Allgemein, Lesung

„Heimat“ – Gespräch zwischen Thea Dorn und Francois Jullien

4. Oktober 2018 im Literaturhaus Stuttgart

Moderation:  Felix Heidenreich

Unter dem aktuell in vielen Schattierungen diskutierten Titel Heimat sollte es zwischen Dorn und Jullien zu einer „Karambolage“ – so der Titel der Literaturhausreihe – kommen um in der Diskussion die unterschiedlichen Auffassungen kennenzulernen.

Das Publikum im ausverkauften Saal war gespannt, vor allem auf Thea Dorns treffsichere und geschliffene Argumentation. *

Allerdings starb das Thema Heimat bereits im Grußwort der französischen Generalkonsulin, die darauf hinwies,, dass es im Französischen keine sinnähnliche Entsprechung für dieses deutsche Wort gäbe. (le pays und patrie meinen eher Herkunft bzw. Vaterland)

Das schien Jullien recht zu sein, konnte er sich so doch über  den in seinem Essay* besprochenen Begriff der kulturellen Identität ausbreiten, die es seines Erachtens nicht gibt.

Man hätte  sich gewünscht, dass es dem Moderator – neben seiner Übersetzertätigkeit – durch Gesprächssteuerung gelungen wäre, die beiden Positionen klarer hervortreten zu lassen.  Wer weder Essay noch Buch gelesen hatte, tat sich schwer, die konträren Auffassungen zu greifen, zumal es über weite Strecken um philosophische Begriffsspitzfindigkeiten ging, die für eine anderthalbstündige Karambolage nicht geeignet waren (z.B. Unterschied zwischen Identität zu Ipseität).

Spannend der Ansatz von Thea Dorn: in jeder Kultur gäbe es ein Netz von Ähnlichkeiten, an der sich die Kultur erkennen ließe und so gäbe es eine „deutsche Seele“ und womöglich auch eine „europäische Seele“.

Dagegen möchte Jullien den Begriff der kulturellen Ressource etablieren. Ressourcen können genutzt werden, um Kultur zu formen und zu verändern- und zwar durch Kräfte innerhalb und außerhalb der betreffenden Kultur. Jullien wehrt sich gegen den starren Begriff der Identität in diesem Zusammenhang.

Dorn und Jullien sind sich einig, dass die Liebe zu einer Kultur bedeutet, sich aktiv und formend  verantwortlich zu fühlen. Von „meiner“ Kultur zu sprechen, darf weder das reine  Benutzen der kulturellen Ressourcen bedeuten noch den patriotischen Stolz ängstlich-defensiver  Menschen.

Für die weitere und tiefergehende Diskussion  bleiben dem geneigten Publikum und Leser  Dorns Buch und Julliens Essay:

 *Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf: Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten
Verlag: Knaus, 3. April 2018

 *François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität
Aus dem Französischen von Erwin Landrichter
Suhrkamp, Berlin 2017
96 Seiten, 10 Euro: „Es gibt keine kulturelle Identität“

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s