Allgemein, Rezension

Literarisches Quartett vom 16. Juni 2017

Zu Gast war diesmal Ulrich Matthes, Mitglied des Berliner Deutschen Theaters und ein engagierter Leser und Rezensent und geschwärmt hat er zusammen mit Thea Dorn von „Sämtliche Erzählungen“ von Maeve Brennan. Brennans Geschichten nannte Dorn „großartige Etüden der Einsamkeit“ , in die sie sich sofort verliebt hat: endlich eine Frau, die es versteht, „Flaneurliteratur“ zu schreiben. Auch Weidermann lobte, sprach von einer „unaufschließbaren Einsamkeit“ und der „unglaublichen Kälte, mit der erzählt wird“. Frau Westermann traute sich danach zu sagen: „gebt euer Geld für was anderes aus, ich habe mich sehr gelangweilt“. Unter dieser Kritik litt Thea Dorn theatralisch und nahezu körperlich: die Faust an die Stirn gedrückt rang sie um Fassung. Dass jemand das, was sie als Inbegriff des Wunderbaren berückt , langweilig finden kann! Und als sie zu Frau Westermann sagte „wir suchen nach unterschiedlicher Literatur“ klingt das, als wisse Frau Westermann einfach nicht, was intellektuelles Leseniveau ist.

Erwähnenswert ist die Haltung der Vier zu Lawrence Osbornes „Denen man vergibt“: einhellige Begeisterung über das „souverän erzählte“, „subtil und spannende“, „ gut gebaute“ Buch mit „lässiger und hochsinnlicher Sprache“. Herr Matthes erwähnt einmal kurz die allzu häufige Nutzung von Adjektiven und die Längen, die sich Osborne herausnimmt, sie aber mit „lakonischen Hemingway-Sätzen wieder abfedert“. Weiter werden die „unglaublich guten, witzigen, boshaften Dialoge“ gerühmt und Weidermann resümiert, dass es in dem Buch augenscheinlich um eine umgekehrte Flüchtlingsbewegung geht: die Reichen, die aus ihrer Sattheit fliehen. So muss man vielleicht die Überschwänglichkeit der vier Rezensenten auch verstehen: es ist das Sujet, das hier vor allem fasziniert. Sprachlich kann man hier auch deutlich anderer Meinung sein und dazu verweise ich gerne auf Marina Büttners Rezension.

Zur jungen deutschen Gegenwartsliteratur „Nowak bleibt liegen“ von Julia Wolf waren sich Dorn und Weidermann einig: „Bücher in dieser Art werden unaufhörlich publiziert“ aber man weiß nicht, „was der Autor mit diesem Protagonist eigentlich erzählen will“ und was ihn für den Leser interessant machen soll. Matthes und Westermann dagegen loben die „hochmusikalische Sprache“ und Wolfs Kunst „Bilder im Kopf“ zu erzeugen. Frau Westermann fasste zusammen, dass es faszinierend sein, „so mit Sprache zu wirtschaften und sie zugleich leuchten zu lassen“.

Die Buchbesprechungen ließen mich zuletzt auch in etwa so ratlos zurück, wie es die Minutengeschichten mit Thea Dorn machten. Ich kann nicht behaupten, dass mich auch nur eines der drei gelobten Bücher jetzt so reizt, dass ich es mir zulege. Warum ein sehr spezielles Buch wie das von Oskar Maria Graf überhaupt in der Auswahl war, bleibt ein Rätsel und auch, warum es dem Moderator der Sendung nicht gelingt, ein einheitliches Vorgehen bei den vier Buchrezensionen zu gewährleisten. Einmal wird ein Buch in aller Länge und Breite inhaltlich vorgestellt, ein andermal muss ein Satz genügen, dafür folgt eine ausführliche Kritik- jeder also wie er will. Manche Bücher bleiben einem dadurch inhaltlich fremd, zu anderen baut man eine Beziehung auf, die dann für die Kritik eher empfänglich ist. Was Frau Westermann immer gerne tun wollte, aber nur selten durfte: das Zitieren – wird jetzt doch hin und wieder eingeführt und ist meines Erachtens ein Gewinn beim Verständnis dessen, was die Rezensenten meinen, wenn sie z.B. von „hochmusikalischer Sprache“ reden. Ein kurzes Zitat aus Maeve Brennans Erzählungen hätte mir geholfen, zu verstehen, warum wir sie lesen „müssen“. Die schiere Begeisterung in Superlativen hilft nicht viel. Ich wünsche mir, dass sich die Vier mehr Mühe geben, den Zuschauer/Zuhörer gedanklich besser einzubinden.

Weidermann und Dorn bosseln im Quartett weiter um die Rolle des Alphatieres, jeder mit sehr eigenen Mitteln und ich bin gespannt, wie sich das Duell entwickelt. Dann also bis zum 11. August!

 

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