Lernen durch Lesen, Literaturkritik, Rezension

Frisch gelesen: „I´m supposed to protect you from all this” von Nadja Spiegelman

Die deutsche Version war noch nicht verfügbar und meine Erinnerung sagte mir, dass ich Paul Austers „Winter Journal“ 2013 in der Originalsprache mit Begeisterung gelesen hatte. Also habe ich mich getraut und Spiegelmans Memoir in der amerikanischen Version gekauft. Es sei vorweg gesagt: es ließ sich sehr gut lesen und hat mich fasziniert. Warum das?

Mit dieser Frage sind wir mitten in dem kleinen Wunder dieser leicht zugänglichen Form des Erzählens: sie speist sich aus stilistischer Unangestrengtheit und tupft den Leser mit leichter Hand mitten hinein in die Lebensatmosphäre der Protagonisten. Geschickt und sorgfältig sind dabei Situationen, Gespräche, Orte, Personen und Handlungen ausgesucht. Der Leser bekommt tiefe private Einblicke und dabei ein Wissen um Schwächen und Stärken der Personen, das nie zu intim ist und nie alles verrät. Wir wissen jederzeit: es ist EIN möglicher Blick auf die Dinge, aber ein reflektierter und mutiger. Der Leser darf bewerten und darf das Gelesen mit ihm bekannten Menschen abgleichen. Und doch ist mir aufgefallen, dass ich trotz all der intimen Kenntnisse über die mir bis dato fremden Personen, sehr viel vorsichtiger war in der Bewertung, als ich es gegenüber erfundenen Personen gewesen wäre. Mit dem Eintauchen in die Lebensgeschichten noch existierender Menschen wagt man sich auch in die eigene Geschichte, rechnet z.B. zurück: „Wo war ich, als Francoise nach Amerika ging?“, oder man spiegelt sich an den Protagonisten: „Welche schmerzhaften Erfahrungen im Leben haben mich weitergebracht?“.

Die besondere Form des Memoirs erlaubt es dem Erzähler, sehr offen zu schreiben und empfindliche Details preiszugeben. Es geht nicht um Fakten, wie sie meist bei Autobiographien im Vordergrund stehen. Das Memoir will sich erinnern und Leben erzählen, will hineinhören in das Knistern der Zeit. Das Memoir schreibt Teile der Geschichte nieder, „die sich jeder erfindet und die er für sein Leben hält.“ (nach Max Frisch). Daraus rührt die Spannung. Der Leser weiß, dass Leben im Erinnern verfälscht und korrigiert und interpretiert wird und die „Wahrheit“ darunter verblasst. Der Leser kann aber aufgrund seiner eigenen Erfahrung eine Ahnung davon bekommen, was diese Leben ausmacht. Diese Kooperation des Leser ist der Bund zum Autor und zu den Protagonisten.

Spiegelman thematisiert die Frage der „Wahrheit“ von Erinnerungen, wenn sie die Geschichten Ihrer Mutter, Großmutter bis Ururgroßmutter sammelt und miteinander verwebt. Jede der Frauen hat ihre eigene Wahrheit . Hier wird besonders deutlich, wie unterschiedlich dieselben Ereignisse erinnert werden und welch unterschiedliche Bedeutung sie für das jeweilige Leben haben. Spiegelman gelingt es, den Dialog zwischen den Frauen entstehen zu lassen. Sie kann das Sich-unverstanden-fühlen nicht auflösen, aber sie öffnet eine Tür zur Versöhnung- auch für den Leser.

Und so wünscht man sich, einfach weiter an diesen fremden Leben teilhaben zu können, weiter auf dieser Metaflughöhe Leben überschauen zu können und mit schöner Klarheit die roten Fäden zu sehen, wie es einem im eigenen Leben nicht möglich ist. Hin und wieder fragt man sich zwar, ob das eigene Leben nicht viel zu langweilig und unspektakulär wäre für ein solches Memoir. Aber bleiben wir dabei: es ist die Kunst des Erzählens, die aus normalem Leben spannende Lektüre macht.

Mein Fazit: eine wunderbare Hommage an mehrere Frauengenerationen, die sich gegenseitig verletzen, lieben und inspirieren. Der Leser begleitet starke Charaktere voller Widersprüche, die mit Gaben und Möglichkeiten verwöhnt sind, die aber auch in großem Unglück von Liebe getragen sind. Und die dadurch mögliche, unbändige Lebenskraft ist es, so vermute ich, warum ich das Buch mit einem Seufzen schloss.

Nadja Spiegelman: I´m supposed to protect you from all this. A memoir.  Riverhead Books 2016

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