Fingerübung, Lernen durch Lesen, Schreibübung

Show – don´t tell. Eine Schreibübung.

Liebe Schreibende,

heute befassen wir uns mit einem Zitats aus Gogols Novelle „Der Newskijprospekt“:

„Sie kamen in das Zimmer. Drei weibliche Gestalten in verschiedenen Ecken stellten sich seinen Augen vor. Die eine legte Karten; die andere saß am Klavier und spielte mit zwei Fingern irgendetwas Trauriges nach Arte einer altmodischen Polonäse; die dritte saß vor dem Spiegel und kämmte ihr langes Haar und dachte gar nicht daran, beim Eintritt einer fremden Person mit ihrer Toilette aufzuhören. Eine unangenehme Unordnung, wie man sie gewöhnlich nur im Zimmer eines sorglosen Junggesellen antrifft, herrschte in allem. Die ziemlich schönen Möbel waren mit Staub bedeckt; eine Spinne hatte mit ihrem Netz das stuckierte Gesimse überzogen; durch die halbgeöffnete Tür des anderen Zimmers blitzte ein Stiefel mit einem Sporn und leuchtete der rote Aufschlag einer Uniform; eine laute Männerstimme und das Lachen einer Frau ertönte, ohne sich den geringsten Zwang anzutun. Mein Gott, wohin war er geraten!“

Gogol hätte auch schreiben können: „Sie kamen in das Zimmer und mit Erschrecken stellte er fest, dass er in ein Bordell geraten war.“

Aber nein, er lässt uns teilhaben an dem, was der Besucher sieht und hört und welche Stimmung sich ihm darbietet: Langeweile, Verstaubtes, Trauriges, verblasste, welkende Schönheit in allem. Und dann, durch einen Türspalt zu sehen: ein leuchtender roter (!) Aufschlag, ein Stiefelsporn, eine Uniform und das vulgäre Lachen eines Mannes und einer Frau.

Die Szenerie scheint einem Film entnommen zu sein, wir sehen sie mit dem Auge des Besuchers und können aus unserer Fantasie das Bild vervollständigen, uns also z.B. die Größe des Zimmers, die Gesichter der Mädchen vorstellen.

Versuchen wir es nun selbst:

  1. Stelle Dir einen Satz zusammen:

„Leipold trat durch die Tür und befand sich ­­­­­­­­­­­­­­­­____________.“

Mögliche Lückenfüller:

  • im Kreuzgang des kleinen Klosters.
  • in einem Waschraum.
  • in einer Art Gefängnishof.
  • im Wartezimmer des Tierarztes.
  • in der Küche des „Il Mulino“.
  • in einem Großraumbüro.
  1. Nun beginne Deinen Text mit „Leipold trat durch die Tür.“ Und setzte dann sofort damit ein, das, was Leipold wahrnimmt, so zu beschreiben, dass es der Leser mit seinen Augen sieht. Verwende dabei das jeweilige (fettgedruckte) Wort NICHT.
  2. Hilfestellung:
    • Suche Dir evtl. ein Foto, das Dich inspiriert für die Beschreibung oder gehe sogar an einen entsprechenden Ort.
    • Stelle Dir (mit geschlossenen Augen) vor, wie die Lichtverhältnisse, der Geruch, die Temperatur ist, welches Gefühl der Betrachter hat, woran er sich erinnert fühlt, was es dort zu sehen gibt, welche Farben und Formen man findet…
    • Verwende Adjektive wenig und sorgfältig.
    • Versuche Dich darin, dem Gesehenen eine zusätzliche Bedeutung zu geben, die sich auf den Gesamteindruck bezieht und eine Stimmung verstärkt- wenn z.B. die Küche zeigen soll, dass der Wirt seine Träume begraben hat, dann macht sich vielleicht ein erschöpfter Basilikumstrauß auf dem Fensterbrett gut. Aber nicht übertreiben, sondern subtil bleiben. Zu viele Hinweise an den Leser machen ihn ärgerlich, weil sie seine eigene Fantasie unterschätzen.
    • Sucht euch Beispiele in euren Lieblingsbüchern und schaut genau hin, welche Sinne angesprochen werden und wie ein Bild erzeugt wird, das ihr vor eurem inneren Auge sehen und erleben könnt.

Im Anschluss habe ich meine Version hinterlegt, die nur als Anregung dient und sicher nicht perfekt ist.

Viel Spaß beim Schreiben und Üben wünscht euch Anja

—————————

Anjas Beispiel:

Leipold trat durch die Tür. Die eisige Luft einer Klimaanlage legte sich um ihn wie ein Kältemantel. Die Sonne war durch Rollos ausgesperrt. Dafür fiel gelbliches Neonlicht von der Decke, der einige Rankpflanzen mit staubverkrusteten Blättern über Schränke und Trennwände hinweg entgegenwucherten.
Die Hartfaserteppichplatten sonderten einen Geruch ab, wie es der uralte Staubsauger im Altenheim tat- irgendetwas zwischen alten Socken, feuchter Wolle und Hundescheiße. Wenn es hier Menschen gab, waren sie verstummt oder hinterm Schreibtisch für immer vergessen worden oder von den Wurzeln der Pflanzen aufgefressen worden.
Es war sehr still. Leipold fror und starrte auf die mit rostrotem Stoff bespannte Trennwand vor sich. Dort stand: „Ausbildung 2017- bewirb Dich für spannende Berufe der Zukunft.“

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