Allgemein, Lernen durch Lesen, Literaturkritik, Rezension

Zsuzsa Bánk „Schlafen werden wir später“

Es war eine Weile sehr still in diesem Blog und das Schreibtischle war verwaist. Dabei liegen viele verfolgenswerte Gedanken und eine angefangene Geschichte darauf.

Abgehalten vom Schreiben und Bloggen haben mich fiese Schmerzen nicht ganz geklärter Herkunft in Beinen und Rücken, die meine Nerven gleich mit angegriffen haben, weil ich es nicht gewohnt bin, nicht in Bewegung zu sein.

Abgehalten hat mich aber auch ein wenig die Lektüre von Zsuzsa Bánks „Schlafen werden wir später“. Man kann ganz verzagt werden angesichts ihres handwerklichen Könnens, des durchdachten Aufbaus, der unaufgeregten lyrischen Sprache, des schönen Sujets. Ich lese und lese, verfolge diese Leben, möchte nicht, dass ich aus dem Kosmos dieses Briefromans verstoßen werde- aber das Leseende ist nah.

Ich wünsche mir, in der Lage zu sein, ebenfalls solche dichten, lebensechten Figuren erschaffen zu können. Ich wünsche mir, es wie Bánks zu verstehen, den Erzählstrom so kunstvoll mit dem kritischen Blick auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit zu verflechten. Sie schildert eindrücklich die Beziehungen der Protagonistinnen zu Beruf und Familie, zu Partnerschaft und Natur, zeigt sie in ihren Verantwortungen, ihren Träumen und Wirklichkeiten. Anhand wohl gewählter kleiner Alltagssituationen lässt sie den Leser erleben, woran sich die Protagonistinnen aufreiben, was in ihnen arbeitet und werden will, wo sie sich verrennen und wie sie mit sich ringen. So klarsichtig ist das, so unaufgeregt und ungestelzt, dass man neben der Nähe zu den Figuren auch eine barmherzigere Sicht auf sich selbst bekommt. Und ja, es gibt reichlich Emotionen, Selbstzweifel, Selbstmitleid, Neid, Liebe, Wut- das könnte kitschig sein wie ein typischer Frauenroman, ist es aber dank der klugen Reflektiertheit der Autorin und des Tiefgangs der Protagonistinnen nicht.

Was mich zudem für das Buch einnimmt, sind die interessanten Lebenswelten, in die man als Leser sozusagen probehalber eintauchen darf. Sie sind ehrlich, detailreich und nachempfindbar beschrieben und die Leserin darf sie Stück für Stück erforschen: das Literaturarchiv in Marbach, ungarische Familienkultur, die Wohn- und Wirkstätten der Annette Droste-Hülshoff, ein Schriftstellerdasein, eine zerbrechliche Künstlerehe, Geldnot, die dunkle Kraft der Trauer, Schulsysteme und Kinder in Not – so kunstvoll gestrickt ist dieses Romannetz, dass es mich völlig absorbiert.

Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk sucht und sich nicht scheut, ein etwas dickeres Buch zu verschenken, wer eine Freundin, Schwester, Tochter, Mutter hat, die schöne, ja manchmal auch etwas überbordend lyrische Sprache schätzt und zwischen 40 und sagen wir 60 ist, dann ist das Buch eine Empfehlung.

copyright S. Fischer VerlagZsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt am Main 2017, 688 S., geb., 24,- Euro.

Zsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt am Main 2017, 688 S., geb., 24,- Euro.

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