Fingerübung, Lernen durch Lesen, Schreibübung

Bewegte Orte

Heute schauen wir uns etwas genauer an, wie wir Schauplätze mit unserem Protagonisten in Verbindung bringen und den Orten so eine Rolle in der Geschichte geben können.

Dazu schauen wir drei literarische Beispiele an. Man kann gut erkennen, was die Schilderung des Schauplatzes jeweils bewirkt:

  1. „Was man im Scheinwerferkegel sah: Gewächs reglos, Geschlinge von Luftwurzeln, die in unserem Scheinwerferlicht glänzten wie Eingeweide. (…) Dann die Morgenröte! Von Kühle keine Spur; der Morgen war heiß und dampfig, die Sonne schleimig wie je, die Blätter glänzten, und wir waren nass von Schweiß und Regen und Öl, schmierig wie Neugeborene (..) Es spritzte der Schlamm nach beiden Seiten, wenn wir durch die Tümpel fuhren, diese Tümpel im Morgenrot – (…)“

(Max Frisch: Homo Faber)

  1. „Das Frauenkloster empfängt mit einem weinüberwachsenen Hof. Alles ringsum blüht und gedeiht – in Töpfen, in Blechnäpfen, in schnurgeraden Furchen, an terrassierten Kleinhängen und hölzernen Stützen; wohin das Auge schweift, grünt und knospt und flammt es. Auch die Pfeiler der Wandelgänge überklettert strotzende Pracht und streckt die Blütenkelche in tobenden losgebundenen Farben nach der Sonne. Von Mückengold durchzucktes Blau. Libellen schweben wie Liedzeilen vorüber. Einfach Holzbänke laden zum Sitzen ein. Ein Gesumm und Gezwitscher in der Luft wie nicht gescheit, ein Schwänzeln, Rascheln, Flitzen Fliegen, Brummen um die drei Menschen her und an ihnen vorbei, geschäftig in eigener Sache.“

(Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff)

  1. „Normalerweise raucht sie auf dem Balkon oder unten im Hof. Das Wegbringen der Mülltüten hat sie deshalb an sich gerissen. Die Constantinstraße liegt still im Nachmittagslicht. Braungelbe Sandsteinhäuser wölben ihre verzierten Fassaden nach vorne wie frische Brote und Kuchen, die aus ihren Backformen quellen. Über den grauen Schieferdächern steht die Sonne und lässt Gerüche aufsteigen, die auch mitten in der Stadt zum Herbst gehören: das Nussaroma zerquetschter Blätter auf dem Gehweg und in den umliegenden Höfen, die Früchte von Eberesche, Holunder, Apfel und Zwetschge, teils überreif an den Ästen, teils als fauliges Fallobst auf der Wiese des kleinen Gartens hinter dem Haus.“

(Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage)

  • Bei Max Frisch kann man schön erleben, wie der Schauplatz zum Stimmungsträger wird. Das Mexiko, das ihn dort umgibt, hat nichts exotisch Wunderbares. Es ist ein extremer Ort, der in den Augen des Protagonisten von Tod und Geburt nur so überquillt. So erfahren wir viel über den Seelenzustand der Hauptfigur. Der Ort erfüllt noch eine zweite Funktion: er wird zum Mitspieler und hier sogar zum Gegenspieler, dem man entkommen möchte.
  • Sibylle Lewitscharoff lässt ein Gemälde vor unseren Augen entstehen- auch hier Stimmung, aber was für eine: luftig-leicht, geschäftig und übervoll, so dass die drei Menschen darin kaum mehr eine Rolle spielen. Ein Garten Eden- ein Ort der Sehnsucht und Erlösung. Man ahnt, dass es eine Erleichterung für die Protagonistin ist, hier zu sein. Nähme sie sonst die Schönheit mit solcher Kraft der Eindrücke wahr und fände dafür Worte und Metaphern die so reich an Begeisterung sind? Hier schauen wir recht subtil in die Seele der Protagonistin.
  • Anna Katharina Hahn lässt ihre Geschichte im gutbürgerlichen Stuttgart spielen. Der Schauplatz ist eine Milieustudie und lässt uns die Sattheit, die Überfülle der dort Lebenden ganz gut spüren (Herbst-überreif-aus Formen quellen). Dies ist der Ort, der physische Rahmen der Geschichte.

Unterstrichene Stellen orientiert an: Fritz Gesing „Kreativ Schreiben“

Es lohnt, Sorgfalt darauf auf die Orte zu verwenden, an denen sich unsere Protagonisten bewegen. Es lohnt, zu überlegen wie der Ort mit ihrem Empfinden und Handeln zusammenhängt.

Dazu eine kleine Übung:

Du möchtest einen Ehestreit in einer Küche inszenieren. Die Frau bereitet gerade Abendessen zu. Beschreibe die Küche so, dass die Beschreibung bereits eine Spannung aufbaut und ahnen lässt, dass gleich etwas passieren wird (der Mann stürzt herein…). Gehe dabei in Deine Küche, versetze Dich in die Lage der Frau und in eine angespannte, bedrohliche Situation. Vielleicht hilft es Dir, Dir diese Szene wie im Film vorzustellen- bedrohliche Musik im Hintergrund, was nimmt die Kamera auf? Du hast allerdings die Chance, auch mit Gerüchen zu arbeiten- probiere verschiedene Sinne aus, versuche, den Kern der Szene zu finden.

Wenn Du magst, probiere nun eine ganz andere Szene aus: beschreibe die Küche als Ort der Geborgenheit. Stelle Dir vor, eine junge Frau kehrt aus dem Ausland zurück, sie hat keine guten Erfahrungen gemacht und sieht nun mit Tränen in den Augen diese Küche, in der sie mit der Mutter so oft geredet hat, in der sie so oft getröstet wurde und die sie mit Glück und Zuhausesein verbindet.

Anbei das, was ich zu dieser Übung spontan geschrieben habe:

Küche vor Ehestreit:

Der Schatten des gegenüberliegenden Hochhauses ließ das Licht in der Küche schon am frühen Abend grau werden. Teresa hatte kein Licht angemacht, hatte sich nicht umgezogen, sie war spät dran. Im Bürorock und auf Strümpfen stand sie da und schälte die ausgekeimten Kartoffeln. Ein tiefer Schnitt in die Fingerkuppe ließ sie innehalten. Sie sah das Blut auf dem gelben Fleisch der Kartoffel, sah es einziehen und lila werden. Durch das offene Fenster drang der Geruch von gebratenen Innereien. Irgendwo jaulte ein Hund. Teresa holte ein Pflaster aus der Besteckschublade und wickelte es um den Finger. Sie stellte das siedende Wasser ab, stützte sich mit beiden Händen auf die Arbeitsplatte und legte die Stirn an den Hängeschrank.

Küche als Heimatort:

Sie stand in der Tür. Weiches Licht drang durch die Vorhänge, webte sich durch die Kräutertöpfchen auf dem Fensterbrett bis auf die alten Fliesen. Sie streifte die Schuhe ab und stellte die Füße auf die warme Stelle.  Sie schloss die Augen und sog den Geruch vorsichtig durch die Nase. Reife Aprikosen, ein Hauch Zwiebel, Rosmarin und Erdbeeren, Pfeffer und Brot. Ihr wurde fast schwindlig vor Hingabe an dieses Glück, das so unmittelbar war. Sie glaubte die Hand ihrer Mutter auf dem Rücken zu spüren. Sie sehnte sich nach ihr, so sehr, dass es sie in die Knie zwang.

Viele Spaß bei Deiner Inszenierung wünscht Dir Anja.

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