Allgemein, Lesung

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims – Lesung und Gespräch, Freitag, 13. Oktober 2017, Literaturhaus Stuttgart

Mit dem Gespräch zu Eribons autobiographischem Buch wurde am 13. Oktober das 3-tägige Festival „Herkunftssache!“ im Literaturhaus Stuttgart eröffnet, das den Fragen der Herkunft und den Milieus der Kindheit mit unterschiedlichen Methoden und Mitteln nachspürt.

Der Moderator plädierte gleich zu Anfang dafür, die Begriffe Herkunft und Heimat aus der „Dienstbarmachung“ für rechte und extremrechte Positionen zu befreien. Eribon, ein zutiefst politischer Mensch, der sich intensiv mit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft befasst, beleuchtet das Thema Herkunft autobiographisch, soziologisch aber auch mit hoher politischer Relevanz. Diese ergibt sich aus dem Erstarken rechtsradikaler Strömungen in der EU, speziell des Front Nationale in Frankreich und Eribons soziopolitischen Erklärungsansätzen.

Eribon ist nach 30 Jahren aus seinem heutigen Leben im intellektuellen Paris zurück in seine Heimatsstadt Reims gegangen. Er, der zurückgeht, hatte vorher bewusst und mit großer Energie Distanz zu dieser Welt der Arbeiter, der Gewalttätigkeit, der Homophobie und oft genug der Sprachlosigkeit aufgebaut. Und doch ist ihm bewusst, dass die Herkunft ihn bestimmt. Er geht seinen persönlichen Weg zurück ,analysiert dabei diese, ihm so gut bekannte soziale Klasse und insbesondere das Schulsystem, das ihm als das zentrale System zur Beeinflussung von Individuen gilt und das nach wie vor ein Zwei-Klassensystem ist. Eribon hat den Sprung vom einen ins andere System als einer der wenigen geschafft. Dass er das Gymnasium besuchen konnte, sich auf der Universität mit Kant befassen konnte, verdankt er letztlich seiner Mutter, die das notwendige Geld durch harte Fabrikarbeit erwirtschaftete. Indem er sich von ihr finanzieren ließ, erhielt er Zutritt zur Welt der Kultur und sah zugleich, wie eben diese Kultur ein Faktor der Exklusion ist, weil sie den Graben zieht zwischen Intellektualität und „einfachem“ Mensch, der sich die Tage mit Fernsehen untermalt.

Die nahezu abstruse Kehrtwende der Arbeiterklasse vom Kommunismus zum Rechtsextremismus erscheint fast logisch, wenn Eribon beschreibt, wie sich aus der die Arbeiterklasse verbindenden kommunistischen Grundposition des Oben-gegen-Unten eine rechte Position des Unten-gegen-Einwanderung ergibt. Es ist der Versuch, einen Rest Würde zu sichern, obwohl man im heutigen System als vernachlässigbare Gruppe angesehen wird. Einwanderung wird zum Feindbild, weil die Bourgeoisie sie scheinbar gut heißt und der Arbeiter die Folgen jeden Tag ausbaden muss. So bleibt faktisch ein Oben-gegen-Unten und umgekehrt erhalten, auch wenn die Argumente ganz andere sind.

Eribon selbst unterstützt in Frankreich eine Vielzahl von Initiativen gegen die aktuelle Macron-Flüchtlings- und Steuerpolitik. Wohl mit ein Grund, warum er auf der offiziellen staatlichen Liste der Autoren für die Frankfurter Buchmesse erst auftauchte, als sein Verlag und diverse andere Interessenten ihn zu Lesungen in Deutschland einluden.

Macrons Europa sieht er als eher hegemonistisches Projekt zwischen Deutschland und Frankreich, einer Form der wirtschaftlichen Gewalt verpflichtet, die Steuern für Reiche senken will, in der Hoffnung, durch trickle-down-effects irgendwann in irgendeiner Zukunft positive Effekte davon auch bei den „kleinen Leuten“ ankommen zu lassen. Diese Form der Politik hält Eribon für obszön. Er hält eine Revolte des Proletariats in Europa für denkbar und ist sich sicher: wer heute für Macron stimmt, bekommt in 5 Jahren Le Pen.

Der Tagesspiegel hat es am 6. Mai 2017 anlässlich der Wahlen in Frankreich so formuliert: „Links zu sein ist in Frankreich ein Bekenntnis, eine Identität. Die Rechte verkörpert alles, was die Linke verabscheut. Doch bei dieser Wahl fehlt der Wille, alles gegen den Sieg der extremen Rechten zu tun.“

Didier Eribon hat die Hoffnung, dass eine neue linke Dynamik für Veränderungen sorgen wird. Spürbare Strömungen fänden sich in Spanien, England und auch in Frankreich mit Jean-Luc Mélenchon. Eribon, selbst ein ausgewiesener Wähler Mélenchons, hofft auf einen neuen Mai ´68.

Jenseits aller Zukunftsüberlegungen bleibt sein Buch auch für all jene hochspannend, die sich für eine kantenscharfe und engagierte Analyse heutiger europäischer Gesellschaften und die Gräben, die sie durchziehen, interessieren.

 

Informationen zum Abend:

Freitag 13.10.17 19.00 Uhr
Rückkehr nach Reims

Didier Eribon

Veranstaltungsreihe: Herkunftssache!
Lesung und Gespräch
Moderation: Hinrich Schmidt-Henkel (literarischer Übersetzer)
Deutsche Lesung: Stefan Wancura (Schauspieler und Sprecher)

 

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Ein Gedanke zu “Didier Eribon: Rückkehr nach Reims – Lesung und Gespräch, Freitag, 13. Oktober 2017, Literaturhaus Stuttgart

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