Rezension

„Töchter“ von Lucy Fricke, Rowohlt Verlag, 8. Auflage 2018

Wir waren die Töchter von Vätern, die erst im Ruhestand die Zeit fanden, mit uns zu reden. Wir erklärten ihnen das Internet und sie uns das Wetter“.

Lakonisch, mit unwiderstehlichem Humor, dabei sich und das Leben reflektierend – das ist die Ich-Erzählerin Betty. Betty ist knapp über 40 Jahre alt, wohnt und lebt als Schriftstellerin in prekären Verhältnissen und müht sich, in ihrer partner- und kinderlosen Lebensmitte nicht zu verzweifeln.

„Ich litt unter dem Verlassenwerden, den abgebrochenen, nicht einmal gewagten Beziehungen, unter der Einsamkeit, unter mir selbst (..).

Martha, Bettys beste Freundin, versucht derweil mit ihrem Mann Henning eine Familie zu gründen. Zu ihrem Vater Kurt, der nie für sie dagewesen war, hat sich mit seiner Krebsdiagnose ein zartes Band entwickelt, das Kurt veranlasst, Martha zu bitten, ihn in die Schweiz zur Sterbehilfe zu fahren.

Martha bittet Betty um Beistand und so machen sich die drei auf zu einem Roadtrip, der dann zwar nicht über Chur führt, aber die kleine Reisegruppe dennoch kräftig durchrüttelt.

Betty lässt Martha und Kurt am Lago Maggiore bei einer früheren Geliebten Kurts zurück und nutzt die Gelegenheit, in Italien nach jenem ihrer „Väter“ zu suchen, den sie am meisten liebte:

„Der einzige Lichtblick in diesem Jammertal der Männer, in das meine Mutter mich gezerrt hatte, war der Posaunist gewesen. Ein spielsüchtiger Italiener, ein Macho von umwerfender Attraktivität, der mich auf seinen Schultern durch die gute Hälfte meiner Kindheit trug und den ich wie verrückt geliebt hatte.“

Kurt versucht sich darin, noch ein bisschen Leben nachzuholen und reist mit Martha zu Betty, deren Suche sie mittlerweile nach Griechenland geführt hat.

„Ständig denkt man an die Zeit zurück in der man jung war. An die Momente, in denen man die falsche Entscheidung getroffen hat, in denen das Leben eine andere Richtung nahm, während man selbst unfähig war, sich zu bewegen.“

Wer selbst Frau zwischen 40 und 50 ist, muss vermutlich mehr als einmal über die fein beobachteten Lebensweisheiten lachen:

„Wir nickten alle drei, und ich hatte Angst, wir würden damit gar nicht mehr aufhören. Dieses Nicken gegen die Sprachlosigkeit. Was ich im Leben schon genickt hatte, wie die Wiedergeburt eines Wackeldackels. Ich gehörte zu der Sorte Mensch, die nickend auf einem Küchenstuhl saß, wenn sie verlassen wurde.“

 Martha versucht unterwegs, das Warten auf Kurts nahen Tod zu verdrängen.

„Die meisten Dinge in ihrem Leben tat sie überhaupt nur, um etwas anderes zu vergessen. Ich kannte niemanden, der so viele abseitige Dinge ausprobiert hatte (..)         Kaum je war sie über den Grundkurs hinausgekommen, ihr ganzes Wesen war am Grundkurs orientiert.“

Bettys Gedanken kreisen immer wieder um Lebensentscheidungen, warum und für wen man sie trifft und welches Ziel man dabei verfolgt.

„Ich sah an meiner eigenen Mutter, wie das Leben zu einer einzigen Rechtfertigung werden konnte. (..) Das Glück als der endgültige Beweis, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. (…) Wenn all das, was man zu wollen meinte, nicht das war, was man brauchte. Wenn die sogenannte Freiheit  sich als ein zielloses Herumirren entpuppte und man selbst zu einem Irrtum wurde.“

Lucy Fricke führt ihre Protagonistinnen sicher zum Ende, das ein klein wenig kitschig ist. Betty und Martha finden auf sehr unterschiedliche Art Antworten auf ihre Leben als Töchter und was das Tochtersein mit ihnen gemacht hat. Das Nachdenken über die eigenen Lebensentscheidungen nimmt Fricke uns damit nicht ab.

Viel Freude beim Lesen wünscht euch das Schreibtischle kurz vor Neujahr.

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