Allgemein, Lernen durch Lesen, Rezension

Philipp Roth „Empörung“

Zusammen mit Seethalers „Das Feld“ kaufte ich zufällig auch Roths „Empörung“.

Wie in „Das Feld“ erzählt auch in „Empörung“ ein Toter aus dem Seelenreich heraus seine Geschichte: Markus Messner, Sohn eines koscheren Metzgers in Ohio, von beiden Eltern sehr geliebt und beschützt, stirbt, von Bajonetten zerfetzt, 1952 in Korea – mit gerade einmal 19 Jahren.

Hineingeboren in das kleinstädtische Amerika der 50-er Jahre, das sich im Koreakrieg befindet, versucht Messner, seinem überfürsorglich gewordenen Vater zu entkommen und einfach ein sehr guter Student zu sein, um, falls es dazu kommen sollte, nicht als einfacher Rekrut in die koreanischen Schützengräben geschickt zu werden, sondern als Offizier in den Planungsstab.

Messner ist wissbegierig und mit einem klaren moralischen Orientierungssinn versehen. Alles Frömmelnde ist ihm zuwider. Deshalb ist er Anhänger von Bertrand Russel und haftet keinem Glauben an. Von starkem Gerechtigkeitssinn und Nonkonformismus durchdrungen, setzt Messner sich gegen die Angriffe auf seine Würde zur Wehr. Er wechselt das College, er zieht dort zweimal um, er argumentiert stringent und schlagkräftig gegen die investigativen und zu persönlichen Fragen des Direktors.

In manchen Szenen wird Messner aus dem Jenseits heraus zum unbeteiligten Beobachter der Vergangenheit, gerade so, als würde er die Geschehnisse dokumentieren. In einer dieser Szenen, dem weißen Höschenklau und der darauffolgenden Zornesrede des Direktors, wird die ganze Regelbesessenheit und Enge dieser Zeit spürbar. Aber es bleibt dem Leser nicht erspart, festzustellen, dass sowohl der Direktor als auch Messners Vater am Ende richtig lagen:

„Jenseits eurer Verbindungshäuser entfaltet sich Tag für Tag Geschichte – Krieg, Bomben, Massaker- , und ihr seid blind für das alles (…) aber am Ende wird euch die Geschichte einholen. Geschichte ist nämlich nicht der Hintergrund – Geschichte ist die Bühne! Und ihr steht auf der Bühne. Oh wie abscheulich ist eure erschreckende Unkenntnis eurer eigenen Gegenwart“ (aus der Rede des Direktors)

Sobald Messner seinem Orientierungssystem zuwider handelt, sich also z. B. das Mädchen ausreden lässt, im Tausch gegen die Nichtscheidung seiner Eltern, oder einen Stellvertreter für den wöchentlichen Pflicht-Gottesdienst bezahlt, läuft sein Leben aus der Bahn: das Mädchen findet er nicht mehr, der Stellvertreter wird verraten, Messner daraufhin der Schule verwiesen und in Korea getötet.

Es bleibt dem Leser die Empörung über jene, die mit faulen Überzeugungen hausieren gehen und jene, denen Selbstreflexion und das Interesse an der Zukunft abhanden gekommen sind.

Philipp Roth „Empörung“ rororo, 5.Auflage Februar 2018

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Fingerübung, Lernen durch Lesen, Schreibübung

Show – don´t tell. Eine Schreibübung.

Liebe Schreibende,

heute befassen wir uns mit einem Zitats aus Gogols Novelle „Der Newskijprospekt“:

„Sie kamen in das Zimmer. Drei weibliche Gestalten in verschiedenen Ecken stellten sich seinen Augen vor. Die eine legte Karten; die andere saß am Klavier und spielte mit zwei Fingern irgendetwas Trauriges nach Arte einer altmodischen Polonäse; die dritte saß vor dem Spiegel und kämmte ihr langes Haar und dachte gar nicht daran, beim Eintritt einer fremden Person mit ihrer Toilette aufzuhören. Eine unangenehme Unordnung, wie man sie gewöhnlich nur im Zimmer eines sorglosen Junggesellen antrifft, herrschte in allem. Die ziemlich schönen Möbel waren mit Staub bedeckt; eine Spinne hatte mit ihrem Netz das stuckierte Gesimse überzogen; durch die halbgeöffnete Tür des anderen Zimmers blitzte ein Stiefel mit einem Sporn und leuchtete der rote Aufschlag einer Uniform; eine laute Männerstimme und das Lachen einer Frau ertönte, ohne sich den geringsten Zwang anzutun. Mein Gott, wohin war er geraten!“

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Allgemein, Lernen durch Lesen

Emotionen erlebbar machen: Angst

„Der Mensch braucht Angst, sonst lernt er nichts“ 1

Stefan Zweigs Novelle „Angst“ von 1912

Starke Emotionen und Novellen- eine hautenge Beziehung! Das die Novelle begründende  Ereignis ist unerwartet, ungewöhnlich, ungehörig.  Und solche Ereignisse werfen in aller Regel die Protagonisten aus den gewohnten Bahnen, schubsen sie in herausfordernde Gefühlswelten, fordern sie zu Handlungen und Entscheidungen auf, die ihnen selbst (noch) fremd sind.

Die Angst ist dabei ein ganz besonderer, den ganzen Menschen, die ganze Wahrnehmung und Verhaltensweise verändernder Saft. Ohne ihn kein Thriller, ohne ihn keine der herausragendsten Novellen des vergangenen Jahrhunderts.

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Allgemein, Lesung

Lesung: Widerfahrnis -Bodo Kirchhoff

9. März 2017, 20 Uhr, Literaturhaus Stuttgart

Moderation: Alexander Wasner, Redakteur bei SWR2;
Aufzeichnung der Sendung für den 13. Juni 2017, 22:03 Uhr, in der SWR2 Serie „Das literarische Hier und Jetzt“;

Gut gelaunt und gebräunt von indischer Sonne betritt Bodo Kirchhoff die Bühne des Literaturhauses Stuttgart. Eine der leider hölzernen und kaum weiterführenden Fragen von Herrn Wasner, was Kalkutta von Stuttgart unterscheidet, beantwortet er damit, dass die Luft in Stuttgart besser ist- was trotz Feinstaubalarmen vermutlich sehr richtig ist. Den Fängen von Herrn Wasners nächster seltsamer Frage, ob der Bekanntheitsgrad nach dem Gewinn des Deutschen Buchpreises mit seinem Bankkonto korrelieren würde, entzieht sich Kirchhoff, indem er, worauf alle bereits warten, über das Buch zu sprechen beginnt- das (!) „Widerfahrnis“.

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Rezension

Bodo Kirchhoff „Widerfahrnis“

Da geht ein Mann auf die Reise, nicht, weil er das möchte, sondern weil eine Frau ihn dazu bringt, eine, die mit ihm im selben anonymen Rentner-Appartementblock im Weissachtal lebt. Leonie Palm und Reither brechen also zu einem Spontantrip auf, der sie bis hinunter nach Sizilien führt. Lässig sind die beiden unterwegs, Kleidung und Essen werden unterwegs gekauft, übernachtet wird im Auto. So fahren sie, erfahren das eine oder andere voneinander und erreichen Catania 124 Seiten und dutzende Zigarettenpackungen später. Für den Leser gepflegte Langeweile, die sich überbrücken lässt, wenn man die Reiseroute aufmerksam verfolgt – falls man nicht angesichts der hemmungslos konsumierten Zigaretten an virtueller Bronchitis erkrankt. Ein etwas seltsames Erinnern an die Freiheit des Marlboro Mannes.

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Fingerübung, Schreibübung

Schreiben: Orte als Seelenspiegel für die Figuren

Ort und Person in Novelle, Kurzgeschichte oder Roman sind nicht unabhängig voneinander. Wäre der Ort einfach ein Ort, würde man ein wichtiges Potenzial vergeuden. Orte sind nämlich in der Lage, die Stimmung zu verdichten, lebendig zu machen und Spannung zu erzeugen.

Werfen wir zu diesem Thema einen Blick in Bodo Kirchoffs Novelle „Widerfahrnis“:

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Fingerübung, Schreibübung

Eine unerhörte Begebenheit als Ausgangspunkt der Novelle: der Brief

Mein aktuelles Projekt beginnt mit eben solch einem geheimnisvollen Brief, der die Veränderungen für meine beiden Protagonisten ins Rollen bringt.

Na, was soll denn so unerhört und packend an einem Brief sein? Vielleicht, dass man überhaupt noch einen bekommt und sich wundert, wer so altmodisch ist und so viel Zeit hat, Handgeschriebenes zu versenden?

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