Rezension

Yorck Kronenberg: Was war

Buchrezension

Selten habe ich so ein sanftes, sorgsames und melancholisches Buch gelesen. Wie durch einen zarten Schleier blicken wir mit dem Ich-Erzähler während eines Frankreichaufenthaltes auf seine Trauer und seine Kindheitserinnerungen. Was immer in seinen Blick und seine Wahrnehmung gerät, es ist nie zu gering um erzählt zu werden.Kronenberg ist ein feinsinniger Erzähler der Vergangenheit, er ist ganz bei sich und versucht, seine Geschichte als Ganzes zu sehen:

„Der Riese hielt mich mit beiden Händen fest. Er stand sicher, wie eine Mauer. „Hab keine Angst,“ flüsterte er, „ich halt dich fest“. Da wurde die Freude in mir so übermächtig, dass ich laut aufschrie. Das Jauchzen stieg in meinem Körper auf, wurde weit in mir und weiter, erfasste wie von selbst die Luft, in der ich stand und breitete sich über den Dächern er Stadt aus.“

Über den Großvater:

„Er war ein stiller Mann. Wenn seine Frau mit dem Kind auf dem Arm durch die Wohnung tanzte und laut sang und lachte und die Hüften schwang, blickte er von seinem Buch auf und schüttelte nur den Kopf. Aber er lächelte doch. Und wenn die Frau sich endlich erschöpft mit dem schlafenden Kind aufs Sofa fallen ließ, schlich er leise zu den beiden herüber und küsste die Frau ein wenig schüchtern auf die Wange.“

Aber Yorck Kronenberg, der Pianist, kann nicht nur „dolce“ schreiben, er ist auch ein genialer Handwerker: wie er die verschiedenen Erzählebenen aus Jugend, junger Vergangenheit und Gegenwart verschränkt ist klug gemacht und passt zu dem traumverwobenen Erzählstil:

„Möchte ich dem kleinen Jungen etwas sagen, wenn ich ihm begegne? Einmal schlendere ich noch durch den Garten, setze mich auf die Schaukel, suche bei der Eingangstür die Leiste mit den Klingelknöpfen (…) Er sieht mich halbmisstrauisch, halb neugierig an. Er kratzt sich am Kopf. Seine Haare sind rötlich und leicht wie Luft, ich erinnere mich daran. (…) Ihm etwas sagen? Die Zeit drängt. (…) Dort das Gespenst des Kindes, drüben ein Jugendlicher, unter strahlend blauem Himmel ein Mann am Grab seiner Frau (…) Der Junge lacht mich an. Jetzt ist er schon ganz zutraulich geworden. Alles loslassen zu müssen! denke ich. Alles, auch wenn wir uns noch so fest daran klammern! Auch mich selbst kann ich nicht halten.“

Und dann greift das Leben nach ihm, fordert ihn und Kronenberg schafft es, hart realistisch und dennoch durch die Nebel der Selbstverlorenheit hindurch zu schreiben:

„Das Meer war wie Watte unter mir, mein Kopf war schwarz vor Schmerz, der Himmel war schwarz, ich wusste nicht, wo ich mich befand, den schwarzen Kindskörper über meine Schulter gestemmt. Von fern drangen Rufe an mein Ohr, dann erkannte ich die Umrisse von gestikulierenden Menschen, ein Junge sprang ins Wasser und zerrte an meiner Schulter, ich folgte ihm. Erst als ich neben dem Jungen auf dem Fels lag, kam ich zu mir. Ich presste ihm die Hände auf die Brust, beatmete ihn, schlug ihm ins Gesicht. Als er nach Luft schnappte, begann ich zu schluchzen. Ich hielt mir die Hand vors Gesicht und wäre am liebsten geflohen, so wie er ja auch vor mir davongelaufen war.
Sie ist tot.
Ich werde sie nie wiedersehen, niemals.
Später schloss ich mich in meinem Haus ein. Verriegelte sogar die Tür. Ich bin so müde. Meine Angst ist nahezu unerträglich.“

Kronenbergs Stil macht, dass ich mich danach sehne, mein eigenes Vergangenes so liebevoll betrachten zu können. Zurückblicken, ohne analytisch zu sein, wahrnehmen, fühlen, sein lassen, einfach erzählen wie es war. Der Titel ist perfekt gewählt.

Eure Anja

dtv 2016

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