Fingerübung, Schreibübung

Die schlimmstmögliche Wendung der Geschichte

– oder: wie kann ein Autor seine eingefahrenen Denk – und Erfahrungsmuster verlassen und sich auf neues Terrain begeben?

„George M. Oswald gesteht kalt lächelnd, (…): Ich habe es mit Friedrich Dürrenmatt gehalten: Eine Geschichte ist nicht zu Ende erzählt, bevor sie nicht ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ (Quelle)

Wie macht man das: die „schlimmstmögliche Wendung“  ausdenken? Wie wachse ich über mich hinaus bei der Weiterentwicklung eines Handlungsstranges?

Inspiration bieten natürlich die Tageszeitungen mit all ihren Katastrophengeschichten. Aber auch in uns selbst lohnt es sich zu forschen. Schließlich haben wir Unmengen an Informationen bereits gespeichert- sie müssen nur geborgen werden.

Ich habe mir dazu die Umkehr- oder auch Kopfstandtechnik unter den Kreativitätstechniken angeschaut.

„Die Kopfstand-Methode beruht auf der Frage „Was steht in direktem Widerspruch mit den Zielsetzungen Ihrer Aufgabe?“ Normalerweise schieben wir solche Aspekte bei der Lösungsfindung rasch beiseite. Dabei können Gegensätze sehr viel zu einem Thema aussagen. Sie tun dies nur aus einer anderen Perspektive. Denn das Gegenteil einer gesuchten Lösung liegt inhaltlich näher als alles, was sich dazwischen befindet. (…). Es gibt verschiedene Möglichkeiten eine Aufgabe auf den Kopf zu stellen. Fragen Sie sich:

  • Was ist das Gegenteil?
  • Wie soll das Ergebnis auf gar keinen Fall aussehen?
  • Was sehe ich, wenn ich in die andere Richtung blicke?
  • Was kommt heraus, wenn ich die Sache um 180° Grad drehe?
  • Wie wäre es, wenn man mit dem Ende anfangen würde?
  • Kann uns eine gegenteilige Eigenschaft weiterhelfen?
  • Lassen sich Ursache und Wirkung umkehren?
  • Sollen wir uns antizyklisch verhalten?“

Quelle

Gut. Gehen wir ans Ausprobieren: Unser Held ist an einem Scheideweg, an dem er auf ganz individuelle Art reagieren will und muss- das Ganze soll dazu natürlich den Leser in Spannung halten, der Fortgang der Handlung soll unerwartet und außergewöhnlich sein. Und nun fällt uns nichts wirklich Prickelndes ein. Immer wieder bewegen uns auf den uns zugänglichen, vorstellbaren Wegen. Was gibt es denn darüber hinaus?

Beispiel von meinem Schreibtischle, aus einer Kurzgeschichte:

Mein Held ist über Social Media verleumdet worden, sein Ruf ist beschädigt, es drohen Jobverlust und das Ende seiner Ehe. Vorgeschichte ist, dass er sich nach neuen Herausforderungen sehnt und etwas Neues im Leben probieren möchte. Festgehalten im Status quo wird er von seiner Verlässlichkeit, von der Liebe zu seiner Frau und  zu einem Mündel. Die Ehe allerdings ist festgefahren und geprägt von falschen Erwartungen an den jeweils anderen.

Was nun. Was soll er tun, was kann er tun?

Hier das, was mir spontan eingefallen ist:

  • Fortgehen, neues Leben beginnen, allein oder er überzeugt seine Frau, nochmal was ganz Neues zu wagen, dann zu zweit;
  • Kämpfen um Job und Ruf, sich daran zermürben (analog „Finks Krieg“);
  • Nichts tun und schauen, was das Leben mit ihm vor hat;
  • Rache üben- selbst eine Verleumdungskampagne starten bis hin zum Mord am Verleumder;
  • Absturz in Depression, Alkoholismus, bis hin zum Selbstmord…..;

Nichts davon gefällt mir so richtig. Also versuche ich es mit dem Blick in die andere Richtung. Was kann einer tun, wenn er versucht, nicht zu reagieren, sondern zu agieren?

  • eine App entwickeln, die Verleumdungskampagnen erkennt und verhindert und sich damit eine neue Zukunft aufbauen;
  • dem veröffentlichten Foto weitere hinterherschicken, ein Kunstprojekt draus machen;
  • offener Brief in der Bildzeitung und den sozialen Medien, Anprangern des Mobbings im Allgemeinen;

Um weitere Ideen zu entwickeln, frage ich mich, wie der Fortgang auf keinen Fall sein soll:

  • Keine Auge-um-Auge-Geschichte, keine Fluchtgeschichte

Daraus würde folgen, dass er über sich und seine bisherigen Möglichkeiten hinauswächst, sein lange verschütteter Freiheitswille, seine Sehnsucht nach Unabhängigkeit und der Wunsch nach Selbstbestimmung brechen sich bahn.

Ja. Das hört sich gut an, aber gibt mir noch keine konkreten Ideen, wie er konkret handeln könnte, dass er diese Entwicklung glaubhaft nimmt.

Schauen wir mal, was mir einfällt, wenn ich vom Ende her denke. Wo steht mein Held ein Jahr später?

  • Er sitzt im Knast, weil er einen Mord begangen hat und berichtet den Hergang.
  • Er hat die Verleumderin geheiratet (oha!).
  • Er ist reich durch den Verkauf der Verleumdungs-App.
  • Schreibt ein Buch über „Opfer und opfern im 21. Jahrhundert- moderne Rituale“.
  • Er ist zu dem geworden, was die Verleumdung ihm angehängt hat- ein seinen Gelüsten nachgebendes, unmoralisches Arschloch.
  • Er hat in England ein Weingut eröffnet und seine Frau nähert sich ihm wieder an.
  • Er findet einen Weg, das Leben der Verleumderin zu ruinieren (hetzt ihr die Polizei auf den Hals – ruiniert ihr Leben  (tragische Variante).
  • Er hat sich eine Waffe besorgt, zwingt die Verleumderin zum Wiederruf über Podcast, Twitter, Instagram und nimmt ihren von ihr benutzten Schützling gleich mit (Superheld?).

Der letzte Punkt gefällt mir ganz gut. Mal sehen, was noch kommt, wenn ich mir meinen Held mit Eigenschaften vorstelle, die er bislang genau nicht hatte:

Mein Held ist bisher ein reflektierter und verantwortungsbewusster Mensch, der sich nach Zugehörigkeit aber auch nach mehr Freiheit sehnt. Latent ist er ein bisschen sadistisch und mag Kräfte, die Potenzial haben, etwas zu verändern.

  • Er könnte völlig ausrasten, aggressiv oder panisch reagieren (überschießend)
  • Er könnte besonnen-kaltblütig reagieren, weiß im Kopf, ein altes Muster wird aktiviert, das er verdrängt hat (Kindheitstrauma)
  • Er wird zum Outlaw weil er sich mit jemandem zusammenschließt, der keine Regeln kennt (gedungener Mörder, Mafia, Junkie…)

Mir gefällt nun folgende Idee ganz gut, die sich aus den vorangegangenen Überlegungen herauskristallisiert:

Mein Held wird mitten in der aufgewühlten und unübersichtlichen Situation ganz ruhig. Weiße Stille breitet sich in ihm aus. Seine Haut wird kühl, sein Kopf klar, alles sortiert sich, wird übersichtlich und logisch. Er erkennt ein Muster wieder, das tief in ihm eingeprägt ist, dessen Vorbote die Entlassung der Verleumderin vor vielen Jahren war. Dank Ausbildung, Empathie und Intelligenz hatte er diese vernichtende Kraft in sich immer im Zaum halten können und hat, wie um sich selbst lieben zu können, ganz besonders investiert in Harmonie, Gerechtigkeit, Reflexion und Verantwortung. Aber in die Ecke gedrängt zu werden wie ein Kind- das überstieg seine Möglichkeit, sich selbst zu zähmen. Und so ließ er der weißen Kühle in sich den Lauf. Es fühlte sich gut an. Keine Zweifel, keine Selbstanschuldigung. Er war einfach nur er, er reagierte, seine Gedanken, Sehnen, Muskeln, seine ganzen Zellen schienen vollkommen selbstverständlich in eine Richtung zu denken und zu handeln, synchron, stark, autark…..

Das muss ich nun sicher nochmals überdenken und mir klar werden, ob ich mit ihm in diese Richtung weiterlaufen möchte und Freude dran habe, ihn sich so entwickeln zu sehen. Aber vorstellen kann ich es mir und bin momentan froh, einen Ausweg aus meiner Denksackgasse gefunden zu haben.

Fazit: diese Kreativitätsmethode ist auf jeden Fall hilfreich, das Denken zu erweitern und führte mich weit über das bisher Gedachte hinaus. Ich bin mutiger geworden.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

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