Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Literarisches Quartett vom 12. April 2019

Moderation: Volker Weidermann (Der Spiegel- Literaturkritiker)
Gast: Sandra Kegel (FAZ-Literaturkritikerin)
sowie Christine Westermann (Radio-und Fernsehmoderation) und Thea Dorn (Schriftstellerin und Literaturkritikerin)

 

Das Quartett am 12. April war meines Erachtens spannend und kontrovers. Es behandelte Bücher, die sich der eindeutigen Zustimmung oder Ablehnung verwehren und verschiedene Lesarten zulassen.

Thea Dorn stellt „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling vor. Die Protagonistin lebt im Prenzlauer Berg und lässt in einem Buch „Dampf“ ab über das verlogene Milieu und seine Gesellschaft. Dieses Buch nimmt ihr ihre Prenzlberg-Freunde und letztlich sogar die Wohnung, die sie mit ihrer Familie bewohnt. Dorn bescheinigt dem Buch ein „hohes Jammer- und Selbstmitleidsniveau“, das sie ratlos macht. Sandra Kegel findet das Buch „fein gearbeitet“ und empfehlenswert zu lesen. Weidermann kann nur „behauptete Wut“ feststellen und das bei „öder Sprache“. Das Buch, so Weidermann ist langweilig und voller Platituden.

Scheinbar liegt hier ein Zeitgeist-Roman vor, der den Trend des Berlin-Bashings, der Wohnraumnot und Wutbürger aufgreift, ohne reflektiert neue Impulse für den Leser zu setzen. Ich wäre interessiert an Rezensionen von euch.

Christine Westermann stellt „Herkunft“ von Saša Stanišič vor. Der Schriftsteller Stanišič, Jahrgang 1978, wurde in Bosnien geboren und floh mit seinen Eltern 1992 vor dem Bosnienkrieg nach Heidelberg. In „Herkunft“ erzählt er über das „Ankommen und Zurechtkommen (..)“ und vom Heimisch-werden. Das Buch, so Weidermann, ist ein „schönes zeitgenössisches Buch mit vielen anrührenden Bildern und dennoch ein politisches Buch.“ Thea Dorn sieht neben der „großartigen poetischen Dimension“ auch politisches Polemisieren, mit dem sie sich unwohl fühlt. Laut Sandra Kegel geht es um „Heimaten“ und die Frage „Wo komme ich her“. Das Buch kann der jüngeren Generation ihrer Meinung nach ans Herz gelegt werden.

Sandra Kegel stellt César Aira, einen bei uns wenig bekannten argentinischen Autor, mit seinem Kurzprosaband „Was habe ich gelacht“ vor. Es handelt sich um eine „Literatur der Beiläufigkeit“, um „filigrane Schöpfungen der Fantasie“. Das Buch „glitzert, perlt, entzieht sich- wie Quecksilber. Ein aufregendes und spannendes Leseerlebnis“. Laut Thea Dorn „sitzt da einer und erzählt“, sprachlich sehr präzise. Sie fragt sich, wem sie dieses Buch empfehlen könnte und ob wir heute noch die Muße für solch eine „Preziose“ der Literatur haben. Volker Weidermann liebt diese Art der Literatur: dicht erzählt mit mehreren Hintertürchen. Sandra Kegel überzeugt Christine Westermann, das Buch nochmal zu lesen: „Das Buch beginnt, wo es endet“.

Volker Weidermann befasst sich mit „Monster“ von Yishai Sarid. Der Protagonist ist ein mittelmäßiger Historiker der Jetztzeit, der eine Stelle antritt, in der er sich mit dem Holocaust befassen muss und somit auch mit der Macht der Erinnerungen. Es geht um die Frage, was Erinnerung bedeutet und wie Erinnerung zum Monster werden kann. Das Buch wirft unbequeme Fragen auf und rüttelt an vermeintlichen Gewissheiten. Sandra Kegel unterscheidet Erinnerungen, die einen angreifen und krank machen und andererseits das Erinnerungsbusiness mit seiner Verwertungskette aus Fördergeldern, Kongressen, ja sogar Computerspielen. Thea Dorn war nach der Lektüre geradezu verzweifelt durch die Erkenntnis, dass die dt. Erinnerungskultur (schon das Wort „Kultur“ ist hier ihrer Meinung nach falsch) nichts mit den Erinnerungen der Opfer zu tun hat und auch nicht mit den Wirkungen des Erinnerns auf Körper und Geist. Welche Schlüsse ziehen die Opfer aus dem Erinnern? Spätestens bei deren Täteridentifikation wächst die Beklommenheit der Leser. Weidermann rät, die aufkommende Beklommenheit zu formulieren, das Buch zum Anlass zu nehmen, Rituale aufzubrechen.

Euch allen wünscht das Schreibtischle schöne Ostern und gemütliche Lesestunden!

P.S. : Nächstes Literarisches Quartett: 14. Juni 2019; Gast ist der Schriftsteller Joachim Meyerhoff

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Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Das Literarische Quartett vom 1. März 2019

Gast: Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen und freier Autor, der mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Andrea Paluch mehrere Bücher veröffentlichte.

Weidermann stellt „Serotonin“ von Michel Houellebecq vor. Der Protagonist ist ein verzweifelter Mann, der sich müht, „es in der Welt auszuhalten“ und nach der perfekten Liebe sucht. Es geht um die Krise des modernen Mannes,  geschrieben mit der Übertreibungskunst Houellebecqs . Ein Buch, so Weidermann, das voll Dunkelheit ist und ihn dennoch lachen ließ.

Habeck findet das Buch „schludrig“ geschrieben. Er stellt die These auf, dass der Protagonist nicht verzweifelt, sondern gelangweilt und übellaunig ist. Insofern heischt Houellebecq nach Effekt. „Viel Lob für schwache Literatur“.

Dorn stimmt zu: das Buch ist stellenweise so grotesk, dass es kaum ernst zu nehmen ist. Der Leser muss sich entscheiden, ob er das Buch gesamt als sarkastisches Werk liest oder als ernstes. Im zweiten Fall irritiert dann zumindest das Frauenbild.

Habeck hat „Das Volk der Bäume“ von Hanya Yanagihara im Gepäck und bescheinigt der US-amerikanischen Schriftstellerin „sprachliche Wucht“ und eine packende Geschichte. Das Buch blickt aus der Perspektive des Arztes Norton Perina zurück auf seine Forschungsexpedition nach Mikronesien in den 50-er Jahren. Perina entdeckt dort eine faszinierende Antwort auf die Möglichkeit menschlicher Unsterblichkeit und steigt am Wissenschaftshimmel auf. Ein weiterer Erzählstrang entwickelt sich, als Perina erkennt, dass er Päderast ist. Der Roman befasst sich u.a. mit der Frage, „wieviel Menschsein wir verlieren“ bei der Beantwortung der letzten Fragen.

Westermann hat das Buch wie „Wirklichkeit“ gelesen und kann es nur „von Herzen weiterempfehlen“.

Dorn gab zu, „kein Fan des Buches“ zu sein, da sie nicht den Eindruck hat, dass das Buch literarisch gelungen ist (manipulativer Rahmenerzähler).

Dorn hat „Effingers“ von Gabriele Tergit aus dem Jahr 1951 für uns gelesen. Tergit, Jüdin, Journalistin und Gerichtsreporterin in Berlin, ging wohlweislich bereits 1933 ins Exil. Der Roman umfasst die Zeit seit der Reichsgründung 1871 bis 1948 und versucht, das Bild jüdischen Lebens detailgenau in Erinnerung zu halten – ein Familienroman, der als die „jüdischen Buddenbrooks“ gelten kann.

Weidermann war beeindruckt, wieviel Neues er erfahren hat, wie präzise Tergit beschreibt und ohne es abschätzig zu meinen, nennen Weidermann und Habeck den Detailreichtum „museal“.

Westermann stellt „Das Licht“ von T.C. Boyle vor. Boyle, der 20 Jahre lang selbst Junkie war, beschreibt in „Das Licht“ eine der ersten Hippie-Kommunen, die aus Experimenten mit Drogen an der Bostoner Uni in den 60-er Jahren hervorging.

Weidermann, Habeck und Dorn waren eher gelangweilt, zumal Boyle den Stoff bereits im 2003 erschienenen „Drop City“ verarbeitet hat und da deutlich „böser und richtig gut“ (Dorn).

Anmerkung vom Schreibtischle: Mir hat die Kombination mit Robert Habeck sehr gut gefallen. Einen Politiker auf diese Art besser kennenzulernen macht Spaß und erweitert das Menschenbild. Habeck ist zurückhaltend und argumentiert klar und knapp. Als lockerer Plauderer erscheint er im Quartett nicht. Vielleicht ist die Rezensentenrolle auch noch ungewohnt. Also lieber Herr Weidermann: gerne Herrn Habeck wieder einmal einladen und allgemein Menschen, die wir aus anderem als dem literarischen Kontext kennen.

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Lernen durch Lesen, Rezension

Gedanken zu „Der Dorfgescheite – Ein Bibliothekarsroman“ von Marjana Gaponenko, C.H. Beck, 2018

Marjana Gaponenko bedient sich für ihren Roman ausgiebig bei „Der Name der Rose“, um ihren Handlungsort, das Stift samt Bibliothek, bereit zu machen für den Auftritt des Protagonisten Ernest Herz.

Herz stolpert hinein in eine eigentümlich mittelalterliche Stiftswelt. Er, der sich seinem bisherigen, lustbetonten Leben entziehen will, indem er sich als Bibliothekar um die Digitalisierung kostbarer Bücher kümmert, begegnet dem kauzigen Personal des Stifts und lässt sich hineinziehen in die geheimen Machenschaften und die Verzweiflung seines durch Selbstmord gestorbenen Vorgängers Mrozek.

Das verspricht Spannung, zumal es zwei Ausgangspunkte für die Unrast von Mrozek und Herz gibt: den verstörend schönen „Lammengel“ Raphael, der in der Likörkneipe „Lamm“ vom dortigen Wirt ängstlich beschützt wird. Zum zweiten entdeckt Herz in seiner Dienstwohnung versteckt, ein wertvolles Buch, das ihn reich machen könnte, dessen Herkunft aber ungeklärt ist.

Gaponenko beschreibt detail- und metaphernreich. Hier eine herrlich spitze Beschreibung des Stiftsprälaten:

„mit (…) einem breiten Mund voller unverwüstlicher Sinnlichkeit, der unterhalb einer leicht eingedrückten Nase saß, ungefähr wie bei einem Ritter, der sein Leben lang ein viel zu enges Visier getragen hatte.“

Die Metaphern sind oft unerwartet und interessant, manches Mal aber auch überbordend und unlogisch:

„Schließlich durfte Herz im dritten Stockwerk des Refektoriums die violett gestreiften und verwegen gelockten Usambaraveilchen auf der leicht verkohlten Fensterbank gießen (…). Draußen plätscherte der Kunstteich in ungetrübtem Gleichmut.“

 „Wenn ich Italienisch spreche, fühle ich mich wie ein Kinderschänder auf dem Spielplatz“.

 „(…) die kleine Glasschale, in deren Inneren ein Klacks Wachs wie ein staubiges Rührei kauerte.“

 „(…) die Schweißspur in seinem butterblumengelben Gesicht, als wäre ihm eine Nacktschnecke die Wange heruntergekrochen (…)“.

 Der Lesefluss wir durch zahlreiche lateinische Einschübe und lange Fußnoten-Übersetzungen unterbrochen sowie durch Mundartdialoge, die eher seltsam klingen:

„sagn S´ma lieber, was ich Ihna bringen derf.“

Man spürt Gaponenkos Lust am Fabulieren und ihre Freude an der Sprachjonglage. Inhaltlich komponiert sie ein riesiges Gemälde mit Figuren, die einem düsteren, mittelalterlichen Traum entstiegen zu sein scheinen.

Sie baut Handlungsräume auf, die neugierig machen: die kriminologische Suche nach dem Eigentümer des Buches, die unbekannten Hintergründe des Mrozek-Selbstmordes, das Geheimnis des Lammengels Raphael und schließlich auch die schwer greifbare Psyche des Ernest Herz.

Jedoch schwindet die anfängliche Spannung. Keines der Themen bekommt Schwung. Die Figuren bleiben ohne Lebenskraft. Sie wirken auf mich wie geschlossene Gefäße in denen ihre Lebensthemen gefangen sind.

Ich habe mich irgendwann gefragt, warum ich Ernest Herz durch die Irrungen und Wirrungen folgen soll. Und inwiefern Ernest Herz ein Dorfgescheiter ist, inwiefern er all das nur träumt während einer Zugfahrt, und welche Rolle seine Einäugigkeit spielt – das mögen die kommenden Leser selbst prüfen.

Herz stellt fest: „Jemand schreibt mich, (…), eine Schreiberhand“.

Ich bin etwas ratlos und frage: was will die Schreiberhand mir sagen?

Euer Schreibtischle wünscht euch leseerlebnisreiche Februartage!

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Rezension

„Töchter“ von Lucy Fricke, Rowohlt Verlag, 8. Auflage 2018

Wir waren die Töchter von Vätern, die erst im Ruhestand die Zeit fanden, mit uns zu reden. Wir erklärten ihnen das Internet und sie uns das Wetter“.

Lakonisch, mit unwiderstehlichem Humor, dabei sich und das Leben reflektierend – das ist die Ich-Erzählerin Betty. Betty ist knapp über 40 Jahre alt, wohnt und lebt als Schriftstellerin in prekären Verhältnissen und müht sich, in ihrer partner- und kinderlosen Lebensmitte nicht zu verzweifeln.

„Ich litt unter dem Verlassenwerden, den abgebrochenen, nicht einmal gewagten Beziehungen, unter der Einsamkeit, unter mir selbst (..).

Martha, Bettys beste Freundin, versucht derweil mit ihrem Mann Henning eine Familie zu gründen. Zu ihrem Vater Kurt, der nie für sie dagewesen war, hat sich mit seiner Krebsdiagnose ein zartes Band entwickelt, das Kurt veranlasst, Martha zu bitten, ihn in die Schweiz zur Sterbehilfe zu fahren.

Martha bittet Betty um Beistand und so machen sich die drei auf zu einem Roadtrip, der dann zwar nicht über Chur führt, aber die kleine Reisegruppe dennoch kräftig durchrüttelt.

Betty lässt Martha und Kurt am Lago Maggiore bei einer früheren Geliebten Kurts zurück und nutzt die Gelegenheit, in Italien nach jenem ihrer „Väter“ zu suchen, den sie am meisten liebte:

„Der einzige Lichtblick in diesem Jammertal der Männer, in das meine Mutter mich gezerrt hatte, war der Posaunist gewesen. Ein spielsüchtiger Italiener, ein Macho von umwerfender Attraktivität, der mich auf seinen Schultern durch die gute Hälfte meiner Kindheit trug und den ich wie verrückt geliebt hatte.“

Kurt versucht sich darin, noch ein bisschen Leben nachzuholen und reist mit Martha zu Betty, deren Suche sie mittlerweile nach Griechenland geführt hat.

„Ständig denkt man an die Zeit zurück in der man jung war. An die Momente, in denen man die falsche Entscheidung getroffen hat, in denen das Leben eine andere Richtung nahm, während man selbst unfähig war, sich zu bewegen.“

Wer selbst Frau zwischen 40 und 50 ist, muss vermutlich mehr als einmal über die fein beobachteten Lebensweisheiten lachen:

„Wir nickten alle drei, und ich hatte Angst, wir würden damit gar nicht mehr aufhören. Dieses Nicken gegen die Sprachlosigkeit. Was ich im Leben schon genickt hatte, wie die Wiedergeburt eines Wackeldackels. Ich gehörte zu der Sorte Mensch, die nickend auf einem Küchenstuhl saß, wenn sie verlassen wurde.“

 Martha versucht unterwegs, das Warten auf Kurts nahen Tod zu verdrängen.

„Die meisten Dinge in ihrem Leben tat sie überhaupt nur, um etwas anderes zu vergessen. Ich kannte niemanden, der so viele abseitige Dinge ausprobiert hatte (..)         Kaum je war sie über den Grundkurs hinausgekommen, ihr ganzes Wesen war am Grundkurs orientiert.“

Bettys Gedanken kreisen immer wieder um Lebensentscheidungen, warum und für wen man sie trifft und welches Ziel man dabei verfolgt.

„Ich sah an meiner eigenen Mutter, wie das Leben zu einer einzigen Rechtfertigung werden konnte. (..) Das Glück als der endgültige Beweis, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. (…) Wenn all das, was man zu wollen meinte, nicht das war, was man brauchte. Wenn die sogenannte Freiheit  sich als ein zielloses Herumirren entpuppte und man selbst zu einem Irrtum wurde.“

Lucy Fricke führt ihre Protagonistinnen sicher zum Ende, das ein klein wenig kitschig ist. Betty und Martha finden auf sehr unterschiedliche Art Antworten auf ihre Leben als Töchter und was das Tochtersein mit ihnen gemacht hat. Das Nachdenken über die eigenen Lebensentscheidungen nimmt Fricke uns damit nicht ab.

Viel Freude beim Lesen wünscht euch das Schreibtischle kurz vor Neujahr.

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Rezension zu „Neujahr“ von Juli Zeh, Luchterhand Verlag 2018

Juli Zehs Protagonist Henning arbeitet ein Kindheitstrauma auf. Er tut das an einem Neujahrsmorgen auf Lanzarote bei einer überstürzt begonnenen Radtour über den Steilhang hinauf nach Femés.

Während er im Takt zu „ Erster-Erster“ tritt, versucht er eine Standortbestimmung seines Lebens. Es geht ihm nicht gut, obwohl im Grund alles prima läuft: zwei gesunde Kinder, eine Ehe, die beide Partner ernst nimmt, ein guter Job. Er jedoch hat das Gefühl, neben sich zu stehen, immer irgendetwas falsch zu machen und er hat seit geraumer Zeit Panikattacken.

Hennings Schwester schnorrt sich derweil durch die Welt, übernachtet immer wieder in Hennings kleiner Arbeitswohnung.

„Wie ein kleines Mädchen erwarte sie ständig, dass alle Welt sich um sie kümmere. Und komme damit auch noch durch!“ (Kommentar von Hennings Frau Teresa)

„Henning hat sich um seine kleine Schwester gekümmert. Sie bildeten eine Einheit, von Anfang an.“

„Von klein auf war Henning daran gewöhnt, alles, was er tat, sagte oder auch nur dachte, als Angriff auf das Glück seiner Mutter zu betrachten.“

Nachdem Henning völlig entkräftet nicht nur in Femés, sondern etliche Höhenmeter darüber hinaus in einem Kunstatelier ankommt, erkennt er, dass er in jenem Haus, in jenem Garten schon einmal war, in den Ferien, als fünfjähriger Junge mit seiner Familie. Die dort lebende Künstlerin zeigt ihm Haus und Garten und an der abgedeckten alten Zisterne endlich, holt ihn die verschüttete Erinnerung ein. Aus der Sicht des Kindes, werden wir Zeuge einiger zutiefst verstörender Tage, denen Henning und seine kleine Schwester Luna ausgesetzt waren. Dieser Teil des Buches arbeitet mit der Vorstellungskraft des Lesers und erzeugt eine fast unerträgliche Anspannung.

„Es dauert nicht lange, bis sie nachkommt, verheult, der kleine Körper noch geschüttelt von verebbenden Schluchzern. Er erträgt es nicht, sie anzuschauen, vor allem die Beule auf ihrer Stirn. Mit ausgestreckten Ärmchen kommt sie auf ihn zu, will ihn umarmen, aber er wehrt sie ab. „Geh weg. Du stinkst.“

Henning gelingt es, durch diese Erinnerung klarer zu sehen, woher seine Ängste und Teile seines Verhaltens kommen und entschließt sich zu einem für ihn wichtigen Schritt. Das sich daraus ergebende Ende des Romans musste ich ein wenig hin und her bedenken, bevor ich einverstanden war.

Hennings schwache Mutter, die hohe Verantwortung, die er für seine kleine Schwester schon früh übernommen hat, die Sorge, seiner Mutter zur Last zu fallen – all das Ingredienzien für eine psychische Überlastung und doch sicherlich kein Einzelfall. Vermutlich hat auch nicht jeder diesen einen Ort an dem sein Lebensthema begann.

Juli Zehs Sprache ist sehr schlicht, fast spröde und es gibt Romansequenzen, deren Rolle im Gesamtblick nicht ganz klar wird- wie z.B. die Schilderung des Silvesteressens im Hotel.

Aber es ist meines Erachtens hohe Kunst, wie Juli Zeh das Schlüsselereignis aus Hennings Kindheit schildert und es schafft, dass ich bei der Lektüre verkrampfte Kiefermuskeln hatte und immer wieder an diesen Roman denke.

Eine weitere Rezension des Romans findet ihr bei Constanze Matthes im Blog „Zeichen und Zeiten“.

Ich wünsche gute Lektüre und gerne Kommentare, wie euch der Roman gefallen hat.

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Wer sagt es schöner – Das Literarische Quartett vom 7. Dezember 2018

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Als Gast, der die Runde schnell dominierte, war der Schauspieler Ulrich Matthes geladen. Wo sonst Thea Dorn mit Eloquenz und Belesenheit das Heft in der Hand hält, kam es diesmal mit Herrn Matthes zu akademischen, wenn auch spielerischen Dialogen, in denen mit Hintergrundwissen doch mehr als notwendig geprahlt wurde. In der Glut der Debatte hörten sich die beiden leider auch am liebsten selbst reden und zwar immer wieder gleichzeitig.

Weidermann wirkte locker, moderierte straff und versuchte sich in einer machtvolleren Moderatorenrolle. Dazu nutzte er auch bisher unbekannte Gestik und Mimik: er rollte mit den Augen, warf sich im Stuhl zurück, fiel sogar ins Hessische angesichts dieser eher undisziplinierten Runde.

  1. Herr Matthes stellte von Hilmar Klute den Roman „Was dann nachher so schön fliegt“ vor. Der junge Protagonist wächst in den 80 er Jahre im Ruhrgebiet auf. Als Zivildienstleistender pflegt er Bewohner eines Altenheims, in seiner zweiten Welt versucht er sich mit Verve im Schreiben von Gedichten. Matthes schätzt die „unglaublichen Dialoge“ sowie die „burleske Komik“, mit der etliche Literaten ihr „Fett weg bekommen“. Am Ende, so Matthes, ist der Roman ein Buch über die „Kraft der Literatur“.
  2. Volker Weidermann warb für Maria Stepanowa und ihren Roman „Nach dem Gedächtnis“. Es handelt sich um eine jüdische Familiengeschichte, die so leise am Rande der Gesellschaft stattfindet, dass sie danach ruft, an die Oberfläche gebracht zu werden.. Matthes bezeichnet das Buch als „leuchtend“ und als Idealfall dessen, was er von einem Buch erwartet: hohe suggestive Kraft, die Fähigkeit, den Leser in die Welt der Protagonisten eintauchen zu lassen und einen Abgleich mit dem Leben des Lesers zu provozieren. Westermann und Dorn empfanden das Werk  „mühsam“ zu lesen, zumal Stepanowa versucht, allen Figuren gerecht zu werden, alle aus dem Verborgenen herauszuheben und so nicht dazu kommt, die Geschichten der einzelnen Figuren wirklich zu Ende zu erzählen.
  3. Christine Westermann versuchte, Lesern den Debütroman „Lempi – das heißt Liebe“ von Minna Rytisalo ans Herz zu legen. Die Liebesgeschichte spielt in den 40-er Jahren in Lappland und dreht sich um Lempi, die eine innige Liebe mit dem Bauernsohn Viljami verbindet. Viljami wird 1943 zum Krieg eingezogen. Als er zurückkommt, ist Lempi verschwunden… Matthes war von dem Buch gelangweilt, weil ihn der „Klang“ der Autorin nicht erreicht hat und fand den Roman „betulich“. Weidermann fand die Liebesgeschichte „säuselnd leicht“, Thea Dorn fragte sich, was die „ganze Übung bringt“.
  4. Zu guter Letzt griff Thea Dorn zu Sebastian Barry und seinen Roman „Tage ohne Ende“. Unwidersprochen das Highlight des Abends, dem Thea Dorn 8 von 4 Punkten gab. Obwohl vom Genre her ein Westernroman, faltet Barry ein „riesiges Panorama über Liebe, Loyalität, Vertreibung, Gutbürger, Homoehe“ etc. auf. Im Rückblick erzählt der Ire Thomas Mc Nulty, sein Leben, nachdem  er vor der Hungersnot 1847 in Irland als 15-jähriger floh. Er und sein Freund John Cole melden sich zum Militär, werden zu Schuldigen im Kampf gegen die Indianer und führen zugleich eine zärtliche Partnerschaft, in die hinein sie sogar ein Indianermädchen adoptieren.  Dem Buch bescheinigen die Mitglieder des Quartetts eine großartige Mischung aus Grausamkeit und Feinheit, bezeichnen es als tollkühnes Buch und große Literatur. Wer mehr wissen möchte: bereits im September erschien eine Rezension im Literaturcafé.

Insgesamt bot das Quartett eine spannende, stellenweise etwas abgehobene Debatte. Zu Beginn einer Buchvorstellung darf sich das Quartett gerne auf die erzählende Zusammenfassung besinnen, die als solche schon neugierig macht und hohe Kunst ist.

Viel Freude bei den Weihnachtsbücher- Wunschzetteln für alle Blogleser und festliche, fröhliche Tage!

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Rezension „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin

Mit über 70 Jahren hat Natascha Wodin während eines Arbeitssommers in Mecklenburg unerwarteten  Zugang zu ihrer Familiengeschichte gefunden. Sie gräbt immer tiefer, begleitet von erstaunlichen Zufällen, bis sie sogar an das Tagebuch ihrer Tante Lidia gerät, der älteren Schwester ihrer Mutter. Nach und nach entfaltet sich so die Lebensgeschichte ihrer Mutter, die in Mariupol in der Ukraine in wohlhabenden Verhältnissen zur Welt kam und sich mit 36 Jahren das Leben nahm.

Die Aufarbeitung der Herkunft, das Entwickeln eines Verständnisses  von Heimat und Zugehörigkeit,  die Annäherung an die einzelnen Familienmitglieder mit ihren Geschichten und schließlich die Rekonstrukton des Lebens der Mutter– all das gelingt nur vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund und bezieht daraus auch seine Aktualität.

Wodins Mutter gerät, kaum ein paar Jahre nach ihrer Geburt in die Wirren der 30-er bis 50-er Jahre. Erschüttert durch die Säuberungswellen der Stalinära in den 30-er Jahren mit millionenfachen Deportationen in Gulags und Zwangskollektivierungen, die zu einer verheerenden Hungersnot 1932/33 führten, wird die Ukraine zu einem der Hauptschauplätze des zweiten Weltkrieges, in dessen Verlauf um die 7 Millionen Ukrainer umkamen.

Die deutschen Besatzer in der Ukraine verstehen die Bevölkerung dort als Untermenschen und Arbeitsmaterial. Über zwei Millionen Ukrainer wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, wo sie unter erbärmlichsten Bedingungen für die deutsche Industrie tätig waren. Unter ihnen waren auch Wodins Mutter und Vater.

„Besonders beliebt sind leistungsfähige junge Leute – ganze Güterzüge, vollgestopft mit ukrainischen Teenagern, rollen täglich ins Deutsche Reich.“ (S. 250)

„Mein (Anm.: Wodins) Leben hatte in einem Arbeitslager des  Flick-Konzerns begonnen, in der finalen Phase des zweiten Weltkrieges.“ (S. 281)

Mit Kriegsende bessert sich die Situation nur wenig. Die kleine Familie bleibt in Deutschland, findet hier aber weder Heimat noch Glück.

Wodins Schilderungen orientieren sich an den ihr zur Verfügung stehenden Dokumenten. Sie sind nie reißerisch, sondern vollziehen das Leben von Mutter und Tante so nach, dass der Leser sich in das für uns heute fast unvorstellbare Leid hineinversetzen kann.

„Von diesem Moment an hörte sie (Anm.: die Mutter) ganz auf zu sprechen. Ich bitte sie, ich flehe sie an, ich rüttle an ihr, aber sie sagt nichts mehr. Sie sitzt wieder da mit ihrem erstarrten, abwesenden Blick, der nichts von dem verrät, was sie irgendwo in einer anderen Wirklichkeit sieht.“ (S. 353)

Es wird überdeutlich, wie  wenig  Anspruch wir auf ein gelingendes, zufriedenes, sattes Leben haben und wie unerträglich und zerstörerisch Diktaturen, Krieg, Hunger, Leid, Heimweh und  Erniedrigung sein können.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Rowohlt Taschenbuch, September 2018, 360 Seiten

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