Allgemein

Das Literarische Quartett am 3. März 2017, ZDF

Kein Zweifel, Thea Dorn ist eine spannende Ergänzung der Runde und eigentlich fehlte da nur noch Maxim Biller. Das wäre ein Fest geworden, zumal bei dieser Bücherauswahl.

Thea Dorn war sehr gut vorbereitet, man spürte ihre Lust am Diskutieren und Formulieren und mit Wortkraft übernahm sie die Rolle der ergänzenden Interpretation, die sonst ja so gerne Herr Weidermann ausübt.

Weidermann war angesichts der Frauenübermacht ganz handzahm, wie fortgewischt sein eiferndes Beharren und Hervortun. Er ließ das Publikum gleich zu Anfang wissen, dass Frau Schmitter, die dritte Frau in der Runde und sein Gast, vor Jahren schon fast und heute nun echt, seine Chefin sei. Und auf der Suche nach einem angemessenen Verhaltensmodus geriet er in die Rolle des sentimentalen Buben, der von Tränen beim Lesen von „Ein wenig Leben“ berichtete, von seiner Liebe zum Pathos und sich von der Chefin dann ein Taschentuch gefallen lassen musste.

Frau Westermann klapperte nach wie vor viel mit den Brillenbügeln, war aber besser als sonst für die Diskussion gewappnet und konnte nun auch endlich einmal die von ihr mitgebrachten Zitate lesen, was Biller immer zu verhindern wusste.

Die Buchauswahl barg wenig Überraschendes. Dabei war Walsers jüngstes Werk, vorgestellt von Thea Dorn als Lebensreflexion für Walser-Connaisseurs, dann „Ein wenig Leben“, der 1000 Seiten-Wälzer, kritisch betrachtet von den Frauen, denen das Buch zu umfänglich, zu konstruiert, zu drängend erschien. Frau Schmitter stellte „I love Dick“ mit viel Begeisterung für die Reflexionsleistung der Autorin vor und Weidermann brachte Julian Barnes „Der Lärm der Zeit“ mit- ein sicherlich  zeitgemäßes Stück über die Rolle von Künstlern in Diktaturen.

Wer sich literarisch auf dem Laufenden hält, hat alle Bücher bereits in Rezensionen besprochen gefunden und so blieb nur zu hoffen, dass die vier mit unerwarteten Sichtweisen aufwarten würden. Das taten sie stellenweise und insgesamt war die Sendung angenehm, die Diskussion fruchtbar und durchaus kontrovers, man hörte einander zu und brachte interessante Aspekte auf den Tisch.

Schön war der Versuch von Frau Schmitter, eine Verbindung zwischen den Büchern von Walser und Kraus herzustellen: wie schreibt ein Mann, wie eine Frau über das jeweilige Leben, wie kommt was beim Leser an. Das war ein kluger Ansatz, der viele Fragen provoziert: welche Gemeinsamkeiten haben die aktuell renzensierten Bücher, was sagt das über die Leser und die Weltwahrnehmung, welche Rolle spielen Bücher, die sich um Einzelpersonen drehen. Frau Dorn bemerkte zu Recht, dass keines der vier Bücher den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge richtet, sondern auf Einzelschicksale.

Ich traue Thea Dorn zu, dass sie mit zunehmender Eingewöhnung in der Lage ist, das Quartett der Literaturkritiker aus der Komfortzone zu holen und die gewählten Bücher in größere Zusammenhänge zu stellen. Ich bleibe gespannt!

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