Allgemein, Lernen durch Lesen

Emotionen erlebbar machen: Angst

„Der Mensch braucht Angst, sonst lernt er nichts“ 1

Stefan Zweigs Novelle „Angst“ von 1912

Starke Emotionen und Novellen- eine hautenge Beziehung! Das die Novelle begründende  Ereignis ist unerwartet, ungewöhnlich, ungehörig.  Und solche Ereignisse werfen in aller Regel die Protagonisten aus den gewohnten Bahnen, schubsen sie in herausfordernde Gefühlswelten, fordern sie zu Handlungen und Entscheidungen auf, die ihnen selbst (noch) fremd sind.

Die Angst ist dabei ein ganz besonderer, den ganzen Menschen, die ganze Wahrnehmung und Verhaltensweise verändernder Saft. Ohne ihn kein Thriller, ohne ihn keine der herausragendsten Novellen des vergangenen Jahrhunderts.

Da es nicht ganz unwichtig ist, sei hier die Definition der Angst noch einmal präsentiert:

„Angst ist ein unbestimmtes Gefühl der Beklemmung oder Besorgnis, ausgehend von wenig spezifizierbaren Einflüssen, die als potentiell bedrohlich wahrgenommen werden. Furcht hingegen wird durch konkrete Reize, Objekte oder Situationen, ausgelöst und resultiert in einer Furcht oder Alarmreaktion.“ 2

Stefan Zweig hat seine Novelle sicherlich bewusst „Angst“ genannt, auch wenn man anhand der obigen Definition vermuten will, dass wir es mit Furcht zu tun haben:

Irene, begüterte Anwaltsgattin, betrügt ihren Mann, mit dem sie eine ruhige, im Grunde alle Bedürfnisse erfüllende Ehe führt. Sie wird von einer Bekannten des Geliebten ertappt und fortan erpresst, so dass ihr kein ruhiger Moment mehr bleibt.

Sie könnte also die Erpresserin, die Aufdeckung des Ehebetrugs und die Reaktion ihres Mannes fürchten, aber: sie hat Angst.

Was Irene durchlebt, ist weitreichender, tiefgehender als eine reine Alarmreaktion auf drohende Enttarnung. Sie stürzt aus ihrem Selbst- und Welterleben und  befindet  sich unversehens auf einer alptraumhaften, vibrierend angespannten Reise zu sich selbst. Sie hat Angst, das zu verlieren, was sie nie zu schätzen wusste, da sie keine Kraft investiert hatte, es zu bekommen. Hinzu kommt die Angst, keine zweite Chance zu bekommen.

Das sind existentielle Ängste, die ihre Dramatik aus der  spezifischen Situation der Protagonistin gewinnen. Zweig hat zunächst nicht viel Sympathie für Irene und ihresgleichen:

„.. sie war vollkommen glücklich an der Seite eines begüterten, geistig ihr überlegenen Gatten, zweier Kinder, träge und zufrieden gebettet in ihrer behaglichen, breitbürgerlichen, windstillen Existenz. (…) Nirgends war Widerstand in ihrer Existenz. Überall griff sie ins Weiche (…) und ohne zu ahnen, dass diese Gemäßigtheit der Existenz niemals von äußeren Dingen bemessen wird, sondern immer nur Wiederspiel einer Beziehungslosigkeit ist, fühlte sie sich irgendwie um das wirkliche Leben durch diese Behaglichkeit betrogen.“

„Dieser Geliebte änderte bald gar nichts mehr am behaglichen Mechanismus ihrer Existenz, er wurde irgendein Zuwachs von temperiertem Glück, wie ein drittes Kind oder ein Automobil, und das Abenteuer schien ihr bald so banal wie der erlaubte Genuß.“

Wir ahnen schon: die Novelle genügt sich nicht selbst, sondern wird auch ein Lehrstück mit einer Moral, die über Vertrauen, Demut und Lebensachtsamkeit spricht. Freilich: aus heutiger Sicht kommt dabei der Ehemann ein wenig zu heroisch weg, auch wenn er fast zum Mörder wird.

Aber wir wollen uns ja damit befassen, wie Zweig es anstellt, uns die Emotion Angst nah zu bringen. Um den Angstprozess zu schildern und den Leser in die Abgründe der Angst mitzunehmen, reizt Zweig die Möglichkeiten der Emotionsdarstellung wunderbar aus und bietet reichlich Lehrmaterial, wenn es darum geht, einmal mehr, das „show- don´t tell“ wahrzumachen.

Schauen wir vorab auf typische Symptome, die Angst hervorruft:

„Körperliche Symptome der Angst sind beim Menschen neben individuellen Besonderheiten vor allem Herzklopfen, Anstieg des Blutdrucks, schnelle Atmung bis hin zur Atemnot, trockener Mund, veränderte Mimik, Blässe oder Erröten, Schwitzen, Zittern, Schwäche, Schwindelgefühl, Durchfall, Harndrang und Übelkeit sowie eventuell auch Wahrnehmungsstörungen oder Ohnmacht.“ 2

Nun hinein in die Novelle:

  1. Es beginnt mit der „unsinnigen“ Angst, die sie jedes Mal empfindet, wenn sie den Geliebten in seiner Wohnung besucht:

„Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre und hastig musste sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen.“

  1. Dann folgt, nach der ersten Begegnung mit der zukünftigen Erpresserin im Hausflur des Geliebten, die sehr reale Angst:

„In der Kehle klomm etwas Bitteres empor, sie spürte Brechreiz und zugleich eine sinnlose, dumpfe Wut, die wie ein Krampf das Innere ihrer Brust herauswühlen wollte.“

  1. Ihre erste Reaktion ist Abwehr- sie versucht, die Ursache der Angstsituation loszuwerden, in der Annahme, dass das der Geliebte wäre:

„Das erstemal nun, da sie das Abenteuer mit seinem wirklichen Preis, der Gefahr, bezahlen sollte, begann sie kleinlich auf seinen Wert zu berechnen. (…) Sie weigerte sich sofort, etwas von ihrer seelischen Sorglosigkeit herzugeben, und war eigentlich ohne Überlegung bereit, den Geliebten ihrer Gemächlichkeit zu opfern.“

  1. Aber die Erpresserin rückt ihr näher, lauert ihr am eigenen Haus auf, dringt also in den geschützten Bereich vor, der, bislang vollkommen getrennt von ihrem Doppelleben, ihr sicherer Hafen war.
  2. Neben den körperlichen Auswirkungen („durch die Finger sprang ein wildes Zucken“, „spürte sie Ekel ihren ganzen Körper durchdringen“) beginnt nun die seelische Qual, nicht zu wissen, was geschehen würde nachdem sie zahlungsunfähig werden würde und der Brief der Erpresserin ihrem Mann die ganze Wahrheit sagen würde.

„Eines wurde aber ihr in diesem brütenden Sinnen grauenhaft bewusst, wie ungenau sie eigentlich ihren Mann kannte, wie wenig sie seine Entschließungen im Voraus zu berechnen vermochte.“

  1. Hier beginnt nun, parallel zur steigenden Dramatik der Angst, auch die innere Läuterung. Jetzt, da sie ausserhalb ihrer eigenen kleinen Welt steht, erkennt sie, was sie zu verlieren droht.

 „Ihr war, als hätte sie nur mit dämmrigem Gefühl, halb verschlossenen Blicks bisher durch ihr Leben getastet, und nun strahlte mit einem Male alles von innen in einer furchtbar schönen Klarheit (..) und unwillkürlich maß sie an diesem ersten starken Gefühl, das ihr zuteil war, die Seichtigkeit ihrer bisherigen Neigungen und das unendliche Versäumnis an werktätiger Liebe. (..) Wohin sie sah, wohin sie horchte, war plötzlich Wirklichkeit.“

  1. Immer mehr fühlt sie sich umstellt und beobachtet und auch ihr Mann wird ihr unheimlich. Sie sucht nach Zeichen seines Mißtrauens oder gar Wissens.

„Ihre Nerven litten schmerzhaft unter jedem Laut, jedem Schritt, der nachkam..“

„Wie Scheidewasser hatte die ätzende Angst ihr Leben zersetzt und seine Elemente gesondert. Die Dinge hatten mit einem Male anderes Gewicht, vertauscht waren alle Werte und die Beziehungen verwirrt.“

„Nun erst begann sie sein ganzes Leben an vereinzelten Zügen zu messen, die seinen Charakter ihr aufdeuten konnten.“

  1. Ihr erscheint das psychische Leid schlimmer als physisches Leid.

„Sie fühlte sich krank. Manchmal musste sie sich plötzlich niedersetzen, so heftig überfiel si e das Herzklopfen, eine unruhige Schwere füllte mit dem  zähen Saft einer fast schmerzhaften Müdigkeit alle Glieder (…)Sie beneidete die Kranken (..), hinter der Wolke des Leidens stünde schon fern wie eine große gütige Sonne die Genesung.“

  1. Ihr Mann gibt ihr anhand eines kleinen Gleichnisses zu verstehen:

„Die Angst ist ärger als die Strafe, denn die ist ja etwas Bestimmtes und, viel oder wenig, immer mehr als das entsetzlich Unbestimmte, dies Grauenhaft-Unendliche der Spannung. (..)Ich verstehe das eigentlich noch immer nicht, dass man eine Tat tun kann, mit Bewußtsein der Gefahr, und dann nicht den Mut zum Geständnis haben. Diese kleine Angst vor dem Wort finde ich kläglicher als jedes Verbrechen.“

  1. Schließlich, die Situation wird immer unerträglicher, sehnt Irene sich nach der Entdeckung. Und schließlich erdreistet sich die Erpresserin sogar, Irene im Haus aufzusuchen. Irene muss ihr aufgrund der Höhe der neuen Forderung, den Verlobungsring geben.
  2. Der Kulminationspunkt ist erreicht, Irene mit ihrer Kraft am Ende.

„Flucht war unmöglich vor einem Gegner, der allgegenwärtig schien. Und das Bekenntnis, die sichere Hilfe, blieb ihr verwehrt, das wusste sie nun. Ein einziger Weg war noch frei, aber von dem gab es keine Wiederkehr.“

„.. und dies Gestaltlose der Drohung, das unfassbare Nahe der Erpresserin, hart an ihrem Leben und doch nicht zu fassen, lieferte die schon Ermattete machtlos an die immer mehr mystische Angst.“

„Morgen: wie nah das war und wie unendlich fern! Ungeheuer weit und finster schien ihr die schlaflose Nacht. (…) Eingesargt fühlte sie sich in einer Unendlichkeit von Stille und das Dunkel unsichtbarer Himmel auf ihrer Brust.“

  1. Sie sehnt sich heiß nach einem Aufschub ihres Vorhabens:

„Oh nur noch ein paar Monate sich kaufen können (…) nur einen Sommer, aber ihn so ganz und voll, daß er mehr zählt wie ein ganzes Menschenleben..“

  1. Ihr Mann verhindert den Selbstmord- es folgt die Auflösung.

„Da brach es aus ihr heraus…. wie ein einziger sinnloser tierischer Schrei..“

Zweig arbeitet mit den körperlichen Symptomen der Angst, wie wir sie in Definitionen der Angst finden und er beschreibt die Stadien einer psychischen Krisensituation, die, so schlimm sie ist, einen positiven Zweck erfüllt.

Kierkegaard hat es so formuliert:

„Dies ist ein Abenteuer, das jeder Mensch zu bestehen hat: Dass er lerne sich zu ängstigen, denn sonst geht er dadurch zugrunde, dass ihm nie angst war, oder dadurch, dass er in der Angst versinkt; wer hingegen gelernt hat, sich recht zu ängstigen, der hat das Höchste gelernt“

Ich wünsche euch Freude beim Erstmals- oder Wiederlesen dieser kleinen Novelle und viel Staunen über die Sprachgewandtheit und Bildhaftigkeit der Zweigschen Sprache- auch wenn man mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger nicht immer ganz einverstanden ist.

ergänzende Zitate:

1 https://www.welt.de/debatte/kommentare/article115846928/Der-Mensch-braucht-Angst-sonst-lernt-er-nichts.html

https://www.dasgehirn.info/entdecken/grosse-fragen-1/Angst-beherrscht-man-nicht-ohne-furcht-zu-kennen-1865/

 

 

 

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