Allgemein, Lernen durch Lesen, Rezension

Das Feld von Robert Seethaler

Seethalers Geschichtenroman lässt uns winzige Einblicke in vergangenes Leben nehmen. Die Protagonisten sind tot, sprechen aus dem Grab heraus und erzählen von einem Moment, einer Erfahrung, einer Erinnerung, die ihnen wichtig ist, die ihrem Leben eine bestimmt Tönung gegeben hat. Sie alle waren Bewohner des Ortes Paulstadt und auf diese eigentümlich kleinstädtische Art vernetzt, die nicht wirklich trägt, aber dennoch für Bindung sorgt.

Seethaler sucht sich aus der möglichen Vielfalt biographischer Erinnerung eine Essenz heraus: eine Geste, einen Geruch, eine Entscheidung. Er schreibt sich berührend und doch  schnörkellos in die Gefühls- und Seinslagen der Protagonisten.

„Fünfzig Jahre später hieltest du immer noch meine Hand. Es kam mir vor, als hättest du sie nie losgelassen, und das sagte ich dir auch. Du lachtest und meintest, das stimmt, hab ich auch nicht!“ (aus: Hanna Heim)

Und wie wunderbar Seethaler mit wenigen Worten Atmosphären schafft. Er hat seine Bilder geborgen und sorgsam bearbeitet, damit ihr innerster Kern nicht verloren geht und beim Leser eigene Bilder erzeugen kann.

„Ich bin winzig klein und sitze auf dem Boden hinter einem Vorhang. Irgendwo steht ein Fenster offen, der Vorhang bewegt sich, durch den Stoff flimmert Sonnenlicht. Dann wird er weggezogen und meine Mutter steht da und weint. Vielleicht lacht sie auch, in meiner Erinnerung macht das keinen Unterschied. Sie hebt mich hoch. Ihre Haare riechen nach Küche und Sonntagmorgen. Sie sind lang und blond und ich habe das Gefühl, als könnten sie meinen ganzen Körper bedecken, als könnte ich in Mamas Haaren verschwinden.“ (aus: Gerd Ingerland)

Wie roch mein eigener Sonntagmorgen?

Mancher Protagonist resümiert, sieht, wie es war und was ihm fehlte, mancher bereut und zweifelt.

„Ich erinnere mich an die vielen Hände, die ich gedrückt und an die wenigen, die mich gehalten haben. (…) Ja, ich habe bestochen, falsche Versprechungen und wahrscheinlich einen ganzen Haufen unehelicher Kinder gemacht, ich habe gelogen und betrogen, ich war schlimm, ich war böse, ich war falsch und gemein. Zusammenfassend lässt sich sagen: Freunde, ich war einer von euch!“ (aus Heiner Joseph Landmann)

„Ich wollte dir ins  Gesicht schreien „Ich bin ein Kind und ich will immer ein Kind bleiben. Ich will dein Kind bleiben!“ Ich habe nicht geschrien. Ich habe es für dich getan. Hat es gereicht? Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich hätte genauer hingesehen. Ich wünscht, ich hätte weniger genau hingesehen. Ich wünschte, du könntest stolz auf mich sein. Sei mir nicht böse.“ (aus: Hannes Dixon)

Nicht jede der Geschichten wird jeden Leser berühren. Das kann auch nicht anders sein, denn je nach eigenem Erfahrungs- und Erinnerungshorizont liegen einem die Grabgedanken mal näher, mal ferner.

Aber haften bleiben wird etwas- einer dieser schlanken, ehrlichen Sätze oder es erhascht einen ein Gedanke beim Lesen, den man nicht mehr missen möchte.

Robert Seethaler: Das Feld, Hanser Verlag, 3. Auflage 2018

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Zsuzsa Bánk „Schlafen werden wir später“

Es war eine Weile sehr still in diesem Blog und das Schreibtischle war verwaist. Dabei liegen viele verfolgenswerte Gedanken und eine angefangene Geschichte darauf.

Abgehalten vom Schreiben und Bloggen haben mich fiese Schmerzen nicht ganz geklärter Herkunft in Beinen und Rücken, die meine Nerven gleich mit angegriffen haben, weil ich es nicht gewohnt bin, nicht in Bewegung zu sein.

Abgehalten hat mich aber auch ein wenig die Lektüre von Zsuzsa Bánks „Schlafen werden wir später“. Man kann ganz verzagt werden angesichts ihres handwerklichen Könnens, des durchdachten Aufbaus, der unaufgeregten lyrischen Sprache, des schönen Sujets. Ich lese und lese, verfolge diese Leben, möchte nicht, dass ich aus dem Kosmos dieses Briefromans verstoßen werde- aber das Leseende ist nah.

Ich wünsche mir, in der Lage zu sein, ebenfalls solche dichten, lebensechten Figuren erschaffen zu können. Ich wünsche mir, es wie Bánks zu verstehen, den Erzählstrom so kunstvoll mit dem kritischen Blick auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit zu verflechten. Sie schildert eindrücklich die Beziehungen der Protagonistinnen zu Beruf und Familie, zu Partnerschaft und Natur, zeigt sie in ihren Verantwortungen, ihren Träumen und Wirklichkeiten. Anhand wohl gewählter kleiner Alltagssituationen lässt sie den Leser erleben, woran sich die Protagonistinnen aufreiben, was in ihnen arbeitet und werden will, wo sie sich verrennen und wie sie mit sich ringen. So klarsichtig ist das, so unaufgeregt und ungestelzt, dass man neben der Nähe zu den Figuren auch eine barmherzigere Sicht auf sich selbst bekommt. Und ja, es gibt reichlich Emotionen, Selbstzweifel, Selbstmitleid, Neid, Liebe, Wut- das könnte kitschig sein wie ein typischer Frauenroman, ist es aber dank der klugen Reflektiertheit der Autorin und des Tiefgangs der Protagonistinnen nicht.

Was mich zudem für das Buch einnimmt, sind die interessanten Lebenswelten, in die man als Leser sozusagen probehalber eintauchen darf. Sie sind ehrlich, detailreich und nachempfindbar beschrieben und die Leserin darf sie Stück für Stück erforschen: das Literaturarchiv in Marbach, ungarische Familienkultur, die Wohn- und Wirkstätten der Annette Droste-Hülshoff, ein Schriftstellerdasein, eine zerbrechliche Künstlerehe, Geldnot, die dunkle Kraft der Trauer, Schulsysteme und Kinder in Not – so kunstvoll gestrickt ist dieses Romannetz, dass es mich völlig absorbiert.

Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk sucht und sich nicht scheut, ein etwas dickeres Buch zu verschenken, wer eine Freundin, Schwester, Tochter, Mutter hat, die schöne, ja manchmal auch etwas überbordend lyrische Sprache schätzt und zwischen 40 und sagen wir 60 ist, dann ist das Buch eine Empfehlung.

copyright S. Fischer VerlagZsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt am Main 2017, 688 S., geb., 24,- Euro.

Zsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt am Main 2017, 688 S., geb., 24,- Euro.

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Rezension zu „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ von Bodo Kirchhoff

Kirchhoff hatte das Büchlein im März 2017 im Stuttgarter Literaturhaus mit Augenzwinkern angekündigt. Dessen Niederschrift wäre, so sagte er, eines der wenigen Male gewesen, wo Schreiben Spaß macht.

Geschrieben hat er es, nachdem ihn mitten hinein in die Leere nach Beendigung seiner Novelle „Widerfahrnis“ eine Einladung als Gastkünstler auf einer Karibikkreuzfahrt erreichte. Als er die Antwort formulierte, wurde klar, dass die Welten des „Sprachlieferanten“ und die des Kreuzfahrt-Amüsierbetriebes absurd weit auseinanderliegen und es lohnend sein könnte, sich diesen Graben etwas genauer anzuschauen.

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Lernen durch Lesen, Literaturkritik, Rezension

Frisch gelesen: „I´m supposed to protect you from all this” von Nadja Spiegelman

Die deutsche Version war noch nicht verfügbar und meine Erinnerung sagte mir, dass ich Paul Austers „Winter Journal“ 2013 in der Originalsprache mit Begeisterung gelesen hatte. Also habe ich mich getraut und Spiegelmans Memoir in der amerikanischen Version gekauft. Es sei vorweg gesagt: es ließ sich sehr gut lesen und hat mich fasziniert. Warum das? Weiterlesen

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Eindrücke vom Literarischen Quartett, Freitag, 11.August 2017, ZDF

Gast war dieses Mal Ijoma Mangold, Literaturchef der ZEIT – ein geschickt gewählter Zeitpunkt, um seine, am 18. August bei Rowohlt erscheinende Biografie „Das deutsche Krokodil“ zu promoten.

Und Mangold begann die Runde auch gleich mit „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes, die im Jahr 2002 durch „Baise-moi – Fick-mich“ Aufsehen erregte. Weiterlesen

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Gedanken zum Roman „Heim schwimmen“ von Deborah Levy

Deborah Levy war mit diesem Roman 2012 auf der Shortlist für den Man Booker Prize.

Vielversprechend lockte mich die Skizzierung des Settings und der Figuren: hitzeflirrende Tage in einer Ferienvilla in Südfrankreich- ein in Naturstein gehauener Pool, zwei Ehepaare – darunter die Jacobs mit pubertierender Tochter Nina- , der ständig bekiffte junge Hausmeister Jürgen, die ältere Engländerin Madeleine Sheridan, die das Treiben in der Villa vom Nachbarhaus aus beobachtet und last but not least die sich einschleichende neurotische Kitty Finch.

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„Reisen“ – Kurzgeschichten*

Endlich ist auch im Süden Deutschlands Sommerferienzeit und damit geht’s ans Reisen.

Sechs Autoren hat Rafik Schami versammelt – ganz gezielt nicht zu einer Anthologie, sondern für ein Themenbüchlein und eine Liebeserklärung an die Kurzgeschichte.

Das Thema „Reisen“ dieses ersten Bandes hat sich Franz Hohler  ausgesucht  und  alle sechs haben daraufhin ihre „poetischen Stimmen“ erhoben. Herausgekommen ist eine phantastische Reise durch Länder und Leben und durch die Möglichkeiten der Kurzgeschichte.

Das bibliophile Bändchen eignet sich ausgezeichnet dafür, sich inspirieren zu lassen und den Gedanken bei einer kleinen Träumerei im Liegestuhl, beim Blick aufs Meer oder in den Himmel, bei einer Tasse Tee oder einem Sonnenuntergang nachzuhängen.

So unterschiedlich die Autoren, so unterschiedlich die Reisen. Da gibt es von Franz Hohler die ältere Dame, die auf wundersame Weise doch noch zu ihrer Hochzeitsreise nach Rom kommt.  Da erzählt Root Leeb fünf Geschichten über Frauen, die in unterschiedliche Richtungen reisen: nach links, nach rechts,  nach unten,  oben und nach innen.

Monika Helfer schenkt  sechs beeindruckende Kurzgeschichten, Reisen in die Welt  zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Tun und schreibt uns scharf beobachtete Seelenzustände unter die Haut.

Von Michael Köhlmeier lesen wir  die „Lange Nacht heim“ , eine kafkaeske Reise auf der Suche nach Hilfe.  Natasa Dragnic schreibt in „Sand in den Augen“ von der Kraft der Zuwendung und  von der  berührende Suche nach Erlösung in „Das Meer aus Sand“. Last but not least erzählt Rafik Schami „Wie Herr Moritz die Welt bereiste“- ein liebevolles Plädoyer für das Zuhören und  Reisen im Kopf.

Jede Geschichte regt an, unsere Weltsicht aufzuweiten, in andere Köpfe, andere Lebensräume zu reisen, Bilder im eigenen Kopf aus anderer  Perspektive zu betrachten und sich heranzutasten an Lebenszu- und umstände, denen wir so vielleicht noch nicht begegnet sind.

Es sind also im besten Sinne Reiseerfahrungen. Sie lassen uns einen Schritt zurücktreten und mit Aufmerksamkeit und Intensität hinsehen. Und wie bei jeder Reise ist es schön, ihr in Gedanken nachzuhängen und die Orte weiterzuempfehlen. Das möchte ich hiermit tun und freue mich, dass es noch zu entdeckende Themenbände von 2016 („Tiere“) und 2017 („Geburtstag“) gibt und dass  in Bälde (02/2018) Band Nummer vier („Sehnsucht“) auf uns wartet.

*herausgegeben von Rafik Schami, ars vivendi 2015

(Buchfoto: Amazon)

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Literarisches Quartett vom 16. Juni 2017

Zu Gast war diesmal Ulrich Matthes, Mitglied des Berliner Deutschen Theaters und ein engagierter Leser und Rezensent und geschwärmt hat er zusammen mit Thea Dorn von „Sämtliche Erzählungen“ von Maeve Brennan. Brennans Geschichten nannte Dorn „großartige Etüden der Einsamkeit“ , in die sie sich sofort verliebt hat: endlich eine Frau, die es versteht, „Flaneurliteratur“ zu schreiben. Auch Weidermann lobte, sprach von einer „unaufschließbaren Einsamkeit“ und der „unglaublichen Kälte, mit der erzählt wird“. Frau Westermann traute sich danach zu sagen: „gebt euer Geld für was anderes aus, ich habe mich sehr gelangweilt“. Unter dieser Kritik litt Thea Dorn theatralisch und nahezu körperlich: die Faust an die Stirn gedrückt rang sie um Fassung. Dass jemand das, was sie als Inbegriff des Wunderbaren berückt , langweilig finden kann! Und als sie zu Frau Westermann sagte „wir suchen nach unterschiedlicher Literatur“ klingt das, als wisse Frau Westermann einfach nicht, was intellektuelles Leseniveau ist.

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Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

Flott fängt das Buch an- fast wie ein Thriller:

„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab´s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte.“

Aus verschiedenen Erzählperspektiven beleuchtet Toni Morrison das Leben von Bride, angefangen und beendet mit Worten der Mutter. Die Mutter, aufgewachsen im rassistischen Amerika, kann sich mit der extremen Dunkelhäutigkeit ihrer Tochter nicht anfreunden und Bride, damals noch Lula Ann, wächst in liebloser, ablehnender Atmosphäre auf.

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Rezension

Yorck Kronenberg: Was war

Buchrezension

Selten habe ich so ein sanftes, sorgsames und melancholisches Buch gelesen. Wie durch einen zarten Schleier blicken wir mit dem Ich-Erzähler während eines Frankreichaufenthaltes auf seine Trauer und seine Kindheitserinnerungen. Was immer in seinen Blick und seine Wahrnehmung gerät, es ist nie zu gering um erzählt zu werden. Weiterlesen

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