Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Das Literarische Quartett vom 1. März 2019

Gast: Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen und freier Autor, der mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Andrea Paluch mehrere Bücher veröffentlichte.

Weidermann stellt „Serotonin“ von Michel Houellebecq vor. Der Protagonist ist ein verzweifelter Mann, der sich müht, „es in der Welt auszuhalten“ und nach der perfekten Liebe sucht. Es geht um die Krise des modernen Mannes,  geschrieben mit der Übertreibungskunst Houellebecqs . Ein Buch, so Weidermann, das voll Dunkelheit ist und ihn dennoch lachen ließ.

Habeck findet das Buch „schludrig“ geschrieben. Er stellt die These auf, dass der Protagonist nicht verzweifelt, sondern gelangweilt und übellaunig ist. Insofern heischt Houellebecq nach Effekt. „Viel Lob für schwache Literatur“.

Dorn stimmt zu: das Buch ist stellenweise so grotesk, dass es kaum ernst zu nehmen ist. Der Leser muss sich entscheiden, ob er das Buch gesamt als sarkastisches Werk liest oder als ernstes. Im zweiten Fall irritiert dann zumindest das Frauenbild.

Habeck hat „Das Volk der Bäume“ von Hanya Yanagihara im Gepäck und bescheinigt der US-amerikanischen Schriftstellerin „sprachliche Wucht“ und eine packende Geschichte. Das Buch blickt aus der Perspektive des Arztes Norton Perina zurück auf seine Forschungsexpedition nach Mikronesien in den 50-er Jahren. Perina entdeckt dort eine faszinierende Antwort auf die Möglichkeit menschlicher Unsterblichkeit und steigt am Wissenschaftshimmel auf. Ein weiterer Erzählstrang entwickelt sich, als Perina erkennt, dass er Päderast ist. Der Roman befasst sich u.a. mit der Frage, „wieviel Menschsein wir verlieren“ bei der Beantwortung der letzten Fragen.

Westermann hat das Buch wie „Wirklichkeit“ gelesen und kann es nur „von Herzen weiterempfehlen“.

Dorn gab zu, „kein Fan des Buches“ zu sein, da sie nicht den Eindruck hat, dass das Buch literarisch gelungen ist (manipulativer Rahmenerzähler).

Dorn hat „Effingers“ von Gabriele Tergit aus dem Jahr 1951 für uns gelesen. Tergit, Jüdin, Journalistin und Gerichtsreporterin in Berlin, ging wohlweislich bereits 1933 ins Exil. Der Roman umfasst die Zeit seit der Reichsgründung 1871 bis 1948 und versucht, das Bild jüdischen Lebens detailgenau in Erinnerung zu halten – ein Familienroman, der als die „jüdischen Buddenbrooks“ gelten kann.

Weidermann war beeindruckt, wieviel Neues er erfahren hat, wie präzise Tergit beschreibt und ohne es abschätzig zu meinen, nennen Weidermann und Habeck den Detailreichtum „museal“.

Westermann stellt „Das Licht“ von T.C. Boyle vor. Boyle, der 20 Jahre lang selbst Junkie war, beschreibt in „Das Licht“ eine der ersten Hippie-Kommunen, die aus Experimenten mit Drogen an der Bostoner Uni in den 60-er Jahren hervorging.

Weidermann, Habeck und Dorn waren eher gelangweilt, zumal Boyle den Stoff bereits im 2003 erschienenen „Drop City“ verarbeitet hat und da deutlich „böser und richtig gut“ (Dorn).

Anmerkung vom Schreibtischle: Mir hat die Kombination mit Robert Habeck sehr gut gefallen. Einen Politiker auf diese Art besser kennenzulernen macht Spaß und erweitert das Menschenbild. Habeck ist zurückhaltend und argumentiert klar und knapp. Als lockerer Plauderer erscheint er im Quartett nicht. Vielleicht ist die Rezensentenrolle auch noch ungewohnt. Also lieber Herr Weidermann: gerne Herrn Habeck wieder einmal einladen und allgemein Menschen, die wir aus anderem als dem literarischen Kontext kennen.

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