Literarisches Quartett, Literaturkritik

Das Literarische Quartett am 13.10.2017- diesmal von der Frankfurter Buchmesse

Diesmal zu Gast: Johannes Willms, Publizist und Miterfinder des Literarischen Quartetts (1988). Willms war bis 2000 Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung und danach deren Auslandskorrespondent in Paris. Nachdem das diesjährige Gastland der Buchmesse Frankreich war, stellte er den ersten Titel vor: „Die Jahre“ von Annie Ernaux, ein Entwicklungsroman und , so Willms wenig enthusiastisches Resümee: „sehr spannende Lektüre“.

Besonders an diesem Buch ist die Vermengung zweier Perspektiven, der Ich- und der Man-Perspektive. Das klingt dann so:

Bilder, in denen man selbst als kleines Mädchen im Kreise anderer Menschen auftaucht, die gestorben sind, bevor man selbst geboren wurde, so wie in den eigenen Erinnerungen die Töchter und Söhne als Kleinkinder von unseren Eltern in jungen Jahren und unseren Klassenkameraden umgeben sind.“

Frau Westermann gefiel diese doppelte Optik gut. Thea Dorn hat das „man“ „sehr, sehr nervös gemacht“. Sie plädierte dafür, in der Literatur die Subjektivität zu feiern- wie es Ulla Hahn in ihren autobiographischen Romanen getan hat. Willms weist darauf hin, dass Ernaux mit dieser Erzählperspektive zeigt, „wie die Zeit am „ich“ gehindert hat.“ Weidermann wies dann noch darauf hin, dass „Didier Eribon von Annie Ernaux das Schreiben gelernt hat.“ Kenner der französischen linken Literatur: was meint ihr?

Jedenfalls fiel Herr Willms weder durch eine gehaltvolle Inhaltsbeschreibung und Analyse des Buches, noch durch ein leidenschaftliches Plädoyer für Ernaux auf.

Weidermann stellte „Tyll“ von Daniel Kehlmann vor: ein historischer Roman mit „unglaublicher Vergegenwärtigungskraft“ und „unglaublich lebensnah“. Während Frau Westermann lediglich Respekt vor der Rechercheleistung aufzubringen vermochte, fand Frau Dorn das Buch „eine kolossale vertane Chance“ und den darin verarbeiteten 30-jährigen Krieg „auf groteske Weise verbiedermeiert“. Herr Weidermann war da etwas erstaunt- er hat aus dem Buch „viel gelernt“ und fand die Figuren „zart, vorsichtig, liebevoll“ gezeichnet.

Mir wurde nicht ganz klar, warum es eines Eulenspiegels bedarf, um die „Balkanisierung Deutschlands“ (Willms) zu entwerfen. Auch das mag an der zu kurz gekommenen und zu wenig treffend ausformulierten Inhaltszusammenfassung liegen. Hilft also nix: muss man sich selbst ein Bild machen.

Christine Westermann hatte „Rimini“ von Sonja Heiss mitgebracht. Thematisiert wird das grundlegende Missverständnis zwischen Mann und Frau. Und da war Thea Dorn endlich begeistert, fand das Buch unprätentiös, mit guten Dialogen und Figuren, die zwar seziert, aber nie denunziert werden. Es entstünde dadurch ein „sehr genaues Porträt der deutschen Mittelstandsgesellschaft“. Jetzt war allerdings Herr Willms unwillig: „Ich habe eine Aversion gegen diese Midlife-Crisis-Mittelstandsdramen.“ Weidermann stimmte dem zu und fand: „Die Männer in diesem Roman sind an Jämmerlichkeit nicht zu überbieten.“ Frau Westermann reagierte souverän auf die chauvinistischen Anwandlungen Willms und Dorn sprang ihr bei mit den Worten: „die Figuren sind alle furchtbar, aber furchtbar präzis“ und Teil eines nicht unerheblichen Teils unserer Gesellschaft.“

Salman Rushdies „Golden House“ wurde von Thea Dorn ins Gespräch gebracht – ein „überbordender“, ein „verrückter Roman“ und vielleicht nicht der allergrößte aber dennoch lesenswert. Willms empfiehlt das Buch als „wunderbaren Schmöker“ und kann sich eine Verfilmung gut vorstellen, da dann die Schwächen des Buches geglättet werden könnten. Auch Weidermann hat das Buch „mit großer Lust“ gelesen. Frau Westermann irritierte der erste Satz mit 21 Zeilen, was Willms dazu veranlasste, den ersten Satz aus Der Große Gatsby zu zitieren und machte damit genau das, was Westermann Rushdies hier vorwarf: „Bildungsprahlerei“.

So war es ein Abend, der, wie ich fand, eine etwas lustlos ausgewählte Buchsammlung zum Thema hatte, die wenig untereinander verband, auch wenn Frau Dorn immer wieder versuchte, die Bücher miteinander in Beziehung zu setzen. Dazu ein Gast, den man meines Erachtens aufgrund uninspirierter und altväterlicher Beiträge so schnell nicht mehr einladen muss.

Freuen wir uns auf die Dezemberausgabe und auf Bücher, die den Zuschauern mit mehr Verve vermittelt werden.

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