Allgemein, Literaturkritik, Rezension

Eindrücke vom Literarischen Quartett, Freitag, 11.August 2017, ZDF

Gast war dieses Mal Ijoma Mangold, Literaturchef der ZEIT – ein geschickt gewählter Zeitpunkt, um seine, am 18. August bei Rowohlt erscheinende Biografie „Das deutsche Krokodil“ zu promoten.

Und Mangold begann die Runde auch gleich mit „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes, die im Jahr 2002 durch „Baise-moi – Fick-mich“ Aufsehen erregte. Das neue Buch erzählt die soziale Abstiegsgeschichte eines Plattenladenbesitzers und betrachtet dabei ein buntes Panorama der französischen Gesellschaft. Volker Weidermann nennt es DEN Gesellschaftsroman. Despentes schreibt immer noch „wie ein aufgeklapptes Rasiermesser“ (Thea Dorn) aber deutlich subtiler als in „Baise-moi“. Dorn fühlt sich im Sprachstil an frühe Bücher von Sibylle Berg erinnert. Insgesamt, so Mangold, ist Despentes ein äußerst aktuelles Buch mit „Feuer unterm Arsch“ gelungen. Die Runde stimmt dieser Einschätzung zu , auch wenn Christine Westermann das Bemühen „um Tabubruch“ schwierig findet und Thea Dorn fragt, ob Despentes – und generell die nihilistisch gewordene Linke- es sich nicht zu leicht machen, wenn „am Ende an allem der Kapitalismus“ schuld ist. Ijoma Mangold freut sich dennoch sehr, dass aus Frankreich wieder viele interessante Bücher kommen, mit ganz eigenem Duktus. Das lässt gespannt sein auf Frankreich als Schwerpunktland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Christine Westermann stellt „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ von Paulus Hochgatter vor. Hochgatter ist hauptberuflich Kinderpsychiater und bettet die Geschichte eines kriegs-traumatisierten Kindes in die letzten Tage des zweiten Weltkrieges in Österreich ein. Dass er diesen geschichtlichen Hintergrund wählt, führt zu Befremden bei Thea Dorn („er hat sich keinen Gefallen getan“) und Ijoma Mangold („holzschnittartige“ Nutzung des Dritten Reiches als „Das Böse“). Frau Westermann verweist darauf, dass er das Kind genauso in die Gegenwart nach Lampedusa hätte platzieren können- hat er aber nicht. Thea Dorn hat recht- wir müssen von dem ausgehen, was ist und also davon, dass Hochgatter bewusst die 1945-er Jahre gewählt hat. Weidermann befindet, dass das Buch für das Gewollte und Angerissene auf 110 schlanken Seiten einfach „nicht die richtige Form hat“. Das liegt daran, dass sich „die Notwendigkeit der Doppelperspektive“ aus der Sicht des Kindes UND des Erzählers „ nicht erschlossen hat“ (Mangold), es einen „kitschig-künstlichen“ Tonfall hat (Mangold) und die „Nachvollziehbarkeit“ fehlt (Weidermann). Das Fazit: Hochgatter hat laut Weidermann „eine neue Form der Kompressionsnovelle“ erfunden, die nicht überzeugt.

Der nächste, ebenfalls österreichische Autor ist Franzobel mit „Das Floß der Medusa“, vorgestellt von Thea Dorn. Es geht um eine reale Katastrophe des Jahres 1816. Ein Schiff bricht vom kolonialen Frankreich aus nach Senegal auf, unter der Führung eines unfähigen Kommandanten. Der Leser wohnt von Anfang an der „Chronik einer absehbaren Katastrophe“ (Dorn) bei, die einsetzt, als die Medusa vor Afrika auf Grund läuft und 147 Menschen auf ein eilends gebautes Floss umsteigen müssen.  Thea Dorn begründet, warum das Buch „enorme Aufmerksamkeit“ verdient hat und es für sie zum „besten deutschsprachigen Buch diesen Jahres“ gehört:  es wird zum einen „grausam-anschaulich“ beschrieben, „wie wir Katastrophen vorhersehen, wenn einzelne inkompetente, machtgeile Figuren“ auf der Kommandobrücke sitzen. Zum anderen kehrt Franzobel die aktuelle Flüchtlingssituation um und lässt Europäer nach Afrika aufbrechen und dort Schiffbruch erleiden. Der Grundwitz des Buches, so Weidermann, ist, dass hier die „Erben der französischen Revolution kommen“ und es nur 50 Stunden braucht, um sie komplett zu entmenschlichen und sie sogar „in Kannibalen zu verwandeln“ (Franzobel).

Diesen euphorischen Ton relativiert Mangold etwas. Aufgrund der letzten Bücher von Franzobel ging er sehr kritisch ans Lesen, musste dann aber feststellen, dass das Buch ihn dennoch packte: „der Stoff ist brillant“, aber Franzobel kennt „so etwas wie ein inneres Stoppen nicht“ und ist ein „verquatschter Erzähler“ mit endlos vielen, doppelten, zum Teil sich aufhebenden Metaphern. Es blieb aber bei allen Vieren der Eindruck, den Thea Dorn so formulierte: „der haut sich in diesen unmenschlichen Stoff mit Haut und Haaren rein“.

Schließlich stellt Weidermann „Zwischen ihnen“ von Richard Ford vor. Es handelt sich um ein Memoir, das aus zwei Teilen besteht, die im Abstand von immerhin 30 Jahren verfasst wurden. Entstanden ist eine doppelte Liebeserklärung an die Eltern Richard Fords und zugleich die Geschichte, „wie einer der Großen unserer Zeit zum Schriftsteller wird“ (Weidermann). Im Kern befasst sich das Buch mit dem Fremdbleiben der Eltern durch das Vorleben, das sie hatten und das sie nicht mit dem Kind teilen. Ford schreibt „sehr persönlich, wird aber nie privat“ (Westermann). Mangold hat das Buch angerührt und er empfindet es als größte Stärke des Buches, dass es all das, was wir nicht wissen, in den Mittelpunkt stellt und das auch so stehen lassen kann. Thea Dorn nennt das Buch eine „Meditations-Nachdenk-Anleitung“, weil Ford genau die „richtigen Fragen“ stellt und man als Leser diesen Fragen immer wieder im eigenen Leben nachsinnt.

Insgesamt war es eine harmonische Runde. Schön einerseits, weil aktiv zugehört und konstruktiv diskutiert wurde. Andererseits fehlten die provozierenden Akzente. Ich rege an, die Vorstellung der jeweiligen Bücher etwas intensiver zu gestalten. Immerhin liest der Rezensent das Buch ja mit zwei Seelen- einerseits darf er sich mit Emotion hinein- oder herausfallen lassen, andererseits sollte er so lesen, dass er den Inhalt knackig vermitteln und mit scharfem Blick und klaren Worten das Bestechende und das Banale in Worte fassen kann. Diese Kunst würde ich gerne stärker ausgeprägt sehen. Aktuell sind die Vorstellungen recht weichgespült, so dass die Runde kaum Ansatzpunkte für eine differenziert andere Meinung finden kann. Einzig Thea Dorn gelingen sorgfältige Analysen und klare Aussagen, die sie auch begründen kann. Frau Westermann bleibt unkonkret, gefühlig und belegt ihre Meinung nicht durchdacht genug. Leider hat sie aufgegeben, auf Zitate zu bestehen und musste nun erleben, wie ausgerechnet Mangold zitierte- und dazu noch eine Stelle, das auch sie ausgewählt hätte. Weidermann wirkt zunehmend erfahren und souverän. Das mag aber auch daran liegen, dass selbst sein hochkarätiger Gast an diesem Abend wenig provozierend war.

Beim nächsten Mal gerne mehr „Feuer unterm Arsch“, wie Herr Mangold so schön sagte.

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