Selbstgemachtes II

Das Wesen einer Figur – reale Vorbilder: die rundliche Zirkustänzerin

Hier das Ergebnis meiner Arbeit mit den Leitfragen zu einer realen Person.

Das Bild, das vor dem inneren Auge entstanden ist:

Eine kleine Zirkustänzerin mit schönen Augen, die ich aus einem Bilderbuch erinnere.  Sie könnte „Die kleine Ida“ heißen, wie das Märchen von Andersen.  Sie steht mit hochgebundenen Löckchen, einer Schleife im Haar und auf einem Zeh in Ballerinaschuhen. Sie setzt an zur Pirouette, trägt ein rosa Tütü und weiße Strümpfe, macht ein Schnütchen, reckt die dicken Ärmchen in die Höh´. Sie hat keine Taille und sieht aus wie ein Törtchen. Und sie lächelt konzentriert. Die Szene ist zunächst umweht von Traurigkeit. Da ist der Versuch, einen Traum zu leben  und sich dabei  zum Gespött zu machen. Da ist aber auch noch das trotzige Selbstbewusstsein, das in der Artistin wohnt, an das der Zuschauer nicht rühren kann. Sie macht das, was sie machen möchte – und den Zuschauer erfasst ein Hauch Selbstmitleid wenn er  erkennt, wie eng seine Welt ist, wie hart die Grenzen dessen, was richtig, schön und lebenswert ist. Ein zweiter Blick und da plötzlich erkennt man das Strahlen in ihren Augen, ein Zwinkern der  Selbstironie. Und wer weiß, vielleicht ist der Tanz eine köstliche Imitation, eine Art Comedy und warmer Spott.

Wenn sie nun also einen Auftritt hätte in einer Erzählung- wie würde ich es angehen? Ein Versuch.

Ich liebte meine Cousine über alles. Wenn Cassandra zu Besuch war, färbten sich meine Haare lila, die Haustür wurde zu Marzipan und die Rosen tanzten Tango. Cassandra war ein Feuerwerk. Sie wirbelte durch mein Haus, leichtfüßig und lachend, Kobold, Luftikus und Primadonna zugleich. Ihr molliger Körper war wendig, zu jeder Verrenkung bereit und wenn sie erzählte, war jede Faser an ihr in Bewegung. Nichts entging ihrem klugen Blick. Und ich kullerte mich im Liegestuhl, prustete und staunte und schlürfte Gin Tonic mit ihr.

Jeder Mensch von dem sie berichtete, bekam den Glanz großartiger Übersteigerung. Und dabei hat sie natürlich entlarvt, war aufrichtig bis ins Mark, aber niemals verletzend. Cassandra machte aus Menschen Typen, von denen du sicher warst, ihnen schon begegnet zu sein, so leibhaftig traten sie dir in ihrer Darbietung gegenüber.

Cassandra war das Gefäß, in dem Essenzen reiften, die sie dann mit sanftem Schwung in meinen Garten goss und mir zeigte, wie erfrischend, wie wunderbar, wie einzigartig die Menschen sind. Ohne Cassandra hätte ich das ein ums andere Mal vergessen, so wie ich es jetzt vergessen habe und ohne sie nicht mehr spüren kann. Mein Herz ist leer und Rosen mag ich schon lange nicht mehr.

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