Allgemein, Rezension

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

Flott fängt das Buch an- fast wie ein Thriller:

„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab´s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte.“

Aus verschiedenen Erzählperspektiven beleuchtet Toni Morrison das Leben von Bride, angefangen und beendet mit Worten der Mutter. Die Mutter, aufgewachsen im rassistischen Amerika, kann sich mit der extremen Dunkelhäutigkeit ihrer Tochter nicht anfreunden und Bride, damals noch Lula Ann, wächst in liebloser, ablehnender Atmosphäre auf.

Zusätzlich belastet wird Brides Leben durch eine gerichtliche Falschaussage gegen eine des Missbrauchs beschuldigte Lehrerin, um sich die Zuneigung der Mutter zu erkaufen. Dass das so ist, kann hier ruhig verraten werden, da man es ohnehin nach wenigen Seiten ahnt.

Bride entwickelt sich zu einer sich selbst inszenierenden, blauschwarzen Schönheit, durchsetzungsstark, unabhängig und beruflich erfolgreich. Neben Brooklyn, Brides weißer Freundin, gibt es  Booker, ihren gut aussehenden dunkelhäutigen Freund, der sein Leben nicht recht in den Griff bekommt angesichts des Kindesmissbrauchs und Mordes an seinem älteren Bruder.

Aber selbstverständlich sollen wir die Heldin dabei beobachten, wie sie zu sich selbst findet und der Auslöser dazu ist, dass Bride versucht, ihr jugendliches Vergehen zu sühnen, in dem sie mit einem Kosmetikset, einem Flugticket und Bargeld bei der nach fünfzehn Jahren entlassenen Ex-Lehrerin auftaucht.

Das ist so sehr an den Haaren herbeigezogen, dass man es kaum glauben mag. Und damit das Klischee vollständig wird, wird Bride von der Lady heftig zusammengeschlagen.

Damit Bride aber wirklich etwas lernen kann, wird sie dann auch noch von Booker verlassen, der denkt, sie hätte sich mit ihren Geschenken der vermeintlichen Kindsschänderin andienen wollen. Der Leser fragt sich, nach welcher Logik sie das wohl hätte tun sollen.

Das Ganze muss dann auch mühsam damit erklärt werden, dass Bride und  Booker über nichts wirklich Persönliches miteinander geredet haben- sie weiß nichts über ihn und er kennt ihr Lügengeheimnis nicht.

Nun geht es weiter in der unglaublichen Heldenreise. Bride lässt sich weiter beurlauben, lässt ihren tollen Job in der Kosmetikbranche von Brooklyn machen und begibt sich auf die Suche nach Booker. Warum sie das tut, wird nur in einem kleinen Satz von Brooklyn erklärt: Bride wirkte mit ihm „nicht so bedürftig, (…) nicht ständig um Bestätigung buhlend. In seiner Gesellschaft leuchtete sie, aber mehr von innen.“

Ok, verstanden. Also muss sie ihn wohl suchen, um ihr Leben insgesamt mehr von innen leuchten zu lassen und nicht so sehr auf Coolness getrimmt zu sein.

Es passieren ihr dann:  ein schlimmer Autounfall, ein kaputtes Bein und damit ein Zwangsaufenthalt bei einer armen Familie und deren Adoptivkind, dann die Begegnung mit Queen, einer Tante von  Booker. Queengibt Bride die Gedichte von  Booker zu lesen und da erkennt sie die inneren Werte und die Liebe dieses Mannes. Sie geht zu ihm, kämpft mit ihm, beichtet, kämpft um ihn und dann wieder mit ihm um das Leben von Queen. Hier wird sie dann zur selbstlosen Samariterin und fast alles wird gut.

Ein seltsam geschnittenes Buch, das viele Geschichten anreißt, Nebenfiguren – warum auch immer – zu Wort kommen lässt, ohne deren Geschichten wirklich einzubetten. Drei Handlungsmotive (schwarze Haut, Kindesschändung und Meineid) sind für den schmalen Band meines Erachtens zu viel, die Prügelszenen befremden und Bride bleibt für den Leser seltsam blutleer. Viel Herzblut steckt Morrison dagegen in die Figur des Booker, seine Familienbande, die Familientraditionen, seinen Anspruch an sich selbst und seine Vielschichtigkeit. Eine gut gebaute Figur, die einen eigenen Romans wert wäre.

Ich erinnere mich wohl an die Begeisterung des Literarischen Quartetts angesichts dieses Buches, kann sie aber nicht recht teilen. Ohne Zweifel spielt die Hautfarbe auch heute noch eine starke Rolle im gesellschaftlichen Miteinander. Berufliche Erfolge und Anerkennung werden dabei einfacher bei großer Schönheit und Selbstinszenierung. Ich glaube, es war Thea Dorn, die im Quartett als Beispiel Barack Obama anführte, der ja ohne Zweifel gutaussehend ist.  Aber für eine Beleuchtung des heutigen schwarzen Amerikas steht die Geschichte nur randlich, denn die Hautfarbe dient nur als Grund für fehlende Mutterliebe. Der Rest der Geschichte reflektiert die Bedeutung der Farbe nur wenig. Das Buch hat viel gewollt, aber es begleitet mich nach Ende der Lektüre keine neue Erkenntnis und Bride bleibt mir nicht als starker Charakter in Erinnerung. Der emphatische Titel verweist zum Schluss auf die entstehende nächste Generation, die wie jede andere auch, ob schwarz oder weiß, ob in Amerika oder anderswo, ob mit oder ohne Gott um ein authentisches Leben kämpfen wird.

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