Lernen durch Lesen, Literaturkritik, Rezension

Rezension zu „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ von Bodo Kirchhoff

Kirchhoff hatte das Büchlein im März 2017 im Stuttgarter Literaturhaus mit Augenzwinkern angekündigt. Dessen Niederschrift wäre, so sagte er, eines der wenigen Male gewesen, wo Schreiben Spaß macht.

Geschrieben hat er es, nachdem ihn mitten hinein in die Leere nach Beendigung seiner Novelle „Widerfahrnis“ eine Einladung als Gastkünstler auf einer Karibikkreuzfahrt erreichte. Als er die Antwort formulierte, wurde klar, dass die Welten des „Sprachlieferanten“ und die des Kreuzfahrt-Amüsierbetriebes absurd weit auseinanderliegen und es lohnend sein könnte, sich diesen Graben etwas genauer anzuschauen.

Und der Spaß, den Kirchhoff beim Schreiben hatte, funkelt aus jeder Zeile:

„Freilich, die Turbinen werden das riesige Schiff auch bei tagelanger Windstille weiter vorwärtsbewegen, aber all die Überreizten würden die Flaute im Innersten spüren, nur es sich nicht eingestehen wollen. Man stelle sich also fünftausend Menschen im unterdrückten Gefühl eines Stillstands vor, während gleichzeitig das Trügerische der Schiffsbewegung von Tag zu Tag mehr offenbar würde, die Kreuzfahrt als ein hoffnungsloses Fahren im Kreise, keinem anderen Ziel entgegen, als dort wieder so auszusteigen, wie und wo man zwei Wochen zuvor eingestiegen ist, allenfalls um ein paar Kilo schwerer..“

Wir werden mitgenommen in den Kopf des Schreibers, der wilde Freude daran hat, die Zumutungen einer Kreuzfahrtteilnahme in herrlichen Farben und ohne Schonung aller Beteiligten auszumalen. Das tragende Motto dabei von Franz Kafka: „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen“

„Niemanden macht es ja froh, auf verlorenem Posten zu sein, und erzählen ist heute an sich schon ein verlorener Posten, fernab von Glanz und Größe, von Schnelligkeit und Bilderrausch – auf einem Schiff wie dem Ihren aus einem Roman vorzulesen, über ein Tischchen mit weißer Decke gebeugt, darauf ein Glas, das Buch und eine Lampe, hätte etwas Erschütterndes, das umso erschütternder wäre, wie die kleine Zuhörerschaft davon nichts bemerkte.“

Dabei gelingen ihm Salti in die Weltpolitik und den Seelenzustand einer all-inclusive-Gesellschaft und nicht zuletzt lernen wir auch Einiges über die Selbstwahrnehmung eines „ernsthaften“ Schriftstellers und seine Haltung zur Welt. Man sei jedoch davor gewarnt, das Erzähler-Ich an jeder Stelle für die Stimme des Herrn Kirchhoff zu halten.

„.. denn für den Schriftsteller sind es die Worte, die bewirken, dass man ihn wiederliebt: die leisen für das Laute, die einfachen für das Komplizierte, die ergreifenden für das Abstoßende. (…) Wahrheitserfinder sind nicht mehr gefragt, sie sind bloß noch gefragte Personen, die man zu Kreuzfahrten einlädt..“
„.. was, wenn seitlich am Horizont, sagen wir, in Richtung des gebeutelten Haiti, ein Boot überladen mit Menschen auftaucht? Wie würden die Befehle lauten, die Direktiven der Reederei- Volldampf voraus, bis das Lästige auf dem Meer weg ist? Oder hieße es, Liebe Gäste, ab morgen könnte es eng werden im Whirlpool, dafür kann das Besetzen Ihrer Liege fortan durch einen Haitianer erfolgen, der dort die Nacht verbringt. Das heißt. Wie viel ist man bereit, dem Kreuzfahrtpassagier zuzumuten, falls sich die Welt unterwegs bemerkbar macht?“

Kirchoffs Sprachfeuerwerk ist mit leichter Hand und Fabulierlust geschrieben, sorgfältig und unkompliziert aufgebaut, versehen mit Selbstironie und wunderbaren Gedankenspielen.

Da erscheint ihm beispielsweise die angebotene finanzielle Gegenleistung zu gering, angesichts

„der Geisteslage in unserem Land- letztlich ja auch nur ein riesiges schiff, für achtzig Millionen mit Vollverpflegung – der wachsenden Bereitschaft, mit allen Mitteln, sein All-inclusive-Bändchen zu ergattern, einem Kampfgeist der sich auf der Kreuzfahrt konzentriert wiederfände..“

Bei allem Sprachspaß und aller Heiterkeit ist das Buch eine unbarmherzige Absage an das Phänomen „Kreuzfahrt“ und an jedwede leichte Kost wenn es um das Erfassen und Erleben von Welt und der menschlichen Verortung darin geht:

„Der Kreuzfahrer aber will sein Meer sehen, er bezahlt für die ozeanische Ambition; all sein Kleines und Gemeines soll in der Weite des Meeres verschwinden, ersetzt durch Glanz und Größe des Schiffes und das Bangen, weil ihm sein Leben davonläuft, soll die karibische Sonne wegbrennen, auch wenn ein Krebs schon still am Werk ist. Man fährt im Kreis und lebt, hurra, aber muss ich da mit an Bord sein?“

 

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