Fingerübung, Schreibübung

Und was denkst Du so, mein Protagonist?

Du hast eine spannende Figur entwickelt, kennst sie vielleicht schon ganz gut, aber dir fehlt noch die Tiefe, der Kern, die Grundmotivation?

Dann fordere Deine Figur heraus und hole sie doch zum Interview. Das ist neben vielen anderen Techniken eine prima Möglichkeit, sich stärker mit den Motiven und  der Grundhaltung Deiner Figur auseinander zu setzen.

Ein mögliches Vorgehen:

Versuche, ohne Dich an Deinem aktuellen Text zu orientieren, Deine Figur mit einer Frage herauszufordern.  Den Startschuss dazu können zum Beispiel die Fragen aus der feinen Sammlung von Max Frisch geben: eine Reihe verblüffender, erschreckender, dreister, eindringlicher und entlarvender Fragen.

  1. Suche Dir eine Frage davon aus. Bei der Auswahl der Frage achte nicht so sehr darauf, dass sie zur Figur passt. Nehme ruhig eine ganz abwegige Frage und blicke mit Spannung auf das, was sich als Antwort entwickelt.
  1. Stelle Dir vor, Dir sitzt Deine Figur gegenüber. Stelle sie Dir ganz bildlich vor- wie ist sie angezogen, wie sitzt sie da, was tut sie (rauchen, Bein wippen ..). Stelle Dir die Stimme vor, die Gefühlslage der Figur.
  1. Dann lass die Figur auf die Frage antworten. Schreibe den Satz auf. Lasse die Figur nun einfach weiterreden. Stelle Dir vor, wie gut es der Figur tut, dass ihr jemand zuhört. Lass Dich treiben von den Sätzen, die Dir Deine Figur gibt.

 

Da nicht jeder das Büchlein von Max Frisch zur Hand hat, lege ich hier eine Auswahl von Fragen vor und durchlaufe die Übung einfach einmal selbst.  Ohne Gewähr- ich habe nichts vorbereitet und nutze eine meiner aktuellen Figuren, die ich noch ein wenig besser kennenlernen muss, damit sie beim Leser glaubhaft rüberkommt.

Fragen, entnommen aus „Fragebogen“ von Max Frisch, Suhrkamp Verlag, erste Auflage 2011

  • „Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?“
  • „Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?“
  • „Hätten Sie der standesamtlichen oder der kirchlichen Formel für das Eheversprechen irgendetwas beizufügen?“
  • „Was erhoffen Sie sich von Reisen?“
  • „Hoffen Sie auf ein Jenseits?“
  • „Was ertragen Sie nur mit Humor?“
  • „Gesetzt den Fall, Sie glauben an einen Gott: kennen Sie ein Anzeichen dafür, dass er Humor hat?“
  • „Wieviel Geld möchten Sie besitzen?“
  • „Fürchten Sie sich vor den Armen? Und: warum nicht?“
  • „Halten Sie sich für einen guten Freund?“
  • „Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?“
  • „Wie reden Sie über verlorene Freunde?“
  • „Sind Sie sich selber ein Freund?“
  • „Wieviel Heimat brauchen Sie?“
  • „Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw., die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?“
  • „Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für sie die Heimat wäre, z.B. Harlem, und beschäftigt es Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?“
  • „Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?“
  • „Wogegen sind Sie nicht versichert?“
  • „Wenn Sie auf der Straße stehenbleiben, um einem Bettler etwas auszuhändigen: warum machen Sie´s immer so flink und so unauffällig wie möglich?“
  • „Was stört Sie an Begräbnissen?“

Für einen Mann:                                                                    Für eine Frau:

  • „Was bezeichnen Sie als männlich?“ „Was bezeichnen Sie als weiblich?“
  • „Möchten Sie Ihre Frau sein?“ „Möchten Sie Ihr Mann sein?“

 

So. Los geht´s:

Auswahl der Frage:

„Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?“

Meine Figur:

Loretta trägt einen wadenlangen schwarzen Rock, dazu eine weiße Carmenbluse, die die gebräunte Haut ihrer Schultern zeigt. Sie hat die Haare zum Zopf gebunden, einzelne Locken kringeln sich am Hals entlang ins Dekolleté. Sie ist sorgfältig geschminkt, die Wimpern dicht und schwarz, das Blau ihrer Augen betonend. Sie schaut sich in Ruhe im Zimmer um, befühlt  die Blumen auf der Fensterbank, dreht sich dabei ein wenig in der Hüfte. Sie ist groß, auch ohne die Absätze, die sie heute trägt. Sie ist nicht grazil, aber sie bewegt sich geschmeidig und leicht. Sie setzt sich, schlägt die Beine übereinander, umfasst mit den Händen das obere Knie und schaut mich gespannt an.

„Loretta, was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?“

Die Antwort:

Loretta: „Das Urteil eines Freundes ist zu fürchten. Bewertet der Freund meine Tat, meine Aussage, meine Ansicht, mein Aussehen, so tut er das zwar hoffentlich mit Liebe im Herz und hoffentlich auch, um mir zu raten, mich weise zu lenken, mit mir in fruchtbaren Austausch zu kommen.

Aber er tut es auch stets mit dem Risiko, mich im tiefsten Innern zu treffen. Treffen kann er mich stärker als der Feind, weil ich vom Freund hoffe, dass er meine Mitte , meinen Kern erkannt hat und um mein Wesen weiß. Es kann mit jedem Freundesurteil passieren, dass ich zitternd erfahre, wie fremd wir uns doch sind, wie falsch er mich verstanden hat, wie falsch er mich interpretiert, wie falsch meine Annahme war, ich könne mich so zeigen, könne furchtlos sein, könne dies oder jenes mit ihm teilen, könne auf Verständnis hoffen. Und dann gibt es plötzlich diese grausame Kluft. In der Luft hängt dieses „Wie konntest Du nur“ oder dieses „ich verstehe Dich nicht“ oder das „Warum sagst du sowas, wieso bist du so, was hast du getan?“

Der Moment, indem man unmöglich wird in den Augen des Freundes, ist der Moment der größtmöglichen Einsamkeit.“

———————

Du hast sicher gemerkt, dass es überhaupt nicht einfach ist, eine Antwort zu geben. Es spielte sich vermutlich sehr viel ab in Deinem Kopf:  Wie stehe ich selbst zu der Frage? Soll meine Figur meine Haltung wiedergeben oder nimmt sie eine ganz andere ein? Sagt sie etwas Sympathisches, spricht sie aus Erfahrung? Erweckt sie beim Leser Widerspruch oder gar Widerwille?

In meinem Fall spricht Loretta aus einer Erfahrung heraus, die wichtig für den Verlauf meines Textes ist. Es war schön, zu spüren, dass ich Loretta – nach einiger Überlegung- recht authentisch antworten lassen konnte. Die Antwort, würde ich sagen, passt zu meiner Romanfigur.

Es kann aber auch passieren, dass Du am Ende der Übung feststellst, dass die Antwort auf eine besondere Art spannend aber auch unpassend zur sonstigen Art und Handlungsweise Deiner Figur ist. Das ist überhaupt nicht schlimm. Überlege, woran das liegt. Hast Du selbst geantwortet oder war es Deine  Figur? Wie unterscheidet sich Deine Figur von Dir? Welche Charaktereigenschaften sind Dir wichtig an Deiner Figur?

Vielleicht ist ja der gerade entstandene Antworttext so gut gelungen, dass Du Lust hast, die Figur in diese Richtung weiterzuentwickeln. Im Zweifel nimm Dir einfach eine weitere Frage vor.

Viel Spaß beim Figurenentwickeln!

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