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Wer sagt es schöner – Das Literarische Quartett vom 7. Dezember 2018

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Als Gast, der die Runde schnell dominierte, war der Schauspieler Ulrich Matthes geladen. Wo sonst Thea Dorn mit Eloquenz und Belesenheit das Heft in der Hand hält, kam es diesmal mit Herrn Matthes zu akademischen, wenn auch spielerischen Dialogen, in denen mit Hintergrundwissen doch mehr als notwendig geprahlt wurde. In der Glut der Debatte hörten sich die beiden leider auch am liebsten selbst reden und zwar immer wieder gleichzeitig.

Weidermann wirkte locker, moderierte straff und versuchte sich in einer machtvolleren Moderatorenrolle. Dazu nutzte er auch bisher unbekannte Gestik und Mimik: er rollte mit den Augen, warf sich im Stuhl zurück, fiel sogar ins Hessische angesichts dieser eher undisziplinierten Runde.

  1. Herr Matthes stellte von Hilmar Klute den Roman „Was dann nachher so schön fliegt“ vor. Der junge Protagonist wächst in den 80 er Jahre im Ruhrgebiet auf. Als Zivildienstleistender pflegt er Bewohner eines Altenheims, in seiner zweiten Welt versucht er sich mit Verve im Schreiben von Gedichten. Matthes schätzt die „unglaublichen Dialoge“ sowie die „burleske Komik“, mit der etliche Literaten ihr „Fett weg bekommen“. Am Ende, so Matthes, ist der Roman ein Buch über die „Kraft der Literatur“.
  2. Volker Weidermann warb für Maria Stepanowa und ihren Roman „Nach dem Gedächtnis“. Es handelt sich um eine jüdische Familiengeschichte, die so leise am Rande der Gesellschaft stattfindet, dass sie danach ruft, an die Oberfläche gebracht zu werden.. Matthes bezeichnet das Buch als „leuchtend“ und als Idealfall dessen, was er von einem Buch erwartet: hohe suggestive Kraft, die Fähigkeit, den Leser in die Welt der Protagonisten eintauchen zu lassen und einen Abgleich mit dem Leben des Lesers zu provozieren. Westermann und Dorn empfanden das Werk  „mühsam“ zu lesen, zumal Stepanowa versucht, allen Figuren gerecht zu werden, alle aus dem Verborgenen herauszuheben und so nicht dazu kommt, die Geschichten der einzelnen Figuren wirklich zu Ende zu erzählen.
  3. Christine Westermann versuchte, Lesern den Debütroman „Lempi – das heißt Liebe“ von Minna Rytisalo ans Herz zu legen. Die Liebesgeschichte spielt in den 40-er Jahren in Lappland und dreht sich um Lempi, die eine innige Liebe mit dem Bauernsohn Viljami verbindet. Viljami wird 1943 zum Krieg eingezogen. Als er zurückkommt, ist Lempi verschwunden… Matthes war von dem Buch gelangweilt, weil ihn der „Klang“ der Autorin nicht erreicht hat und fand den Roman „betulich“. Weidermann fand die Liebesgeschichte „säuselnd leicht“, Thea Dorn fragte sich, was die „ganze Übung bringt“.
  4. Zu guter Letzt griff Thea Dorn zu Sebastian Barry und seinen Roman „Tage ohne Ende“. Unwidersprochen das Highlight des Abends, dem Thea Dorn 8 von 4 Punkten gab. Obwohl vom Genre her ein Westernroman, faltet Barry ein „riesiges Panorama über Liebe, Loyalität, Vertreibung, Gutbürger, Homoehe“ etc. auf. Im Rückblick erzählt der Ire Thomas Mc Nulty, sein Leben, nachdem  er vor der Hungersnot 1847 in Irland als 15-jähriger floh. Er und sein Freund John Cole melden sich zum Militär, werden zu Schuldigen im Kampf gegen die Indianer und führen zugleich eine zärtliche Partnerschaft, in die hinein sie sogar ein Indianermädchen adoptieren.  Dem Buch bescheinigen die Mitglieder des Quartetts eine großartige Mischung aus Grausamkeit und Feinheit, bezeichnen es als tollkühnes Buch und große Literatur. Wer mehr wissen möchte: bereits im September erschien eine Rezension im Literaturcafé.

Insgesamt bot das Quartett eine spannende, stellenweise etwas abgehobene Debatte. Zu Beginn einer Buchvorstellung darf sich das Quartett gerne auf die erzählende Zusammenfassung besinnen, die als solche schon neugierig macht und hohe Kunst ist.

Viel Freude bei den Weihnachtsbücher- Wunschzetteln für alle Blogleser und festliche, fröhliche Tage!

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