte Langeweile, die sich überbrücken lässt, wenn man die Reiseroute aufmerksam verfolgt – falls man nicht angesichts der hemmungslos konsumierten Zigaretten an virtueller Bronchitis erkrankt. Ein etwas seltsames Erinnern an die Freiheit des Marlboro Mannes.

Ungeplant soll alles sein, weit und offen, ziellos, spontan und eigentlich bekommen die beiden das ganz gut hin. Reither allerdings kommentiert und zensiert seinen eigenen Text immer wieder aus Verlegersicht.

„..der Plural, allmählich senkte er sich in alles hinein: sie beide auf einem Schiff, das war der innere Reithersche Satz..“

Und so zurückgenommen, steif und reflektiert entwickelt sich auch die Beziehung zu Leonie. Dabei ist da schon längst Liebe im Spiel, ein wildes, unfassbares Glück.

 „“Ihm blieb nur zu atmen, am Leben zu sein, hellwach vor Glück…“

„… hatten sie nicht mit ihrer Umarmung auch etwas zur Welt gebracht, die Idee, zusammenzubleiben?“

Reither ist hin- und hergerissen: will er oder will er nicht, dass das Ungewöhnliche, das unplanbar Fremde in sein Leben drängt, es verändert und formt? Kann er Verantwortung übernehmen für mehr als seine Person? Er zögert, fragt, plant, sieht Schwierigkeiten, aber Leonie hat ihn fest an die Hand genommen:

„Wir können das nicht so auf uns zukommen lassen.“ Und Leonie: „ Doch, Reither. Ich kann das.“

In ihren beiden Leben ist das Thema Ehe und Familie kein allzu glückliches Kapitel- auf sehr unterschiedliche Weise.

In Reithers Leben gibt diese Frau, der er kürzlich zum 60. Geburtstag sagte, dass

„es zu den Versäumnisses seines Lebens gehöre, ihr nicht den Hof gemacht zu haben, und das mit allen Mitteln, als er vor zwanzig Jahren auf einmal allein war, unendlich frei..“

Und es gab die schwangere Frau,

„die mit dem Leben im Bauch davon ging, um mit dem Zug nach Hause zu fahren und dieses Leben dort beenden zu lassen, ja, er hatte sogar genippt am Wein und Bittedanngehdoch gedacht.“

Während Leonie jetzt wildentschlossen ist, die Gelegenheiten beim Schopf zu packen und im Jetzt und Hier lebt und entscheidet, weiß er zwar um diese neue Chance in seinem Leben, bleibt aber zögerlich.

Erst zu zweit mit Leonie und dann zu dritt mit einem Flüchtlingsmädchen, dem Leonie anbietet, mit ihnen weiterzureisen. Leonie dehnt die Zweisamkeit aus, unbesorgt, lebenslustig und fordert Reithers Einverständnis einfach ein. Er ist überrumpelt, perplex aber auch bereit, sich einzulassen.

 „Ein Moment, der sich einprägen würde – er spürte es förmlich, an den Armen und dem verletzten Finger, als sich seine Haut verengt-, der Moment einer unwiderruflichen Aufforderung, komm, komm mit uns, wir nehmen dich auf, werd unser Kind, unsere Tochter; ein Beengen, das noch zunahm..“

Zu dritt sein: ein Bild dessen, was hätte sein können in seinem Leben.

“Reither ganz in dem Bewusstsein, dass sie zu dritt waren, sie drei, die sich da auf den Weg machten hinter Sonnenbrillen- Eltern mit Tochter hätte man meinen können..“

Nach 185 Seiten kommt dann schnelle Bewegung in die Handlung: auf einer Fähre verliert Reither Leonie aus den Augen, wird verletzt und zieht sich leidend in sich selbst zurück, statt um das Verlorene zu kämpfen, es mit allen Mitteln festhalten zu wollen. Das „Wir“ entgleitet ihm und wird zum Ich.

„Es gab nur das Klaffen in seiner Hand (…) und den furchtbaren Wunsch, noch einmal jung zu sein…“

„Ihn hatte dieses brennende Glück noch einmal erreicht (…), ja bis vor einer Stunde (…) hatte es auch noch geheißen: Jetzt gilt es, erwirb, was dir gewährt wurde, um es nicht zu verlieren. (…) Er weinte um sich, und Punkt“.

Hilfe naht, und als der Helfer um Hilfe bittet, entschließt Reither sich zum Handeln im besten Leonie´schen Sinne und meint, er hat gelernt und verstanden.

 „manchmal sind Dinge (…) plötzlich ganz leicht, wie sich selbst loszulassen oder, aus umgekehrter Sicht, von sich abzurücken und für jemanden da zu sein, nicht irgendwann und irgendwo und auch nicht in Gedanken, also später, sondern gleich.“

Er glaubt, das Richtige zu tun und doch: aus der „Hand, die einen einfach an die Hand nimmt“, wird die „Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz.“, denn Leonies Beweggründe für spontane Entscheidungen sind gänzlich andere als seine und letztlich sitzen beide im Panzer ihrer alten Leben, mit zu wenig Wir und zu viel Ich.

Die „unerhörten“ Ereignisse in den Leben von Reither und Leonie spiegeln sich in dieser Novelle mehrfach. In Variationen kann sich der Leser mit aktiver und passiver Lebensgestaltung  auseinandersetzen – interessante Selbsterkundungen inklusive.

Und immer wieder findet Bodo Kirchhoff Worte, die glücklich machen- meine Lieblingsstelle ist auf Seite 201 die Beschreibung des Schmerzes zum Ende der Sommerferien.

Lesung und Gespräch am Donnerstag, 9. März 2017, 20 Uhr im Literaturhaus Stuttgart

Literaturhaus Stuttgart

Der Abend wird vom SWR2 aufgezeichnet- Sendetermin: 23. Juni 2017, 20.03 Uhr

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