Allgemein, Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Das literarische Quartett vom 12.10.2018 – von der Frankfurter Buchmesse

Gast: Denis Scheck – bekannt aus der Sendung Druckfrisch in der ARD

Das Quartett hat ganze Arbeit geleistet: Vier Bücher mit insgesamt ca 3000 Seiten wurden gelesen und dazu gabs eine sehr fruchtbare Diskussion. Denis Scheck und Thea Dorn sind im Quartett das kongeniale Duo – sprachlich und intellektuell auf Augenhöhe, streitbar und nie langweilig.

Thea Dorn stellt Karen Duves historischen Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer vor, in dem die unglückliche Liebe der brillanten jungen Annette von Droste-Hülshoff und deren Scheitern an den Strukturen behandelt wird. Mit enormer Recherchearbeit hat Duve es geschafft, einen Roman, „zart und sarkastisch“ zu schreiben und zeigt dabei ein „gutes Gespür für die himmelschreienden Geschlechterrollen. Den Leser holt sie durch pfiffige Sprachdetails in die Gegenwart und schafft wunderbare Sommer-Atmosphären. Alle waren sich einig: ein toller Roman.

Christine Westermann legt uns Powers Die Wurzeln des Lebens ans Herz, in dem die Helden die  Bäume sind, ohne die der Mensch nicht bestehen kann. Das Buch ist, so Westermann, voller Pathos, der sie berührt hat. Obwohl das Buch für den Man Booker Preis nominiert ist, meint Denis Scheck: „Wegen mir hätte für dieses Buch kein Baum sterben müssen“. Powers habe zwar eine starke Botschaft aber Scheck hält es für  intellektuell unredlich, ein Buch derart mit politischer Propaganda zu überfrachten. Thea Dorn stimmt dem zu. Es fällt das Wort „Kitsch“. Weidermann dagegen war von dem Buch begeistert, und attestiert Powers große Romankunst.

Volker Weidermann führt ein in Stephan Thomes Gott der Barbaren, der den Taiping-Aufstand Mitte des 19. Jahrhunderts in China behandelt. „Hochgerüstete moralische Kräfte aus dem Westen (Briten) treffen auf die Chinesen, was in einer furchtbaren Katastrophe endet“. Er war von diesem Roman beeindruckt. Westermann fand das Buch kraftlos und freudlos erzählt. Denis Scheck bescheinigt Thome große „intellektuelle Flughöhe“ und hält es für eines der „seltenen Bücher, die einen reich belohnen“. Thea Dorn fühlt sich bereichert, fragt aber, ob das Buch als Roman geglückt ist, da die einzige erfundene Figur des Romans nicht gelungen scheint.

Denis Scheck stellt David Foster Wallace Der Spaß an der Sache vor. Von dieser Essaysammlung sagt Scheck, es handle sich nicht um ein Buch, „sondern um ein Lebensmittel“. Wallace habe „unglaubliche Benennungsfähigkeit“ und analytische Kraft, mit der er die amerikanische Gesellschaft wunderbar entlarve. Dorn bestätigt, dass Wallace´ eingebaute Zweifel an den eigenen Wahrnehmungen die Beobachtungsgabe des Lesers schärfen. Scheck nennt Wallace ein „Wahrnehmungsmonster“, dem man gebannt bei seinen Denkbewegungen folgt.“

Insgesamt also vier sehr spannende Bücher, von denen das eine oder andere trotz oder gerade wegen seines Volumens geeignet für bereichernde Herbst- und Winterlesestunden scheint.

Viel Spaß wünscht euch das

Schreibtischle

 

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Allgemein, Lesung

„Heimat“ – Gespräch zwischen Thea Dorn und Francois Jullien

4. Oktober 2018 im Literaturhaus Stuttgart

Moderation:  Felix Heidenreich

Unter dem aktuell in vielen Schattierungen diskutierten Titel Heimat sollte es zwischen Dorn und Jullien zu einer „Karambolage“ – so der Titel der Literaturhausreihe – kommen um in der Diskussion die unterschiedlichen Auffassungen kennenzulernen.

Das Publikum im ausverkauften Saal war gespannt, vor allem auf Thea Dorns treffsichere und geschliffene Argumentation. *

Allerdings starb das Thema Heimat bereits im Grußwort der französischen Generalkonsulin, die darauf hinwies,, dass es im Französischen keine sinnähnliche Entsprechung für dieses deutsche Wort gäbe. (le pays und patrie meinen eher Herkunft bzw. Vaterland)

Das schien Jullien recht zu sein, konnte er sich so doch über  den in seinem Essay* besprochenen Begriff der kulturellen Identität ausbreiten, die es seines Erachtens nicht gibt.

Man hätte  sich gewünscht, dass es dem Moderator – neben seiner Übersetzertätigkeit – durch Gesprächssteuerung gelungen wäre, die beiden Positionen klarer hervortreten zu lassen.  Wer weder Essay noch Buch gelesen hatte, tat sich schwer, die konträren Auffassungen zu greifen, zumal es über weite Strecken um philosophische Begriffsspitzfindigkeiten ging, die für eine anderthalbstündige Karambolage nicht geeignet waren (z.B. Unterschied zwischen Identität zu Ipseität).

Spannend der Ansatz von Thea Dorn: in jeder Kultur gäbe es ein Netz von Ähnlichkeiten, an der sich die Kultur erkennen ließe und so gäbe es eine „deutsche Seele“ und womöglich auch eine „europäische Seele“.

Dagegen möchte Jullien den Begriff der kulturellen Ressource etablieren. Ressourcen können genutzt werden, um Kultur zu formen und zu verändern- und zwar durch Kräfte innerhalb und außerhalb der betreffenden Kultur. Jullien wehrt sich gegen den starren Begriff der Identität in diesem Zusammenhang.

Dorn und Jullien sind sich einig, dass die Liebe zu einer Kultur bedeutet, sich aktiv und formend  verantwortlich zu fühlen. Von „meiner“ Kultur zu sprechen, darf weder das reine  Benutzen der kulturellen Ressourcen bedeuten noch den patriotischen Stolz ängstlich-defensiver  Menschen.

Für die weitere und tiefergehende Diskussion  bleiben dem geneigten Publikum und Leser  Dorns Buch und Julliens Essay:

 *Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf: Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten
Verlag: Knaus, 3. April 2018

 *François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität
Aus dem Französischen von Erwin Landrichter
Suhrkamp, Berlin 2017
96 Seiten, 10 Euro: „Es gibt keine kulturelle Identität“

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Philipp Roth „Empörung“

Zusammen mit Seethalers „Das Feld“ kaufte ich zufällig auch Roths „Empörung“.

Wie in „Das Feld“ erzählt auch in „Empörung“ ein Toter aus dem Seelenreich heraus seine Geschichte: Markus Messner, Sohn eines koscheren Metzgers in Ohio, von beiden Eltern sehr geliebt und beschützt, stirbt, von Bajonetten zerfetzt, 1952 in Korea – mit gerade einmal 19 Jahren.

Hineingeboren in das kleinstädtische Amerika der 50-er Jahre, das sich im Koreakrieg befindet, versucht Messner, seinem überfürsorglich gewordenen Vater zu entkommen und einfach ein sehr guter Student zu sein, um, falls es dazu kommen sollte, nicht als einfacher Rekrut in die koreanischen Schützengräben geschickt zu werden, sondern als Offizier in den Planungsstab.

Messner ist wissbegierig und mit einem klaren moralischen Orientierungssinn versehen. Alles Frömmelnde ist ihm zuwider. Deshalb ist er Anhänger von Bertrand Russel und haftet keinem Glauben an. Von starkem Gerechtigkeitssinn und Nonkonformismus durchdrungen, setzt Messner sich gegen die Angriffe auf seine Würde zur Wehr. Er wechselt das College, er zieht dort zweimal um, er argumentiert stringent und schlagkräftig gegen die investigativen und zu persönlichen Fragen des Direktors.

In manchen Szenen wird Messner aus dem Jenseits heraus zum unbeteiligten Beobachter der Vergangenheit, gerade so, als würde er die Geschehnisse dokumentieren. In einer dieser Szenen, dem weißen Höschenklau und der darauffolgenden Zornesrede des Direktors, wird die ganze Regelbesessenheit und Enge dieser Zeit spürbar. Aber es bleibt dem Leser nicht erspart, festzustellen, dass sowohl der Direktor als auch Messners Vater am Ende richtig lagen:

„Jenseits eurer Verbindungshäuser entfaltet sich Tag für Tag Geschichte – Krieg, Bomben, Massaker- , und ihr seid blind für das alles (…) aber am Ende wird euch die Geschichte einholen. Geschichte ist nämlich nicht der Hintergrund – Geschichte ist die Bühne! Und ihr steht auf der Bühne. Oh wie abscheulich ist eure erschreckende Unkenntnis eurer eigenen Gegenwart“ (aus der Rede des Direktors)

Sobald Messner seinem Orientierungssystem zuwider handelt, sich also z. B. das Mädchen ausreden lässt, im Tausch gegen die Nichtscheidung seiner Eltern, oder einen Stellvertreter für den wöchentlichen Pflicht-Gottesdienst bezahlt, läuft sein Leben aus der Bahn: das Mädchen findet er nicht mehr, der Stellvertreter wird verraten, Messner daraufhin der Schule verwiesen und in Korea getötet.

Es bleibt dem Leser die Empörung über jene, die mit faulen Überzeugungen hausieren gehen und jene, denen Selbstreflexion und das Interesse an der Zukunft abhanden gekommen sind.

Philipp Roth „Empörung“ rororo, 5.Auflage Februar 2018

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Das Feld von Robert Seethaler

Seethalers Geschichtenroman lässt uns winzige Einblicke in vergangenes Leben nehmen. Die Protagonisten sind tot, sprechen aus dem Grab heraus und erzählen von einem Moment, einer Erfahrung, einer Erinnerung, die ihnen wichtig ist, die ihrem Leben eine bestimmt Tönung gegeben hat. Sie alle waren Bewohner des Ortes Paulstadt und auf diese eigentümlich kleinstädtische Art vernetzt, die nicht wirklich trägt, aber dennoch für Bindung sorgt.

Seethaler sucht sich aus der möglichen Vielfalt biographischer Erinnerung eine Essenz heraus: eine Geste, einen Geruch, eine Entscheidung. Er schreibt sich berührend und doch  schnörkellos in die Gefühls- und Seinslagen der Protagonisten.

„Fünfzig Jahre später hieltest du immer noch meine Hand. Es kam mir vor, als hättest du sie nie losgelassen, und das sagte ich dir auch. Du lachtest und meintest, das stimmt, hab ich auch nicht!“ (aus: Hanna Heim)

Und wie wunderbar Seethaler mit wenigen Worten Atmosphären schafft. Er hat seine Bilder geborgen und sorgsam bearbeitet, damit ihr innerster Kern nicht verloren geht und beim Leser eigene Bilder erzeugen kann.

„Ich bin winzig klein und sitze auf dem Boden hinter einem Vorhang. Irgendwo steht ein Fenster offen, der Vorhang bewegt sich, durch den Stoff flimmert Sonnenlicht. Dann wird er weggezogen und meine Mutter steht da und weint. Vielleicht lacht sie auch, in meiner Erinnerung macht das keinen Unterschied. Sie hebt mich hoch. Ihre Haare riechen nach Küche und Sonntagmorgen. Sie sind lang und blond und ich habe das Gefühl, als könnten sie meinen ganzen Körper bedecken, als könnte ich in Mamas Haaren verschwinden.“ (aus: Gerd Ingerland)

Wie roch mein eigener Sonntagmorgen?

Mancher Protagonist resümiert, sieht, wie es war und was ihm fehlte, mancher bereut und zweifelt.

„Ich erinnere mich an die vielen Hände, die ich gedrückt und an die wenigen, die mich gehalten haben. (…) Ja, ich habe bestochen, falsche Versprechungen und wahrscheinlich einen ganzen Haufen unehelicher Kinder gemacht, ich habe gelogen und betrogen, ich war schlimm, ich war böse, ich war falsch und gemein. Zusammenfassend lässt sich sagen: Freunde, ich war einer von euch!“ (aus Heiner Joseph Landmann)

„Ich wollte dir ins  Gesicht schreien „Ich bin ein Kind und ich will immer ein Kind bleiben. Ich will dein Kind bleiben!“ Ich habe nicht geschrien. Ich habe es für dich getan. Hat es gereicht? Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich hätte genauer hingesehen. Ich wünscht, ich hätte weniger genau hingesehen. Ich wünschte, du könntest stolz auf mich sein. Sei mir nicht böse.“ (aus: Hannes Dixon)

Nicht jede der Geschichten wird jeden Leser berühren. Das kann auch nicht anders sein, denn je nach eigenem Erfahrungs- und Erinnerungshorizont liegen einem die Grabgedanken mal näher, mal ferner.

Aber haften bleiben wird etwas- einer dieser schlanken, ehrlichen Sätze oder es erhascht einen ein Gedanke beim Lesen, den man nicht mehr missen möchte.

Robert Seethaler: Das Feld, Hanser Verlag, 3. Auflage 2018

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Flaute am Schreibtischle?

Sieht so aus, oder? Kein Beitrag seit „Schlafen werden wir später“ im Dezember 2017… tststs. Aber hier bin ich wieder, pirsche mich nach langer und fieser Erkrankung sowohl in den Alltag als auch an den Schreibtisch zurück. Wird Zeit und vielleicht hilft das Schreiben und Rezensieren ja auch beim Gesundwerden. Drückt mir die Daumen und ich freue mich sehr, wenn ihr den Weg auf meine Seiten findet.

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Zsuzsa Bánk „Schlafen werden wir später“

Es war eine Weile sehr still in diesem Blog und das Schreibtischle war verwaist. Dabei liegen viele verfolgenswerte Gedanken und eine angefangene Geschichte darauf.

Abgehalten vom Schreiben und Bloggen haben mich fiese Schmerzen nicht ganz geklärter Herkunft in Beinen und Rücken, die meine Nerven gleich mit angegriffen haben, weil ich es nicht gewohnt bin, nicht in Bewegung zu sein.

Abgehalten hat mich aber auch ein wenig die Lektüre von Zsuzsa Bánks „Schlafen werden wir später“. Man kann ganz verzagt werden angesichts ihres handwerklichen Könnens, des durchdachten Aufbaus, der unaufgeregten lyrischen Sprache, des schönen Sujets. Ich lese und lese, verfolge diese Leben, möchte nicht, dass ich aus dem Kosmos dieses Briefromans verstoßen werde- aber das Leseende ist nah.

Ich wünsche mir, in der Lage zu sein, ebenfalls solche dichten, lebensechten Figuren erschaffen zu können. Ich wünsche mir, es wie Bánks zu verstehen, den Erzählstrom so kunstvoll mit dem kritischen Blick auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit zu verflechten. Sie schildert eindrücklich die Beziehungen der Protagonistinnen zu Beruf und Familie, zu Partnerschaft und Natur, zeigt sie in ihren Verantwortungen, ihren Träumen und Wirklichkeiten. Anhand wohl gewählter kleiner Alltagssituationen lässt sie den Leser erleben, woran sich die Protagonistinnen aufreiben, was in ihnen arbeitet und werden will, wo sie sich verrennen und wie sie mit sich ringen. So klarsichtig ist das, so unaufgeregt und ungestelzt, dass man neben der Nähe zu den Figuren auch eine barmherzigere Sicht auf sich selbst bekommt. Und ja, es gibt reichlich Emotionen, Selbstzweifel, Selbstmitleid, Neid, Liebe, Wut- das könnte kitschig sein wie ein typischer Frauenroman, ist es aber dank der klugen Reflektiertheit der Autorin und des Tiefgangs der Protagonistinnen nicht.

Was mich zudem für das Buch einnimmt, sind die interessanten Lebenswelten, in die man als Leser sozusagen probehalber eintauchen darf. Sie sind ehrlich, detailreich und nachempfindbar beschrieben und die Leserin darf sie Stück für Stück erforschen: das Literaturarchiv in Marbach, ungarische Familienkultur, die Wohn- und Wirkstätten der Annette Droste-Hülshoff, ein Schriftstellerdasein, eine zerbrechliche Künstlerehe, Geldnot, die dunkle Kraft der Trauer, Schulsysteme und Kinder in Not – so kunstvoll gestrickt ist dieses Romannetz, dass es mich völlig absorbiert.

Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk sucht und sich nicht scheut, ein etwas dickeres Buch zu verschenken, wer eine Freundin, Schwester, Tochter, Mutter hat, die schöne, ja manchmal auch etwas überbordend lyrische Sprache schätzt und zwischen 40 und sagen wir 60 ist, dann ist das Buch eine Empfehlung.

copyright S. Fischer VerlagZsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt am Main 2017, 688 S., geb., 24,- Euro.

Zsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt am Main 2017, 688 S., geb., 24,- Euro.

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Literarisches Quartett, Literaturkritik

Das Literarische Quartett am 13.10.2017- diesmal von der Frankfurter Buchmesse

Diesmal zu Gast: Johannes Willms, Publizist und Miterfinder des Literarischen Quartetts (1988). Willms war bis 2000 Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung und danach deren Auslandskorrespondent in Paris. Nachdem das diesjährige Gastland der Buchmesse Frankreich war, stellte er den ersten Titel vor: „Die Jahre“ von Annie Ernaux, ein Entwicklungsroman und , so Willms wenig enthusiastisches Resümee: „sehr spannende Lektüre“.

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