Literarisches Quartett, Literaturkritik

Das Literarische Quartett am 18.10.2019- diesmal von der Frankfurter Buchmesse

Sibylle Berg, Gast der aktuellen Sendung, sagte gleich zu Beginn: „Schlimm ist, wenn man ein großartiges Buch finden möchte und findet es nicht.“ Sie wundert sich im Laufe der Sendung über die vielen rückwärtsgewandten Romane, die gerade als preiswürdig und lesenswert angesehen werden. In ihnen ist alles schon geschehen, auch die Rettung in der Vergangenheit. Es gibt wenige Romane, die sich mit der Gegenwart befassen, mit dem Mensch im Jetzt.

Nach einer länglichen Diskussion, ob Peter Handke den Nobelpreis verdient habe, ging es dann doch noch um vier neue Bücher:

Winterbienen stellte Christine Westermann vor:

Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten. Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in „Winterbienen“ einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft. (Auszug aus Internetseiten C.H. Beck)

Westermanns positive Einschätzung wurde von der Runde kaum geteilt. Berg sagt dazu: “ Was macht dieses Buch auf der Buchpreisliste? (..) Das Buch kommt mir vor wie eine Aquarellausstellung in einem Altstadtcafe.“ Das Buch mache sie ratlos, sie habe sich mit dem Buch „wahnsinnig gelangweilt“.

Sibylle Berg gab Einblicke in die Graphic Novel „Sabrina“, die mit ihren reduzierten Bildern, den wenigen Colorationen und Sprechblasen sehr klar und analytisch ist. „Das Buch ist sehr konsequent durcherzählt….“. „Mich hat wahnsinnig glücklich gemacht (zu lesen), was am Ende übrig bleibt.“

Die Graphic Novel „Sabrina“ war der erste Comic, der für den Booker Prize nominiert wurde. Autor Nick Drnaso erzählt darin vom grausamen Mord an einer jungen Frau – und wie die Tat instrumentalisiert wird, um ein Land in eine kollektive Paranoia zu stürzen. (Auszug aus deutschlandfunk Kultur)

Thea Dorn befasste sich mit Schutzzone:

Nach Stationen bei der UN in New York und Burundi arbeitet Mira für das Büro der Vereinten Nationen in Genf. Während sie tagsüber Berichte über Krisenregionen und Friedensmaßnahmen schreibt, eilt sie abends durch die Gänge der Luxushotels, um zwischen verfeindeten Staatsvertretern zu vermitteln. Bei einem Empfang begegnet sie Milan wieder, in dessen Familie sie nach der Trennung ihrer Eltern im Frühjahr 94 einige Monate gelebt hat. (Auszug aus Internetseite Suhrkamp Verlag)

Thea Dorn meinte: „Der Roman bleibt auf dem schwierigen Grad zwischen Idealismus und Desillusionierung (…) mit gutem Gespür für die politische Lage (..) Das Buch hätte den Buchpreis verdient.“ Sibylle Berg dagegen hat im Buch markiert, wo immer sie furchtbare Sätze fand. Das Buch ist für sie keine Bereicherung, da es sehr gute Sachbücher über die Uno gibt. „Es ist alles so mega fleißig- oh mir rinnt der Schweiß runter, so fleißig ist das.“

Volker Weidermann brachte von Eugen Ruge „Metropol“ mit, eine Familiengeschichte inmitten der politischen Situation des Stalinismus.

Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. (Auszug aus Internetseiten Rowohlt Verlag)

Sibylle Berg: „Ein intelligentes, großartiges Buch – der gute Link zu heute ist ja das Warten nach dem Motto: mich wird es nicht erwischen. Viele Juden fragen sich heute wieder, ob sie hier sicher sind.“ Sie weist darauf hin, dass auf der Buchmesse viele (über 40) rechtsorientierte Verlage sind. Für Thea Dorn ist der Roman nicht nur befasst mit dem politischen Dogmatismus sondern ist auch das „Hohelied auf das Zweifelndürfen“.

Leider gab es kein Buch zum Messe-Gastland Norwegen. Das wäre interessant und bereichernd gewesen. Frau Berg darf gerne wiederkommen, sie hat eine feine und unverstellte Wahrnehmung.

Zum Thema Sprache: Herr Weidermann wies zum Schluss auf die nächste Sendung mit den Worten hin: „Wer das nächste Quartett nicht schaut, ist blöd“. Achtung bei der Wortwahl. Es reicht, wenn Schimpfworte im Netz hin und herfliegen. Die nächste Sendung ist also am 6. Dezember 2019.

Viel Spaß beim Lesen und Schmökern in diesen Herbsttagen. Und die Norweger nicht vergessen.

Euer Schreibtischle

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Allgemein

Schreibtischles BoD-Titel

Sicher habt ihr schon von Books on Demand gehört. Hier kann man mit schöner technischer Unterstützung Bücher veröffentlichen und drucken lassen, die bislang von keinem Verlag angenommen wurden. Ich habe das ausprobiert und es war ein schönes Gefühl, fertige, schöne gebundene Büchlein in den Händen zu halten, nachdem soviel Herzblut in das Schreiben geflossen war. Beide Bücher könnt ihr bei Interesse über Amazon oder über den Bookshop von BoD bestellen.

„Line“ ist ein Kinderroman, ab ca. 8 Jahren. „Thilda“ ist ein Kinderkrimi und sehr schön für die Sommerferien geeignet, da Thildas Abenteuer in den Ferien in Frankreich spielt. Ich freue mich, wenn ihr mir Rückmeldung gebt, wie euch die beiden Kinderbücher gefallen.

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Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Literarisches Quartett vom 14. Juni 2019

Der Gast im Quartett war diesmal Joachim Meyerhoff. Der Schriftsteller und Theaterschauspieler war eine erfrischende Bereicherung – sowohl was kluge Kritik als auch Begeisterungsfähigkeit, Eloquenz und Witz betrifft. Es gab also diesmal zu Lachen – wie schön.

Volker Weidermann stellte „Die Nickel Boys“ von Colson Whitehead vor: im Florida der 60er Jahre wächst der Martin Luther King Bewunderer Elwood bei seiner Großmutter auf. Es ist, so Weidermann, eine „Geschichte der Vernichtung eines jungen Schwarzen“. Thea Dorn ergänzte: „es geht um einen Mensch, der an Güte glaubt und systematisch kaputt gemacht wird. Das Gute in der Welt hat keine Chance.“ Joachim Meyerhoff findet die schönen Worte: „wenn das Helle im Geist auf die rohe Gewalt trifft…“ Er hat den Eindruck, dass mit solchen Romanen Literatur über szenische Darstellung hinauswächst, da sie in der Lage ist, über das Sichtbare hinauszugehen und in der Fantasie neue Bilder entstehen zu lassen. Für Meyerhoff war es eine im positiven Sinne schmerzliche Leseerfahrung.

Jochen Schmidts „Ein Auftrag für Otto Kwant“ wird von J. Meyerhoff besprochen. Es handelt sich um einen jungen Architekt, den es zusammen mit einem Stararchitekten nach Urfustan verschlägt. Es ist eine „übervolle und todkomische Geschichte“, wie der, der die Welt schöner machen möchte, in absurden Aufträgen und Umständen landet und von der Welt überfordert ist. Der „Unsinn hat eine menschliche Dimension und macht süchtig“. Thea Dorn fand für sich nicht heraus, was Schmidt ihr mit diesem Buch sagen möchte. Ihr kommt mit diesem Buch einmal mehr das Genre der „schluffigen Männer Mitte Dreißig“ unter, die, „frühvergreist sind und heim zu Mutti möchten“. Christine Westermann hat sich mit dem architektonischen Detaiswissen nicht anfreunden können und Volker Weidermann glättete die Wogen mit dem Satz: „Das ist ein junger Mann, der in den Bilder der Kindheit gefesselt ist“.

Zazie in der Metro“ von Raymond Queneau ist bereits 1959 erschienen und liegt nun in neuer deutscher Übersetzung von Frank Heibert vor. Thea Dorn bestätigt, wie schwer der französische Sprachwitz dieses deftigen Parisromans zu übersetzen ist und wie gut das in diesem Fall gelungen ist. Herausgekommen ist eine brilliant Übersetzung, eine junge, freche Sprache und somit ein „riesiges Lesevergnügen“. Inhaltlich geht es, so Dorn, darum, „seiner Wahrnehmung zu misstrauen“. Zazie schafft es mittels ihrer fantastischen Wortakrobatik, Menschen aus ihren Wahrnehumgungsnischen zu befreien. Das Buch gefällt dem ganzen Quartett.

Christine Westermann stellt „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky vor. Die Familiengeschichte thematisiert das Migrantenschicksal einer Großmutter und ihres Enkels, die aus der Sowjetunion nach Deutschland umgesiedelt sind. Die Großmutter hasst Ausländer, ist rabiat und peinlich. Für J. Meyerhoff ist das Buch in der Konstruktion stecken geblieben, die Figuren erfahren kaum Entwicklung und „bleiben alle, was sie sind“. Volker Weidermann empfand als eigentliche Tragik und Kernaussage des Romans eben diese Nichtentwicklung des Enkels Maxim. Thea Dorn weist auch auf die fehlenden Gegenspieler der Großmutter hin. Sie hätte dieser gerne die „Zazie in der Metro“ vorbeigeschickt mit ihrem frechen Mundwerk.

Euch allen eine schöne Juni-Lesezeit. Das nächste literarische Quartett gibt es dann am 9. August 2019.

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Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Literarisches Quartett vom 12. April 2019

Moderation: Volker Weidermann (Der Spiegel- Literaturkritiker)
Gast: Sandra Kegel (FAZ-Literaturkritikerin)
sowie Christine Westermann (Radio-und Fernsehmoderation) und Thea Dorn (Schriftstellerin und Literaturkritikerin)

 

Das Quartett am 12. April war meines Erachtens spannend und kontrovers. Es behandelte Bücher, die sich der eindeutigen Zustimmung oder Ablehnung verwehren und verschiedene Lesarten zulassen.

Thea Dorn stellt „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling vor. Die Protagonistin lebt im Prenzlauer Berg und lässt in einem Buch „Dampf“ ab über das verlogene Milieu und seine Gesellschaft. Dieses Buch nimmt ihr ihre Prenzlberg-Freunde und letztlich sogar die Wohnung, die sie mit ihrer Familie bewohnt. Dorn bescheinigt dem Buch ein „hohes Jammer- und Selbstmitleidsniveau“, das sie ratlos macht. Sandra Kegel findet das Buch „fein gearbeitet“ und empfehlenswert zu lesen. Weidermann kann nur „behauptete Wut“ feststellen und das bei „öder Sprache“. Das Buch, so Weidermann ist langweilig und voller Platituden.

Scheinbar liegt hier ein Zeitgeist-Roman vor, der den Trend des Berlin-Bashings, der Wohnraumnot und Wutbürger aufgreift, ohne reflektiert neue Impulse für den Leser zu setzen. Ich wäre interessiert an Rezensionen von euch.

Christine Westermann stellt „Herkunft“ von Saša Stanišič vor. Der Schriftsteller Stanišič, Jahrgang 1978, wurde in Bosnien geboren und floh mit seinen Eltern 1992 vor dem Bosnienkrieg nach Heidelberg. In „Herkunft“ erzählt er über das „Ankommen und Zurechtkommen (..)“ und vom Heimisch-werden. Das Buch, so Weidermann, ist ein „schönes zeitgenössisches Buch mit vielen anrührenden Bildern und dennoch ein politisches Buch.“ Thea Dorn sieht neben der „großartigen poetischen Dimension“ auch politisches Polemisieren, mit dem sie sich unwohl fühlt. Laut Sandra Kegel geht es um „Heimaten“ und die Frage „Wo komme ich her“. Das Buch kann der jüngeren Generation ihrer Meinung nach ans Herz gelegt werden.

Sandra Kegel stellt César Aira, einen bei uns wenig bekannten argentinischen Autor, mit seinem Kurzprosaband „Was habe ich gelacht“ vor. Es handelt sich um eine „Literatur der Beiläufigkeit“, um „filigrane Schöpfungen der Fantasie“. Das Buch „glitzert, perlt, entzieht sich- wie Quecksilber. Ein aufregendes und spannendes Leseerlebnis“. Laut Thea Dorn „sitzt da einer und erzählt“, sprachlich sehr präzise. Sie fragt sich, wem sie dieses Buch empfehlen könnte und ob wir heute noch die Muße für solch eine „Preziose“ der Literatur haben. Volker Weidermann liebt diese Art der Literatur: dicht erzählt mit mehreren Hintertürchen. Sandra Kegel überzeugt Christine Westermann, das Buch nochmal zu lesen: „Das Buch beginnt, wo es endet“.

Volker Weidermann befasst sich mit „Monster“ von Yishai Sarid. Der Protagonist ist ein mittelmäßiger Historiker der Jetztzeit, der eine Stelle antritt, in der er sich mit dem Holocaust befassen muss und somit auch mit der Macht der Erinnerungen. Es geht um die Frage, was Erinnerung bedeutet und wie Erinnerung zum Monster werden kann. Das Buch wirft unbequeme Fragen auf und rüttelt an vermeintlichen Gewissheiten. Sandra Kegel unterscheidet Erinnerungen, die einen angreifen und krank machen und andererseits das Erinnerungsbusiness mit seiner Verwertungskette aus Fördergeldern, Kongressen, ja sogar Computerspielen. Thea Dorn war nach der Lektüre geradezu verzweifelt durch die Erkenntnis, dass die dt. Erinnerungskultur (schon das Wort „Kultur“ ist hier ihrer Meinung nach falsch) nichts mit den Erinnerungen der Opfer zu tun hat und auch nicht mit den Wirkungen des Erinnerns auf Körper und Geist. Welche Schlüsse ziehen die Opfer aus dem Erinnern? Spätestens bei deren Täteridentifikation wächst die Beklommenheit der Leser. Weidermann rät, die aufkommende Beklommenheit zu formulieren, das Buch zum Anlass zu nehmen, Rituale aufzubrechen.

Euch allen wünscht das Schreibtischle schöne Ostern und gemütliche Lesestunden!

P.S. : Nächstes Literarisches Quartett: 14. Juni 2019; Gast ist der Schriftsteller Joachim Meyerhoff

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Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Das Literarische Quartett vom 1. März 2019

Gast: Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen und freier Autor, der mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Andrea Paluch mehrere Bücher veröffentlichte.

Weidermann stellt „Serotonin“ von Michel Houellebecq vor. Der Protagonist ist ein verzweifelter Mann, der sich müht, „es in der Welt auszuhalten“ und nach der perfekten Liebe sucht. Es geht um die Krise des modernen Mannes,  geschrieben mit der Übertreibungskunst Houellebecqs . Ein Buch, so Weidermann, das voll Dunkelheit ist und ihn dennoch lachen ließ.

Habeck findet das Buch „schludrig“ geschrieben. Er stellt die These auf, dass der Protagonist nicht verzweifelt, sondern gelangweilt und übellaunig ist. Insofern heischt Houellebecq nach Effekt. „Viel Lob für schwache Literatur“.

Dorn stimmt zu: das Buch ist stellenweise so grotesk, dass es kaum ernst zu nehmen ist. Der Leser muss sich entscheiden, ob er das Buch gesamt als sarkastisches Werk liest oder als ernstes. Im zweiten Fall irritiert dann zumindest das Frauenbild.

Habeck hat „Das Volk der Bäume“ von Hanya Yanagihara im Gepäck und bescheinigt der US-amerikanischen Schriftstellerin „sprachliche Wucht“ und eine packende Geschichte. Das Buch blickt aus der Perspektive des Arztes Norton Perina zurück auf seine Forschungsexpedition nach Mikronesien in den 50-er Jahren. Perina entdeckt dort eine faszinierende Antwort auf die Möglichkeit menschlicher Unsterblichkeit und steigt am Wissenschaftshimmel auf. Ein weiterer Erzählstrang entwickelt sich, als Perina erkennt, dass er Päderast ist. Der Roman befasst sich u.a. mit der Frage, „wieviel Menschsein wir verlieren“ bei der Beantwortung der letzten Fragen.

Westermann hat das Buch wie „Wirklichkeit“ gelesen und kann es nur „von Herzen weiterempfehlen“.

Dorn gab zu, „kein Fan des Buches“ zu sein, da sie nicht den Eindruck hat, dass das Buch literarisch gelungen ist (manipulativer Rahmenerzähler).

Dorn hat „Effingers“ von Gabriele Tergit aus dem Jahr 1951 für uns gelesen. Tergit, Jüdin, Journalistin und Gerichtsreporterin in Berlin, ging wohlweislich bereits 1933 ins Exil. Der Roman umfasst die Zeit seit der Reichsgründung 1871 bis 1948 und versucht, das Bild jüdischen Lebens detailgenau in Erinnerung zu halten – ein Familienroman, der als die „jüdischen Buddenbrooks“ gelten kann.

Weidermann war beeindruckt, wieviel Neues er erfahren hat, wie präzise Tergit beschreibt und ohne es abschätzig zu meinen, nennen Weidermann und Habeck den Detailreichtum „museal“.

Westermann stellt „Das Licht“ von T.C. Boyle vor. Boyle, der 20 Jahre lang selbst Junkie war, beschreibt in „Das Licht“ eine der ersten Hippie-Kommunen, die aus Experimenten mit Drogen an der Bostoner Uni in den 60-er Jahren hervorging.

Weidermann, Habeck und Dorn waren eher gelangweilt, zumal Boyle den Stoff bereits im 2003 erschienenen „Drop City“ verarbeitet hat und da deutlich „böser und richtig gut“ (Dorn).

Anmerkung vom Schreibtischle: Mir hat die Kombination mit Robert Habeck sehr gut gefallen. Einen Politiker auf diese Art besser kennenzulernen macht Spaß und erweitert das Menschenbild. Habeck ist zurückhaltend und argumentiert klar und knapp. Als lockerer Plauderer erscheint er im Quartett nicht. Vielleicht ist die Rezensentenrolle auch noch ungewohnt. Also lieber Herr Weidermann: gerne Herrn Habeck wieder einmal einladen und allgemein Menschen, die wir aus anderem als dem literarischen Kontext kennen.

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Lernen durch Lesen, Rezension

Gedanken zu „Der Dorfgescheite – Ein Bibliothekarsroman“ von Marjana Gaponenko, C.H. Beck, 2018

Marjana Gaponenko bedient sich für ihren Roman ausgiebig bei „Der Name der Rose“, um ihren Handlungsort, das Stift samt Bibliothek, bereit zu machen für den Auftritt des Protagonisten Ernest Herz.

Herz stolpert hinein in eine eigentümlich mittelalterliche Stiftswelt. Er, der sich seinem bisherigen, lustbetonten Leben entziehen will, indem er sich als Bibliothekar um die Digitalisierung kostbarer Bücher kümmert, begegnet dem kauzigen Personal des Stifts und lässt sich hineinziehen in die geheimen Machenschaften und die Verzweiflung seines durch Selbstmord gestorbenen Vorgängers Mrozek.

Das verspricht Spannung, zumal es zwei Ausgangspunkte für die Unrast von Mrozek und Herz gibt: den verstörend schönen „Lammengel“ Raphael, der in der Likörkneipe „Lamm“ vom dortigen Wirt ängstlich beschützt wird. Zum zweiten entdeckt Herz in seiner Dienstwohnung versteckt, ein wertvolles Buch, das ihn reich machen könnte, dessen Herkunft aber ungeklärt ist.

Gaponenko beschreibt detail- und metaphernreich. Hier eine herrlich spitze Beschreibung des Stiftsprälaten:

„mit (…) einem breiten Mund voller unverwüstlicher Sinnlichkeit, der unterhalb einer leicht eingedrückten Nase saß, ungefähr wie bei einem Ritter, der sein Leben lang ein viel zu enges Visier getragen hatte.“

Die Metaphern sind oft unerwartet und interessant, manches Mal aber auch überbordend und unlogisch:

„Schließlich durfte Herz im dritten Stockwerk des Refektoriums die violett gestreiften und verwegen gelockten Usambaraveilchen auf der leicht verkohlten Fensterbank gießen (…). Draußen plätscherte der Kunstteich in ungetrübtem Gleichmut.“

 „Wenn ich Italienisch spreche, fühle ich mich wie ein Kinderschänder auf dem Spielplatz“.

 „(…) die kleine Glasschale, in deren Inneren ein Klacks Wachs wie ein staubiges Rührei kauerte.“

 „(…) die Schweißspur in seinem butterblumengelben Gesicht, als wäre ihm eine Nacktschnecke die Wange heruntergekrochen (…)“.

 Der Lesefluss wir durch zahlreiche lateinische Einschübe und lange Fußnoten-Übersetzungen unterbrochen sowie durch Mundartdialoge, die eher seltsam klingen:

„sagn S´ma lieber, was ich Ihna bringen derf.“

Man spürt Gaponenkos Lust am Fabulieren und ihre Freude an der Sprachjonglage. Inhaltlich komponiert sie ein riesiges Gemälde mit Figuren, die einem düsteren, mittelalterlichen Traum entstiegen zu sein scheinen.

Sie baut Handlungsräume auf, die neugierig machen: die kriminologische Suche nach dem Eigentümer des Buches, die unbekannten Hintergründe des Mrozek-Selbstmordes, das Geheimnis des Lammengels Raphael und schließlich auch die schwer greifbare Psyche des Ernest Herz.

Jedoch schwindet die anfängliche Spannung. Keines der Themen bekommt Schwung. Die Figuren bleiben ohne Lebenskraft. Sie wirken auf mich wie geschlossene Gefäße in denen ihre Lebensthemen gefangen sind.

Ich habe mich irgendwann gefragt, warum ich Ernest Herz durch die Irrungen und Wirrungen folgen soll. Und inwiefern Ernest Herz ein Dorfgescheiter ist, inwiefern er all das nur träumt während einer Zugfahrt, und welche Rolle seine Einäugigkeit spielt – das mögen die kommenden Leser selbst prüfen.

Herz stellt fest: „Jemand schreibt mich, (…), eine Schreiberhand“.

Ich bin etwas ratlos und frage: was will die Schreiberhand mir sagen?

Euer Schreibtischle wünscht euch leseerlebnisreiche Februartage!

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Rezension

„Töchter“ von Lucy Fricke, Rowohlt Verlag, 8. Auflage 2018

Wir waren die Töchter von Vätern, die erst im Ruhestand die Zeit fanden, mit uns zu reden. Wir erklärten ihnen das Internet und sie uns das Wetter“.

Lakonisch, mit unwiderstehlichem Humor, dabei sich und das Leben reflektierend – das ist die Ich-Erzählerin Betty. Betty ist knapp über 40 Jahre alt, wohnt und lebt als Schriftstellerin in prekären Verhältnissen und müht sich, in ihrer partner- und kinderlosen Lebensmitte nicht zu verzweifeln.

„Ich litt unter dem Verlassenwerden, den abgebrochenen, nicht einmal gewagten Beziehungen, unter der Einsamkeit, unter mir selbst (..).

Martha, Bettys beste Freundin, versucht derweil mit ihrem Mann Henning eine Familie zu gründen. Zu ihrem Vater Kurt, der nie für sie dagewesen war, hat sich mit seiner Krebsdiagnose ein zartes Band entwickelt, das Kurt veranlasst, Martha zu bitten, ihn in die Schweiz zur Sterbehilfe zu fahren.

Martha bittet Betty um Beistand und so machen sich die drei auf zu einem Roadtrip, der dann zwar nicht über Chur führt, aber die kleine Reisegruppe dennoch kräftig durchrüttelt.

Betty lässt Martha und Kurt am Lago Maggiore bei einer früheren Geliebten Kurts zurück und nutzt die Gelegenheit, in Italien nach jenem ihrer „Väter“ zu suchen, den sie am meisten liebte:

„Der einzige Lichtblick in diesem Jammertal der Männer, in das meine Mutter mich gezerrt hatte, war der Posaunist gewesen. Ein spielsüchtiger Italiener, ein Macho von umwerfender Attraktivität, der mich auf seinen Schultern durch die gute Hälfte meiner Kindheit trug und den ich wie verrückt geliebt hatte.“

Kurt versucht sich darin, noch ein bisschen Leben nachzuholen und reist mit Martha zu Betty, deren Suche sie mittlerweile nach Griechenland geführt hat.

„Ständig denkt man an die Zeit zurück in der man jung war. An die Momente, in denen man die falsche Entscheidung getroffen hat, in denen das Leben eine andere Richtung nahm, während man selbst unfähig war, sich zu bewegen.“

Wer selbst Frau zwischen 40 und 50 ist, muss vermutlich mehr als einmal über die fein beobachteten Lebensweisheiten lachen:

„Wir nickten alle drei, und ich hatte Angst, wir würden damit gar nicht mehr aufhören. Dieses Nicken gegen die Sprachlosigkeit. Was ich im Leben schon genickt hatte, wie die Wiedergeburt eines Wackeldackels. Ich gehörte zu der Sorte Mensch, die nickend auf einem Küchenstuhl saß, wenn sie verlassen wurde.“

 Martha versucht unterwegs, das Warten auf Kurts nahen Tod zu verdrängen.

„Die meisten Dinge in ihrem Leben tat sie überhaupt nur, um etwas anderes zu vergessen. Ich kannte niemanden, der so viele abseitige Dinge ausprobiert hatte (..)         Kaum je war sie über den Grundkurs hinausgekommen, ihr ganzes Wesen war am Grundkurs orientiert.“

Bettys Gedanken kreisen immer wieder um Lebensentscheidungen, warum und für wen man sie trifft und welches Ziel man dabei verfolgt.

„Ich sah an meiner eigenen Mutter, wie das Leben zu einer einzigen Rechtfertigung werden konnte. (..) Das Glück als der endgültige Beweis, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. (…) Wenn all das, was man zu wollen meinte, nicht das war, was man brauchte. Wenn die sogenannte Freiheit  sich als ein zielloses Herumirren entpuppte und man selbst zu einem Irrtum wurde.“

Lucy Fricke führt ihre Protagonistinnen sicher zum Ende, das ein klein wenig kitschig ist. Betty und Martha finden auf sehr unterschiedliche Art Antworten auf ihre Leben als Töchter und was das Tochtersein mit ihnen gemacht hat. Das Nachdenken über die eigenen Lebensentscheidungen nimmt Fricke uns damit nicht ab.

Viel Freude beim Lesen wünscht euch das Schreibtischle kurz vor Neujahr.

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