Fingerübung, Schreibübung

Das Wesen einer Figur – reale Vorbilder

Ist dir das auch schon passiert: du begegnest einer faszinierenden Person, mit Merkmalen, wie du sie dir schöner nicht ausdenken kannst – und du fragst dich: wie halte ich diese Eindrücke fest, bis sie irgendwann zu einer Geschichte passen oder aus ihnen eine Geschichte wächst. Und vor allem: wie arbeite ich das Wesentliche der Eindrücke so heraus,  dass ich – und später auch die Leser- diese Eigenart in aller Lebendigkeit vor sich sehen.

Hier sind wir wieder beim Wesenskern: sich an ihn heranzutasten, ist eine hohe Kunst, die besonders kostbar ausgeprägt ist in der Figur des Dovele in David Grossmans Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“. Das Buch ist eine Entdeckung, wenn du dich intensiver mit der Modellierung einer Figur befassen möchtest.

Mir passiert es öfter, dass ich von einer Figur zu viel will, sie mit zu vielen Facetten ausstatte und das Eigentliche an ihr nicht scharf genug herausarbeite. Wenn aber dem Autor nicht klar ist, worin der Kern und damit die Aussage dieser Figur besteht, wird es schwierig, eine konsistente Einheit aus äußerlichen Merkmalen, Seelenzustand, Wort, Mimik, Gestik und Handlung der Person herzustellen. Eine zu facettenreiche, unscharfe Figur ist für den Leser nicht gut greifbar, der Leser kann sich schwer mit ihr identifizieren. Eine klar geschnittene Figur dagegen – und das ist nicht gleichzusetzen mit einer einfach strukturierten Figur – zeigt, dass dem Autor klar war, wozu er diese Figur installiert und um welches Thema es ihm geht.

Noch ein Wort zum Ort und wo man ungewöhnliche, spannende Menschen finden kann. Menschen, die einem selbst nicht ähnlich sind, findet man am ehesten außerhalb der eigenen Komfortzone . Für die gezielte Suche nach Menschen mit anderen Lebensumfeldern, Angewohnheiten, Hintergründen, Verhaltens- und Sichtweisen heißt es in aller Regel, ungewöhnliche, unbekannte und auch unbequeme Orte zu besuchen und die dort vorkommenden Menschen bewusst wahrzunehmen.

Ein solcher Ort kann per Zufall auf einen zukommen, wie der Aufenthalt in einer Klinik oder im Wartezimmer des Zahnarztes; es kann ein Bahnsteig oder Bus, eine Party, ein schäbiges Hotel, ein Casino oder eine Säuferkneipe sein, in die man geraten ist. Es kommt nur darauf an, die ungewohnte, vielleicht lästige Situation umzudeuten und zu schauen, ob man hier auf spannende Menschen stößt. Man kann sich natürlich auch gezielt an ungewohnte Orte begeben oder ungewohnte Dinge tun. Dazu taugen – nur als Beispiel – Jahrmärkte, VHS-Kurse für z.B. Highheel-Training, ein Ehrenamt in der Suppenküche, ein Pathologiebesuch, eine Jugendherberge, Sitzungen eines Partei-Ortsverbandes, lange Taxifahrten, die Bahnhofsmission, ein Hardcore-Fitnessstudio, der Stammtisch einer Bauernwirtschaft, ein Haute Couture-Event, ein Theaterfoyer etc.

Überall warten faszinierende Menschen – manchmal kann man sie nur optisch erfassen, manchmal nur akustisch, manchmal kommen alle Sinne zusammen und Beobachtungen lassen sich durch Begegnungen ergänzen.

Seid euch dabei bewusst, dass der Mensch nicht ohne den Ort und die Situation existiert. Ein Teil der Faszination, die der Mensch ausübt, hängt mit der Umgebung und dem Kontext zusammen. Dann beeinflusst natürlich auch du die Gesamtsituation: du hast Dich vielleicht anders angezogen als sonst, hast Dich vorbereitet, hast Erwartungen, bist neugierig, aufgeregt, angespannt, ängstlich, inspiriert, offen oder verschlossen. All das ergibt eine gewisse Stimmung und Färbung. Es hilft also, sich auch die Umgebung und die Umstände zu merken, um ein bestimmtes Stimmungsbild später erneut heraufbeschwören zu können.

Wie halten wir diese Ausschnitte von Lebenspanoramen nun fest? Wie  strukturieren und verdichten wir sie?

Ich habe versucht, mich mit Hilfe einer Leitfragenliste zu disziplinieren. Da das im Selbsttest ganz gut funktioniert hat, möchte ich diese Idee gerne teilen.

Sie kann bei/nach einem spannenden Kontakt helfen, den Kern der Beobachtung herauszuarbeiten.Vielleicht probierst du die Liste einfach aus und veränderst sie für dich so, dass sie für kommende Gelegenheiten eine gute Stütze ist.

Wenn Du die Chance hast, schreibe so viel es geht auf, bevor du in Gesprächskontakt mit der Person kommst. Denn im Gespräch überlagern die Aussagen der Person deine subjektiven Wahrnehmungen und wischen schnell den ersten Eindruck fort. Aber genau den nochmal hervorholen zu können, wenn du mehr erfahren hast, ist sehr spannend und hilft dir, verschiedene Schichten einer Person zu entdecken.

In meinem Beispiel habe ich allerdings die gesamte Liste erst im Nachhinein ausgefüllt, als ich die Person bereits einige Tage kannte.

Nach dem Ausfüllen der Liste beginnt der Verdichtungsprozess.

Arbeiten mit der Liste:

Wenn Du das Gefühl hast, alles, was Dir wichtig ist, notiert zu haben, lese es sorgfältig durch. Es geht jetzt darum, jene Stichwörter in deinen Antworten herauszufiltern, die um einen gemeinsamen Kern kreisen.

In der von mir gefüllten Liste habe ich Schlüsselwörter markiert und sie mir separat im Kreis notiert:

Stark-verletzlich-Spieldose –  Präsenz – beweglicher Mund – Charme- verwunschene Welt- kämpferisch-Schleife im Haar-Komikerin-unbeholfen-halb gehalten/halb verloren

Das Wort in der Mitte fehlt jetzt noch.  Schaue dir die Wörter an, lasse sie auf dich wirken und setze die Wörter in Beziehung zueinander:  was verbindet sie und welches Bild entsteht vor deinem inneren Auge. Was ist das EINE, um das es Dir bei dieser Person geht.

Dieses Herausarbeiten ist eine Verdichtung, die man erreicht, indem die wichtigsten Auffälligkeiten in Beziehung zueinander gesetzt werden.

Dabei sortiert man automatisch auch Dinge aus,  die nicht notwendig sind, um den Kern der Person zu beschreiben.  Das war in meinem Fall die Tatsache, dass die Person eine sehr markante Lieblingsfarbe hat. Dieses Detail habe ich mir zwar aufgehoben, falls ich die Person später einmal doch detaillierter ausmalen will- aber um die Person vor meinem und des Lesers Auge lebendig werden zu lassen, brauche ich dieses Detail nicht notwendig.

Nach längerem Abwägen und in mich horchen, fand ich ein Bild: das einer rundlichen Zirkustänzerin.

Und wenn du magst, kannst du in der Schublade nachschauen, wie mein Charakterisierungstext und eine mögliche Ausführung aussehen.

Das ist aber nur eine von tausend Möglichkeiten und ich wünsche Dir viel Spaß und gutes Gelingen bei deiner Übung zu  dichten, lebendigen Personenbeschreibungen.

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