Allgemein, Lernen durch Lesen, Rezension

Rezension zu „Neujahr“ von Juli Zeh, Luchterhand Verlag 2018

Juli Zehs Protagonist Henning arbeitet ein Kindheitstrauma auf. Er tut das an einem Neujahrsmorgen auf Lanzarote bei einer überstürzt begonnenen Radtour über den Steilhang hinauf nach Femés.

Während er im Takt zu „ Erster-Erster“ tritt, versucht er eine Standortbestimmung seines Lebens. Es geht ihm nicht gut, obwohl im Grund alles prima läuft: zwei gesunde Kinder, eine Ehe, die beide Partner ernst nimmt, ein guter Job. Er jedoch hat das Gefühl, neben sich zu stehen, immer irgendetwas falsch zu machen und er hat seit geraumer Zeit Panikattacken.

Hennings Schwester schnorrt sich derweil durch die Welt, übernachtet immer wieder in Hennings kleiner Arbeitswohnung.

„Wie ein kleines Mädchen erwarte sie ständig, dass alle Welt sich um sie kümmere. Und komme damit auch noch durch!“ (Kommentar von Hennings Frau Teresa)

„Henning hat sich um seine kleine Schwester gekümmert. Sie bildeten eine Einheit, von Anfang an.“

„Von klein auf war Henning daran gewöhnt, alles, was er tat, sagte oder auch nur dachte, als Angriff auf das Glück seiner Mutter zu betrachten.“

Nachdem Henning völlig entkräftet nicht nur in Femés, sondern etliche Höhenmeter darüber hinaus in einem Kunstatelier ankommt, erkennt er, dass er in jenem Haus, in jenem Garten schon einmal war, in den Ferien, als fünfjähriger Junge mit seiner Familie. Die dort lebende Künstlerin zeigt ihm Haus und Garten und an der abgedeckten alten Zisterne endlich, holt ihn die verschüttete Erinnerung ein. Aus der Sicht des Kindes, werden wir Zeuge einiger zutiefst verstörender Tage, denen Henning und seine kleine Schwester Luna ausgesetzt waren. Dieser Teil des Buches arbeitet mit der Vorstellungskraft des Lesers und erzeugt eine fast unerträgliche Anspannung.

„Es dauert nicht lange, bis sie nachkommt, verheult, der kleine Körper noch geschüttelt von verebbenden Schluchzern. Er erträgt es nicht, sie anzuschauen, vor allem die Beule auf ihrer Stirn. Mit ausgestreckten Ärmchen kommt sie auf ihn zu, will ihn umarmen, aber er wehrt sie ab. „Geh weg. Du stinkst.“

Henning gelingt es, durch diese Erinnerung klarer zu sehen, woher seine Ängste und Teile seines Verhaltens kommen und entschließt sich zu einem für ihn wichtigen Schritt. Das sich daraus ergebende Ende des Romans musste ich ein wenig hin und her bedenken, bevor ich einverstanden war.

Hennings schwache Mutter, die hohe Verantwortung, die er für seine kleine Schwester schon früh übernommen hat, die Sorge, seiner Mutter zur Last zu fallen – all das Ingredienzien für eine psychische Überlastung und doch sicherlich kein Einzelfall. Vermutlich hat auch nicht jeder diesen einen Ort an dem sein Lebensthema begann.

Juli Zehs Sprache ist sehr schlicht, fast spröde und es gibt Romansequenzen, deren Rolle im Gesamtblick nicht ganz klar wird- wie z.B. die Schilderung des Silvesteressens im Hotel.

Aber es ist meines Erachtens hohe Kunst, wie Juli Zeh das Schlüsselereignis aus Hennings Kindheit schildert und es schafft, dass ich bei der Lektüre verkrampfte Kiefermuskeln hatte und immer wieder an diesen Roman denke.

Eine weitere Rezension des Romans findet ihr bei Constanze Matthes im Blog „Zeichen und Zeiten“.

Ich wünsche gute Lektüre und gerne Kommentare, wie euch der Roman gefallen hat.

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