Lernen durch Lesen, Rezension, Schreibübung

Gedanken zum Roman „Heim schwimmen“ von Deborah Levy

Deborah Levy war mit diesem Roman 2012 auf der Shortlist für den Man Booker Prize.

Vielversprechend lockte mich die Skizzierung des Settings und der Figuren: hitzeflirrende Tage in einer Ferienvilla in Südfrankreich- ein in Naturstein gehauener Pool, zwei Ehepaare – darunter die Jacobs mit pubertierender Tochter Nina- , der ständig bekiffte junge Hausmeister Jürgen, die ältere Engländerin Madeleine Sheridan, die das Treiben in der Villa vom Nachbarhaus aus beobachtet und last but not least die sich einschleichende neurotische Kitty Finch.

Die Beziehungen der Personen zueinander werden in kurzen Kapiteln skizziert. Da ist die immer wieder auf die Probe gestellte Ehe der Jacobs. Joe ist ein bekannter Dichter, Isabel ist Kriegsberichterstatterin. Nina ist aufgrund der häufigen Abwesenheit der Mutter stark auf den Vater fixiert und freut sich über Kittys Auftauchen. Laura ist mit Isabe befreundet und ihre Ehe leidet unter der bevorstehenden geschäftlichen Insolvenz. Weitere Netze spannen sich zu Madelein, zu Jürgen, zu Claude, dem Cafebesitzer.Dieses Setting hat Potenzial- komplexe Figurengeschichten, schwierige Konstellationen. Das Geschehen könnte eine scharf gezeichnete Momentaufnahme sein, die Vergangenheit und Zukunft aufeinanderprallen lässt und die Leben der fünf Urlauber in neue Richtungen lenkt. Irgendwie passiert das wohl auch, aber was wie warum durch wen passiert bleibt schwer durchschaubar. Die sorgfältige Aufstellung des Gemäldes verspricht mehr Tiefe und Intensität als dann verwirklicht wird.

Die Geschichte spielt 1994 und beginnt mit einer Autofahrt. Kitty und Joe der Dichter hatten in den Alpen ein Schäferstündchen. Mit zweiten Kapitel springen wir an den Anfang, fünf Tage zurück, zu dem Samstag, an dem Kitty Finch in der Ferienvilla auftaucht- magersüchtig, extrem hübsch, psychisch labil, stotternd und von Beruf Biologin.

Im Fortgang erfahren wir, dass auch Joe psychisch fragil ist und Kitty offenbar den Menschenleben in der Villa als Katalysator dienen soll. Dazwischen und dann noch einmal chronologisch passend am Ende wird – vermutlich als Schlüsselszene gedacht- die Autofahrt wiederholt. Kittys Worte zu Joe aus dem Anfangskapitel werden darin ergänzt:

„Das Leben ist nur lebenswert, weil wir hoffen, dass es irgendwann besser wird und dass wir am Ende alle wohlbehalten heimkehren. Aber du hast es versucht, und du bist nicht wohlbehalten heimgekehrt. Du hast überhaupt nicht heimgefunden. Deshalb bin ich hier, Jozef. Ich bin nach Frankreich gekommen, um Dich von deinen Gedanken zu erlösen.“

Kitty identifiziert sich mit dem Dichter, behauptet, mit ihm im Zwiegespräch zu stehen, ihn zu kennen und sich in ihm wiederzuerkennen. Die Schwermut Jozefs, die auf traumatischen Kindheits- und Kriegserfahrungen beruhen, wird durch Kitty aufgerührt. Er hat das Gedicht „Heim schwimmen“ gelesen, das Kitty schrieb. Sie wartet dringlich auf seine Meinung- aber er „steht vor einem Rätsel.“

„Er wurde gefragt, was er davon halte, und nach seinem Dafürhalten verbarg sich hinter jedem etc. etwas, was man mit Worten nicht ausdrücken konnte.“

Also schläft er mit ihr und versucht sich zugleich von ihr zu befreien:

„Es ist unaufrichtig, mir ein Gedicht zu geben und so zu tun, als wolltest du meine Meinung dazu hören, wenn du eigentlich auf der Suche nach Gründen bist weiterzuleben. Oder nach Gründen, nicht zu sterben.“

Und er stellt fest, dass er „selbst kaum noch da war.“

Jozef sagt ihr, dass er sie für eine großartige Schriftstellerin hält, dass sie unbedingt reisen müsse und dass sie „noch so viel vor sich“ habe. Das ist dann sein letzter Versuch der Selbstbefreiung von ihrer morbiden Ausstrahlung.

Die Symbole verdichten sich am letzten Tag, dem Samstag. Villa, Pool, gelbe Zettel, Botschaften, Kieselsteine mit Loch, Bär im Pool, eine Pistole, ein Tod, ein Mord?

Für mich enthält der Roman sehr viele lose Enden, die nicht zueinanderfinden. Zu viele Symbole, zu viele Untergeschichten, die am Ende keine Bedeutung haben, zu viele Beziehungsfetzen, die am Ende nichts zu erzählen haben:

  • Wozu Madeleine Sheridan einführen, wozu die Geschichte von Kittys Psychoaufenthalt in der Klinik? Dass sie krank ist, wird allein schon in der Anfangsszene klar, als sie mit dem Gesicht nach unten im Pool schwimmt.
  • Wozu die Geschichte über die Insolvenz von Laura und Mitchell?
  • Wozu die Szene über Ninas erste Periode und ihre Nacht in den Armen von Kitty?
  • Wozu die Schilderung der geheimen Liebe des bekifften Hausmeisters zu Kitty?
  • Warum wählt Levy für Isabel den Beruf der Kriegsberichterstatterin? Sie macht damit nichts, was ihrem kriegsgeschädigten Mann hilft.
  • Und warum ist Kitty Biologin?
  • Wozu die Füllertätowierung von Kitty auf Joes Arm „es regnet“- (klar, hat mit Wasser zu tun- aber sonst?)
  • Was soll der Gummi-Alien in der Bar von Claude?
  • Was soll die Symbolik des Bärs am Anfang und Ende, was sollen genau die Löcher in den Kieselsteinen? ( „.. aber ich kann nicht an sie denken oder an die Kieselsteine, die wir gemeinsam gesammelt haben, ohne den Wunsch zu verspüren, durch ihre Löcher aus der Welt zu fallen.“)

Die Beweggründe, die Abgründe der Personen treten so sehr hinter überflüssigen und oberflächlichen Beschreibungen zurück, dass Aktionen und Reaktionen für mich unverständlich bleiben. Wenn wir z.B. Isabel auf einem Ausflug nach Nizza begleiten, in einem Kapitel, das „Imitiertes Leben“ heißt und wir darin dann mit dabei sind, wie sie eine blinde Russin zu einem Arzt begleitet , wie sie feststellt, dass sie zu Hause eine Person imitiert,“ die sie einmal gewesen war“ und dass sie zu Hause eine „Art Gespenst“ ist, weil sie so selten zu Hause ist und wie sie behauptet, eine „starke und dennoch zerbrechliche Frauengestalt“ zu sein- dann klingt das alles wie der unbeholfene Versuch, sie als Figur plastisch zu machen. Isabel bleibt seelenlos, der Leser geht nicht mit ihr, kann sich nicht in sie hineinversetzen. Isabel, die mit nacktem Fuß Zigaretten ausdrückt ( auch das noch zu allem Überfluss) hat Richtung Ende dann folgenden Auftritt:

„Sie erzählte ihm, sie hätte sich so gewünscht, seine Liebe zu spüren wie Regen auf der Haut. Das war der Regen, nach dem sie sich in ihrer langen, unkonventionellen Ehe am meisten gesehnt habe.“

Schon wieder Regen. Und dann noch gesteigert:

„Ihn zu lieben war das größte Wagnis ihres Lebens gewesen.“

Diese Aussage ist an dieser Stelle wertlos, da sie keine Herkunft in den vergangenen 156 Seiten hat und für den Leser weder nachvollziehbar noch interessant ist.

Das Schlusskapitel, das uns ins Jahr 2011 mitnimmt, 17 Jahre nach den Ereignissen, wird von Nina erzählt, die jetzt selbst Mutter ist. Das Kapitel versucht offenbar, die Fäden zusammenzubinden. Verbindendes Element soll nun der Traum sein:

„Kinder wissen, dass sie sich selbst aus dem Leben heraus und wieder ins Leben hinein träumen müssen, denn am Ende muss das Leben immer die Oberhand behalten. (..) Ich sage es jeden Abend, vor allem wenn es regnet.“

Aber eigentlich kommen hier nur nochmals alle Wörter vor, die bislang lose herumwanderten: Regen, Löcher in Kieselsteinen, Honigwabe, Nizza, Kindheit, Vater, Mutter und natürlich Kitty Finch. Und dann, zu allem Überfluss, spielt plötzlich auch noch der Name Finch (Fink) eine Rolle, der

„einen merkwürdigen Ruf, vielleicht einen Hilferuf an meinen Vater gerichtet hat“.

Am Ende bleibt mir ein seltsames Gefühl der Leere. Ich bin in viele beginnende Geschichten gesprungen, z.B. in die der Madeleine Sheridan, die mit scharfem Blick die Urlauber beobachtete. Das hätte sich, wie einige andere Ansätze auch, zu einer tollen Geschichte entfalten können. Tat es aber nicht.

Die ganze Symbolik verpufft und ist nahezu undeutbar. Sprachlich gibt es dazu einige irritierende Schwächen:

„…ihre blassen, von Mascara rußigen Wimpern…“;

…sie „versuchte die Tüte… Nüsse zu bezahlen die sie … dem … Straßenverkäufer abgekauft hatte“.

Und warum eine Schusswunde im Poolwasser keine Blutspuren hinterlässt, hat mich doch ein wenig beschäftigt.

Zudem enthält die Geschichte enthält Unmengen Details, die überflüssig sind und deren Sinnhaftigkeit sich nicht erschließt:

„…vergesse ich beim Aufwachen sofort meine Passwörter für EasyJet und Amazon“.

Einige der Kritikpunkte mögen mit nachlässiger Übersetzung zusammenhängen. Dennoch. Für mich sind einfach zu viele Fragen offen und es packt mich eben nicht „bis in den Schlaf“, wie Meike Feßmann von Deutschlandradio Kultur laut Klappentext geurteilt hat. Ich finde den roten Faden nicht, meine Gedanken können sich an nichts entlanghangeln, um eine Erkenntnis zu gewinnen. Und einen „Thrill“ erlebte ich auch nicht.

Alles in allem ist „Heim schwimmen“ ein verwirrender Roman und so ganz konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um Notizfetzen handelt, die Levy zu einem romanhaften Etwas zusammengeflickt hat.

Zum Schluss aber doch noch ein, wie ich finde, gelungener Satz, ein schöner Gedanke, von dessen Sorte ich sehr gerne mehr gelesen hätte:

„Wenn sie (Anm: Isabel)die Wahl hätte, all das wieder zu vergessen, was sie eigentlich hätte weise machen sollen, dann würde sie noch einmal ganz von vorne anfangen. Unbedarft und voller Hoffnung würde sie noch einmal heiraten und noch einmal ein Kind bekommen und mit ihrem gutaussehenden jungen Mann abends am Strand Bier trinken. Sie wären noch einmal bezauberte Anfänger, die sich unter dem strahlenden Sternhimmel küssen. Das war das Beste, was man im Leben sein konnte.“

 

 

 

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s