Literarisches Quartett, Literaturkritik, Rezension

Literarisches Quartett vom 14. Juni 2019

Der Gast im Quartett war diesmal Joachim Meyerhoff. Der Schriftsteller und Theaterschauspieler war eine erfrischende Bereicherung – sowohl was kluge Kritik als auch Begeisterungsfähigkeit, Eloquenz und Witz betrifft. Es gab also diesmal zu Lachen – wie schön.

Volker Weidermann stellte „Die Nickel Boys“ von Colson Whitehead vor: im Florida der 60er Jahre wächst der Martin Luther King Bewunderer Elwood bei seiner Großmutter auf. Es ist, so Weidermann, eine „Geschichte der Vernichtung eines jungen Schwarzen“. Thea Dorn ergänzte: „es geht um einen Mensch, der an Güte glaubt und systematisch kaputt gemacht wird. Das Gute in der Welt hat keine Chance.“ Joachim Meyerhoff findet die schönen Worte: „wenn das Helle im Geist auf die rohe Gewalt trifft…“ Er hat den Eindruck, dass mit solchen Romanen Literatur über szenische Darstellung hinauswächst, da sie in der Lage ist, über das Sichtbare hinauszugehen und in der Fantasie neue Bilder entstehen zu lassen. Für Meyerhoff war es eine im positiven Sinne schmerzliche Leseerfahrung.

Jochen Schmidts „Ein Auftrag für Otto Kwant“ wird von J. Meyerhoff besprochen. Es handelt sich um einen jungen Architekt, den es zusammen mit einem Stararchitekten nach Urfustan verschlägt. Es ist eine „übervolle und todkomische Geschichte“, wie der, der die Welt schöner machen möchte, in absurden Aufträgen und Umständen landet und von der Welt überfordert ist. Der „Unsinn hat eine menschliche Dimension und macht süchtig“. Thea Dorn fand für sich nicht heraus, was Schmidt ihr mit diesem Buch sagen möchte. Ihr kommt mit diesem Buch einmal mehr das Genre der „schluffigen Männer Mitte Dreißig“ unter, die, „frühvergreist sind und heim zu Mutti möchten“. Christine Westermann hat sich mit dem architektonischen Detaiswissen nicht anfreunden können und Volker Weidermann glättete die Wogen mit dem Satz: „Das ist ein junger Mann, der in den Bilder der Kindheit gefesselt ist“.

Zazie in der Metro“ von Raymond Queneau ist bereits 1959 erschienen und liegt nun in neuer deutscher Übersetzung von Frank Heibert vor. Thea Dorn bestätigt, wie schwer der französische Sprachwitz dieses deftigen Parisromans zu übersetzen ist und wie gut das in diesem Fall gelungen ist. Herausgekommen ist eine brilliant Übersetzung, eine junge, freche Sprache und somit ein „riesiges Lesevergnügen“. Inhaltlich geht es, so Dorn, darum, „seiner Wahrnehmung zu misstrauen“. Zazie schafft es mittels ihrer fantastischen Wortakrobatik, Menschen aus ihren Wahrnehumgungsnischen zu befreien. Das Buch gefällt dem ganzen Quartett.

Christine Westermann stellt „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky vor. Die Familiengeschichte thematisiert das Migrantenschicksal einer Großmutter und ihres Enkels, die aus der Sowjetunion nach Deutschland umgesiedelt sind. Die Großmutter hasst Ausländer, ist rabiat und peinlich. Für J. Meyerhoff ist das Buch in der Konstruktion stecken geblieben, die Figuren erfahren kaum Entwicklung und „bleiben alle, was sie sind“. Volker Weidermann empfand als eigentliche Tragik und Kernaussage des Romans eben diese Nichtentwicklung des Enkels Maxim. Thea Dorn weist auch auf die fehlenden Gegenspieler der Großmutter hin. Sie hätte dieser gerne die „Zazie in der Metro“ vorbeigeschickt mit ihrem frechen Mundwerk.

Euch allen eine schöne Juni-Lesezeit. Das nächste literarische Quartett gibt es dann am 9. August 2019.

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Literarisches Quartett vom 12. April 2019

Moderation: Volker Weidermann (Der Spiegel- Literaturkritiker)
Gast: Sandra Kegel (FAZ-Literaturkritikerin)
sowie Christine Westermann (Radio-und Fernsehmoderation) und Thea Dorn (Schriftstellerin und Literaturkritikerin)

 

Das Quartett am 12. April war meines Erachtens spannend und kontrovers. Es behandelte Bücher, die sich der eindeutigen Zustimmung oder Ablehnung verwehren und verschiedene Lesarten zulassen.

Thea Dorn stellt „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling vor. Die Protagonistin lebt im Prenzlauer Berg und lässt in einem Buch „Dampf“ ab über das verlogene Milieu und seine Gesellschaft. Dieses Buch nimmt ihr ihre Prenzlberg-Freunde und letztlich sogar die Wohnung, die sie mit ihrer Familie bewohnt. Dorn bescheinigt dem Buch ein „hohes Jammer- und Selbstmitleidsniveau“, das sie ratlos macht. Sandra Kegel findet das Buch „fein gearbeitet“ und empfehlenswert zu lesen. Weidermann kann nur „behauptete Wut“ feststellen und das bei „öder Sprache“. Das Buch, so Weidermann ist langweilig und voller Platituden.

Scheinbar liegt hier ein Zeitgeist-Roman vor, der den Trend des Berlin-Bashings, der Wohnraumnot und Wutbürger aufgreift, ohne reflektiert neue Impulse für den Leser zu setzen. Ich wäre interessiert an Rezensionen von euch.

Christine Westermann stellt „Herkunft“ von Saša Stanišič vor. Der Schriftsteller Stanišič, Jahrgang 1978, wurde in Bosnien geboren und floh mit seinen Eltern 1992 vor dem Bosnienkrieg nach Heidelberg. In „Herkunft“ erzählt er über das „Ankommen und Zurechtkommen (..)“ und vom Heimisch-werden. Das Buch, so Weidermann, ist ein „schönes zeitgenössisches Buch mit vielen anrührenden Bildern und dennoch ein politisches Buch.“ Thea Dorn sieht neben der „großartigen poetischen Dimension“ auch politisches Polemisieren, mit dem sie sich unwohl fühlt. Laut Sandra Kegel geht es um „Heimaten“ und die Frage „Wo komme ich her“. Das Buch kann der jüngeren Generation ihrer Meinung nach ans Herz gelegt werden.

Sandra Kegel stellt César Aira, einen bei uns wenig bekannten argentinischen Autor, mit seinem Kurzprosaband „Was habe ich gelacht“ vor. Es handelt sich um eine „Literatur der Beiläufigkeit“, um „filigrane Schöpfungen der Fantasie“. Das Buch „glitzert, perlt, entzieht sich- wie Quecksilber. Ein aufregendes und spannendes Leseerlebnis“. Laut Thea Dorn „sitzt da einer und erzählt“, sprachlich sehr präzise. Sie fragt sich, wem sie dieses Buch empfehlen könnte und ob wir heute noch die Muße für solch eine „Preziose“ der Literatur haben. Volker Weidermann liebt diese Art der Literatur: dicht erzählt mit mehreren Hintertürchen. Sandra Kegel überzeugt Christine Westermann, das Buch nochmal zu lesen: „Das Buch beginnt, wo es endet“.

Volker Weidermann befasst sich mit „Monster“ von Yishai Sarid. Der Protagonist ist ein mittelmäßiger Historiker der Jetztzeit, der eine Stelle antritt, in der er sich mit dem Holocaust befassen muss und somit auch mit der Macht der Erinnerungen. Es geht um die Frage, was Erinnerung bedeutet und wie Erinnerung zum Monster werden kann. Das Buch wirft unbequeme Fragen auf und rüttelt an vermeintlichen Gewissheiten. Sandra Kegel unterscheidet Erinnerungen, die einen angreifen und krank machen und andererseits das Erinnerungsbusiness mit seiner Verwertungskette aus Fördergeldern, Kongressen, ja sogar Computerspielen. Thea Dorn war nach der Lektüre geradezu verzweifelt durch die Erkenntnis, dass die dt. Erinnerungskultur (schon das Wort „Kultur“ ist hier ihrer Meinung nach falsch) nichts mit den Erinnerungen der Opfer zu tun hat und auch nicht mit den Wirkungen des Erinnerns auf Körper und Geist. Welche Schlüsse ziehen die Opfer aus dem Erinnern? Spätestens bei deren Täteridentifikation wächst die Beklommenheit der Leser. Weidermann rät, die aufkommende Beklommenheit zu formulieren, das Buch zum Anlass zu nehmen, Rituale aufzubrechen.

Euch allen wünscht das Schreibtischle schöne Ostern und gemütliche Lesestunden!

P.S. : Nächstes Literarisches Quartett: 14. Juni 2019; Gast ist der Schriftsteller Joachim Meyerhoff

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Das Literarische Quartett vom 1. März 2019

Gast: Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen und freier Autor, der mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Andrea Paluch mehrere Bücher veröffentlichte.

Weidermann stellt „Serotonin“ von Michel Houellebecq vor. Der Protagonist ist ein verzweifelter Mann, der sich müht, „es in der Welt auszuhalten“ und nach der perfekten Liebe sucht. Es geht um die Krise des modernen Mannes,  geschrieben mit der Übertreibungskunst Houellebecqs . Ein Buch, so Weidermann, das voll Dunkelheit ist und ihn dennoch lachen ließ.

Habeck findet das Buch „schludrig“ geschrieben. Er stellt die These auf, dass der Protagonist nicht verzweifelt, sondern gelangweilt und übellaunig ist. Insofern heischt Houellebecq nach Effekt. „Viel Lob für schwache Literatur“.

Dorn stimmt zu: das Buch ist stellenweise so grotesk, dass es kaum ernst zu nehmen ist. Der Leser muss sich entscheiden, ob er das Buch gesamt als sarkastisches Werk liest oder als ernstes. Im zweiten Fall irritiert dann zumindest das Frauenbild.

Habeck hat „Das Volk der Bäume“ von Hanya Yanagihara im Gepäck und bescheinigt der US-amerikanischen Schriftstellerin „sprachliche Wucht“ und eine packende Geschichte. Das Buch blickt aus der Perspektive des Arztes Norton Perina zurück auf seine Forschungsexpedition nach Mikronesien in den 50-er Jahren. Perina entdeckt dort eine faszinierende Antwort auf die Möglichkeit menschlicher Unsterblichkeit und steigt am Wissenschaftshimmel auf. Ein weiterer Erzählstrang entwickelt sich, als Perina erkennt, dass er Päderast ist. Der Roman befasst sich u.a. mit der Frage, „wieviel Menschsein wir verlieren“ bei der Beantwortung der letzten Fragen.

Westermann hat das Buch wie „Wirklichkeit“ gelesen und kann es nur „von Herzen weiterempfehlen“.

Dorn gab zu, „kein Fan des Buches“ zu sein, da sie nicht den Eindruck hat, dass das Buch literarisch gelungen ist (manipulativer Rahmenerzähler).

Dorn hat „Effingers“ von Gabriele Tergit aus dem Jahr 1951 für uns gelesen. Tergit, Jüdin, Journalistin und Gerichtsreporterin in Berlin, ging wohlweislich bereits 1933 ins Exil. Der Roman umfasst die Zeit seit der Reichsgründung 1871 bis 1948 und versucht, das Bild jüdischen Lebens detailgenau in Erinnerung zu halten – ein Familienroman, der als die „jüdischen Buddenbrooks“ gelten kann.

Weidermann war beeindruckt, wieviel Neues er erfahren hat, wie präzise Tergit beschreibt und ohne es abschätzig zu meinen, nennen Weidermann und Habeck den Detailreichtum „museal“.

Westermann stellt „Das Licht“ von T.C. Boyle vor. Boyle, der 20 Jahre lang selbst Junkie war, beschreibt in „Das Licht“ eine der ersten Hippie-Kommunen, die aus Experimenten mit Drogen an der Bostoner Uni in den 60-er Jahren hervorging.

Weidermann, Habeck und Dorn waren eher gelangweilt, zumal Boyle den Stoff bereits im 2003 erschienenen „Drop City“ verarbeitet hat und da deutlich „böser und richtig gut“ (Dorn).

Anmerkung vom Schreibtischle: Mir hat die Kombination mit Robert Habeck sehr gut gefallen. Einen Politiker auf diese Art besser kennenzulernen macht Spaß und erweitert das Menschenbild. Habeck ist zurückhaltend und argumentiert klar und knapp. Als lockerer Plauderer erscheint er im Quartett nicht. Vielleicht ist die Rezensentenrolle auch noch ungewohnt. Also lieber Herr Weidermann: gerne Herrn Habeck wieder einmal einladen und allgemein Menschen, die wir aus anderem als dem literarischen Kontext kennen.

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Wer sagt es schöner – Das Literarische Quartett vom 7. Dezember 2018

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Als Gast, der die Runde schnell dominierte, war der Schauspieler Ulrich Matthes geladen. Wo sonst Thea Dorn mit Eloquenz und Belesenheit das Heft in der Hand hält, kam es diesmal mit Herrn Matthes zu akademischen, wenn auch spielerischen Dialogen, in denen mit Hintergrundwissen doch mehr als notwendig geprahlt wurde. In der Glut der Debatte hörten sich die beiden leider auch am liebsten selbst reden und zwar immer wieder gleichzeitig.

Weidermann wirkte locker, moderierte straff und versuchte sich in einer machtvolleren Moderatorenrolle. Dazu nutzte er auch bisher unbekannte Gestik und Mimik: er rollte mit den Augen, warf sich im Stuhl zurück, fiel sogar ins Hessische angesichts dieser eher undisziplinierten Runde.

  1. Herr Matthes stellte von Hilmar Klute den Roman „Was dann nachher so schön fliegt“ vor. Der junge Protagonist wächst in den 80 er Jahre im Ruhrgebiet auf. Als Zivildienstleistender pflegt er Bewohner eines Altenheims, in seiner zweiten Welt versucht er sich mit Verve im Schreiben von Gedichten. Matthes schätzt die „unglaublichen Dialoge“ sowie die „burleske Komik“, mit der etliche Literaten ihr „Fett weg bekommen“. Am Ende, so Matthes, ist der Roman ein Buch über die „Kraft der Literatur“.
  2. Volker Weidermann warb für Maria Stepanowa und ihren Roman „Nach dem Gedächtnis“. Es handelt sich um eine jüdische Familiengeschichte, die so leise am Rande der Gesellschaft stattfindet, dass sie danach ruft, an die Oberfläche gebracht zu werden.. Matthes bezeichnet das Buch als „leuchtend“ und als Idealfall dessen, was er von einem Buch erwartet: hohe suggestive Kraft, die Fähigkeit, den Leser in die Welt der Protagonisten eintauchen zu lassen und einen Abgleich mit dem Leben des Lesers zu provozieren. Westermann und Dorn empfanden das Werk  „mühsam“ zu lesen, zumal Stepanowa versucht, allen Figuren gerecht zu werden, alle aus dem Verborgenen herauszuheben und so nicht dazu kommt, die Geschichten der einzelnen Figuren wirklich zu Ende zu erzählen.
  3. Christine Westermann versuchte, Lesern den Debütroman „Lempi – das heißt Liebe“ von Minna Rytisalo ans Herz zu legen. Die Liebesgeschichte spielt in den 40-er Jahren in Lappland und dreht sich um Lempi, die eine innige Liebe mit dem Bauernsohn Viljami verbindet. Viljami wird 1943 zum Krieg eingezogen. Als er zurückkommt, ist Lempi verschwunden… Matthes war von dem Buch gelangweilt, weil ihn der „Klang“ der Autorin nicht erreicht hat und fand den Roman „betulich“. Weidermann fand die Liebesgeschichte „säuselnd leicht“, Thea Dorn fragte sich, was die „ganze Übung bringt“.
  4. Zu guter Letzt griff Thea Dorn zu Sebastian Barry und seinen Roman „Tage ohne Ende“. Unwidersprochen das Highlight des Abends, dem Thea Dorn 8 von 4 Punkten gab. Obwohl vom Genre her ein Westernroman, faltet Barry ein „riesiges Panorama über Liebe, Loyalität, Vertreibung, Gutbürger, Homoehe“ etc. auf. Im Rückblick erzählt der Ire Thomas Mc Nulty, sein Leben, nachdem  er vor der Hungersnot 1847 in Irland als 15-jähriger floh. Er und sein Freund John Cole melden sich zum Militär, werden zu Schuldigen im Kampf gegen die Indianer und führen zugleich eine zärtliche Partnerschaft, in die hinein sie sogar ein Indianermädchen adoptieren.  Dem Buch bescheinigen die Mitglieder des Quartetts eine großartige Mischung aus Grausamkeit und Feinheit, bezeichnen es als tollkühnes Buch und große Literatur. Wer mehr wissen möchte: bereits im September erschien eine Rezension im Literaturcafé.

Insgesamt bot das Quartett eine spannende, stellenweise etwas abgehobene Debatte. Zu Beginn einer Buchvorstellung darf sich das Quartett gerne auf die erzählende Zusammenfassung besinnen, die als solche schon neugierig macht und hohe Kunst ist.

Viel Freude bei den Weihnachtsbücher- Wunschzetteln für alle Blogleser und festliche, fröhliche Tage!

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Das literarische Quartett vom 12.10.2018 – von der Frankfurter Buchmesse

Gast: Denis Scheck – bekannt aus der Sendung Druckfrisch in der ARD

Das Quartett hat ganze Arbeit geleistet: Vier Bücher mit insgesamt ca 3000 Seiten wurden gelesen und dazu gabs eine sehr fruchtbare Diskussion. Denis Scheck und Thea Dorn sind im Quartett das kongeniale Duo – sprachlich und intellektuell auf Augenhöhe, streitbar und nie langweilig.

Thea Dorn stellt Karen Duves historischen Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer vor, in dem die unglückliche Liebe der brillanten jungen Annette von Droste-Hülshoff und deren Scheitern an den Strukturen behandelt wird. Mit enormer Recherchearbeit hat Duve es geschafft, einen Roman, „zart und sarkastisch“ zu schreiben und zeigt dabei ein „gutes Gespür für die himmelschreienden Geschlechterrollen. Den Leser holt sie durch pfiffige Sprachdetails in die Gegenwart und schafft wunderbare Sommer-Atmosphären. Alle waren sich einig: ein toller Roman.

Christine Westermann legt uns Powers Die Wurzeln des Lebens ans Herz, in dem die Helden die  Bäume sind, ohne die der Mensch nicht bestehen kann. Das Buch ist, so Westermann, voller Pathos, der sie berührt hat. Obwohl das Buch für den Man Booker Preis nominiert ist, meint Denis Scheck: „Wegen mir hätte für dieses Buch kein Baum sterben müssen“. Powers habe zwar eine starke Botschaft aber Scheck hält es für  intellektuell unredlich, ein Buch derart mit politischer Propaganda zu überfrachten. Thea Dorn stimmt dem zu. Es fällt das Wort „Kitsch“. Weidermann dagegen war von dem Buch begeistert, und attestiert Powers große Romankunst.

Volker Weidermann führt ein in Stephan Thomes Gott der Barbaren, der den Taiping-Aufstand Mitte des 19. Jahrhunderts in China behandelt. „Hochgerüstete moralische Kräfte aus dem Westen (Briten) treffen auf die Chinesen, was in einer furchtbaren Katastrophe endet“. Er war von diesem Roman beeindruckt. Westermann fand das Buch kraftlos und freudlos erzählt. Denis Scheck bescheinigt Thome große „intellektuelle Flughöhe“ und hält es für eines der „seltenen Bücher, die einen reich belohnen“. Thea Dorn fühlt sich bereichert, fragt aber, ob das Buch als Roman geglückt ist, da die einzige erfundene Figur des Romans nicht gelungen scheint.

Denis Scheck stellt David Foster Wallace Der Spaß an der Sache vor. Von dieser Essaysammlung sagt Scheck, es handle sich nicht um ein Buch, „sondern um ein Lebensmittel“. Wallace habe „unglaubliche Benennungsfähigkeit“ und analytische Kraft, mit der er die amerikanische Gesellschaft wunderbar entlarve. Dorn bestätigt, dass Wallace´ eingebaute Zweifel an den eigenen Wahrnehmungen die Beobachtungsgabe des Lesers schärfen. Scheck nennt Wallace ein „Wahrnehmungsmonster“, dem man gebannt bei seinen Denkbewegungen folgt.“

Insgesamt also vier sehr spannende Bücher, von denen das eine oder andere trotz oder gerade wegen seines Volumens geeignet für bereichernde Herbst- und Winterlesestunden scheint.

Viel Spaß wünscht euch das

Schreibtischle

 

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Das Literarische Quartett am 13.10.2017- diesmal von der Frankfurter Buchmesse

Diesmal zu Gast: Johannes Willms, Publizist und Miterfinder des Literarischen Quartetts (1988). Willms war bis 2000 Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung und danach deren Auslandskorrespondent in Paris. Nachdem das diesjährige Gastland der Buchmesse Frankreich war, stellte er den ersten Titel vor: „Die Jahre“ von Annie Ernaux, ein Entwicklungsroman und , so Willms wenig enthusiastisches Resümee: „sehr spannende Lektüre“.

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