Allgemein, Lesung

Lesung: Widerfahrnis -Bodo Kirchhoff

9. März 2017, 20 Uhr, Literaturhaus Stuttgart

Moderation: Alexander Wasner, Redakteur bei SWR2;
Aufzeichnung der Sendung für den 13. Juni 2017, 22:03 Uhr, in der SWR2 Serie „Das literarische Hier und Jetzt“;

Gut gelaunt und gebräunt von indischer Sonne betritt Bodo Kirchhoff die Bühne des Literaturhauses Stuttgart. Eine der leider hölzernen und kaum weiterführenden Fragen von Herrn Wasner, was Kalkutta von Stuttgart unterscheidet, beantwortet er damit, dass die Luft in Stuttgart besser ist- was trotz Feinstaubalarmen vermutlich sehr richtig ist. Den Fängen von Herrn Wasners nächster seltsamer Frage, ob der Bekanntheitsgrad nach dem Gewinn des Deutschen Buchpreises mit seinem Bankkonto korrelieren würde, entzieht sich Kirchhoff, indem er, worauf alle bereits warten, über das Buch zu sprechen beginnt- das (!) „Widerfahrnis“.

Das Buch entsteht

Wir erfahren, dass Kirchhoff das Wort „Widerfahrnis“ vor fünf Jahren von einer Seminarteilnehmerin, einer Theologin, bekommen hat. Er sah in diesem „ungeheuer starken“ Wort sofort einen Buchtitel. Da hatte er also einen Titel – und lange keine Geschichte dazu.

Irgendwann hatte er ein Bild vor Augen: ein älterer Mann, der eine Flasche Wein nicht aufbekommt – „das war alles, was ich hatte.“

„Ich wusste nicht, worauf das Buch hinausläuft“.

Dann kamen Schritte dazu, dann die Gesellschaft von Leonie Palm, dann das Auto, dann das erste Ziel und dann immer weiter, immer neue, südlichere Ziele. Ob sich Kirchhoff tatsächlich das ganze Buch hindurch so von spontanen Ideen hat treiben lassen, das hat Herr Wasner leider nicht gefragt. Die Novelle lässt aber die Vermutung zu, dass es nach einer Phase des Zuschauens, wohin es die Protagonisten treibt, sehr wohl eine Planung des weiteren Geschehens gab.

Das erste Kapitel war das Schwierigste, sagt er, und lässt all jenen Gästen staunen, die das Buch bereits gelesen haben: er liest das erste Kapitel wie eine kleine Humoreske und man fragt sich, ob das dasselbe erste Kapitel ist, das man selber kennt. Nein, ist es nicht. Er las aus der 6. Auflage und gab zu, dass er nochmal kräftig am ersten Kapitel gearbeitet und auch ziemlich gekürzt hat. „Ein Buch ist nie fertig.“

Der Inhalt

Der ungeheure Zigarettenkonsum war, so Kirchhoff, nötig, damit nicht zu viel geredet werden musste. Denn schließlich machen die beiden etwas, das normalerweise junge Leute machen- spontan abhauen, ohne Ziel, ohne Gepäck und im Auto schlafen ohne sich wirklich zu kennen.

Diese Konstellation, diese „verzweifelte Sehnsucht nach etwas anderem“, habe ihn „total interessiert“, sagte Kirchhoff.

Reither und seine Weggefährtin haben beide lebensgeschichtliches Gepäck, das im Laufe der Zeit eine Rolle zu spielen beginnt. Aber zunächst sind sie im ort- und zeitlosen Zustand des Unterwegsseins, sie fahren, rauchen, hören Musik. Es ist die Musik einer Generation: Paul Anka, Lonely Boy. Und Kirchhoff lässt es sich nicht nehmen, mit schöner Stimme das Lied anzusingen und eine Stimmung heraufzubeschwören.

Doch schon bald bekommt der unbeschwerte Aufbruch nach Süden es mit einer unbarmherzigen Realität und damit einer massiven gegenläufigen Bewegung zu tun: die der Flüchtlinge nach Norden.

Und gerade als die Romanze der beiden beginnt, dringt die Realität in ihre Zweisamkeit ein und bringt die umfassende Störung von außen: ein Flüchtlingsmädchen hängt sich an sie. Reithers Leben wirbelt ab diesem Moment durcheinander, er wird unter anderem ernsthaft verletzt und bekommt Hilfe, gerade als er wieder versucht, eine Flasche Wein zu öffnen. Er erfährt Hilfsbereitschaft und wird zusammengenäht; ein entscheidender Moment. Von da an beginnt die Reise zurück nach Norden und das unter völlig anderen Vorzeichen.

Das Widerfahrnis ist der Moment, an dem einem „jäh vor Augen geführt wird, wer man ist und dem man nichts entgegenzusetzen hat.“

Orte

“Landschaft geht erst in ein Buch ein, wenn ich sie über Jahre in mich aufgenommen habe.“

Der Ausgangspunkt im Buch ist das Weissachtal, das in der Realität das Kreuther Tal ist. Dort hat Kirchhoff viele Jahre Station auf dem Weg nach Italien gemacht und seine Mutter und Großmutter besucht. Die gesamte Route ist erlebbar, als säße man mit Kirchhoff im Auto. In Catania beschreibt Kirchhoff die Vicolo della Lanterna und die kleine Pension darin, in der das Paar unterkommt. Auch diese gibt es tatsächlich und meine Fantasie beim Lesen kam recht nah an das hübsche Original heran. Das atmosphärische Mitnehmen der Leser ist sicher eine der handwerklichen Techniken, die Kirchhoff wunderbar beherrscht.

Catania

Das Schreiben

Eine andere Kunst, die Kirchhoff beherrscht, ist die des Vorlesens. Mit sichtlichem Genuss offeriert er den zahlreichen Zuhörern seinen Text, begibt sich mit Lesefeuer in ihn hinein. Kein Wunder also, dass er das demnächst erscheinende kleine Bändlein „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ selbst einliest.

„Schreiben hat für mich sehr viel mit Musik zu tun“. „Sprache ist mein Instrument“.

Und er gesteht, dass er alles immer wieder laut liest, dem Klang, dem Rhythmus nachlauscht. „Wenn der Rhythmus stimmt, stimmt auch der Inhalt.“

Kirchhoff liest ganze Kapitel – das ist keinesfalls langweilig und es wird da auch klar, warum er sagt:

„Ich schreibe deshalb Bücher, weil ich nicht glaube, dass man zusammenfassen kann, was einen berührt. Man muss es erzählen.“

Widerfahrnis ist Kirchhoffs sechste Novelle. Er mag, so sagt er, das horizontale Erzählen und den kurzen Zeitraum der Novelle. Die Novelle erzählt „Situationen, die an grundlegenden Punkten eine Existenz erschüttern.“ Das novellentypische „unerhörter Ereignis“ liegt Kirchhoff, weil er, wie er sagt, eine Sehnsucht hat, dass „etwas passieren möge, was mich umhaut.“

Ausblick

Im Frühsommer 2016 hatte Kirchhoff „Widerfahrnis“ fertig, fühlt sich ein wenig leer und da kam sehr passend eine Einladung zu einer Kreuzfahrt. Am kommenden Tag setzte er sich hin für die Antwort per Mail und während er da saß wusste er, dass er diese Antwort gerne ausführlicher gestalten würde. Und so entstand daraus ein Buch. Das war „eines der wenigen Male, wo Schreiben Spaß macht“ und nicht nur Arbeit. Und diesen Spaß an der Volte konnten die Zuhörer ahnen, als er die ersten Seiten daraus mit viel Humor vortrug.

„Das Buch wäre nie entstanden, wenn ich auch nur einen Zeh in so ein Boot gesetzt hätte.“

(Das Buch „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt erscheint im Sommer , ebenso die CD).

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Ein Gedanke zu “Lesung: Widerfahrnis -Bodo Kirchhoff

  1. Pingback: Rezension zu „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ von Bodo Kirchhoff | www.schreibtischle.blog

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